21. Oktober 2013

Die Weltgesellschaft Strategiespiel mit Milliarden von Spielern

Handeln heißt Verhandeln

Von Hegel stammt der Satz: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Dieser Satz stimmt, aber in einem anderen Sinne, als Hegel meinte. Hegel meinte die Vernunft des Weltgeistes. Wenn wir statt der Vernunft des Weltgeistes die Handlungsrationalität der Individuen einsetzen, dann kommen wir der Realität nahe. Menschen handeln, weil sie sich von ihrem Handeln die Maximierung ihres psychischen Einkommens versprechen. Zu diesem Zweck verwenden sie die Informationen, Ressourcen und Fähigkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen. Ihr Handeln ist das rationale Mittel für einen subjektiven Zweck. Daraus kann man den Satz ableiten: Die soziale Welt ist die Summe aller gegenwärtiger menschlicher Handlungen, die die Individuen unter den gegebenen Informationen in Erwartungen auf das höchst mögliche psychische Einkommen für sich selbst unternehmen. Die Welt, so irrational sie erscheinen mag, ist das Ergebnis der rationalen Strategien aller lebenden Individuen. Die Welt ist notwendigerweise zu diesem Zeitpunkt gerade so, wie sie gerade zu diesem Zeitpunkt ist. Mit dem Wissen von heute hätten sich viele Menschen gestern zwar anders verhalten, aber sie konnten sich nicht anders verhalten, weil sie das Wissen von heute noch nicht hatten.

Vergangenes und aktuelles Wissen

Oft blicken wir auf die Vergangenheit zurück und erklären, dass wir es anders machen würden, wenn wir noch einmal vor der Entscheidung stünden. Mit einer solchen Aussage ist gemeint, dass wir uns anders entschieden hätten, wenn uns andere Informationen zur Verfügung gestanden hätten. Würden wir aber genau mit denselben Informationen wie damals wieder vor der Entscheidung stehen, dann würden wir sie auch wieder so treffen. Inzwischen haben wir Informationen, die wir damals nicht hatten. Wir wissen, dass die Strategien, die wir verfolgt haben, nicht aufgegangen sind. Wir kennen vielleicht die Umstände, die uns damals nicht bekannt waren, die dazu führten, dass sie nicht aufgegangen sind. Oder unsere Strategie ist vielleicht tatsächlich aufgegangen und wir haben unsere Ziele erreicht, aber wir haben entdeckt, dass die Erfüllung unserer Wünsche uns nicht das erwartete psychische Einkommen gebracht hat. Dieses Wissen konnte aber die Entscheidung damals nicht beeinflussen, weil dieses Wissen den bisherigen Ablauf voraussetzt. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Die Dynamik der sozialen Evolution

Wenn ich die menschliche Gesellschaft im Ganzen beobachte, muss ich mir die Frage stellen, wie koordinieren Menschen ihre Handlungen, wie kooperieren sie miteinander, wie tragen sie Konflikte aus und wie schließen sie Kompromisse. Das alles unter der Gegebenheit, dass Menschen mit begrenzten Informationen Strategien entwerfen, um ihr psychisches Einkommen zu maximieren. Die Strategien zur Maximierung des psychischen Einkommens definieren die Interessen der Menschen. Menschliches Handeln ist darum immer von Interessen geleitet. Die Welt des Sozialen ist immer dynamisch, weil sie ständigen Veränderungen unterworfen ist. Menschen ändern ihre Wünsche und Ziele, das heißt ihre Erwartung, welcher Zustand ihnen das höchstmögliche psychische Einkommen verspricht, sie ändern ihre Strategien, um ihre Ziele zu erreichen, und sie verarbeiten beständig neue Informationen, aus denen sie ihre Strategien ableiten. Um ihre Ziele zu erreichen, kooperieren sie mit anderen Menschen, die ähnliche oder teilweise identische Ziele verfolgen, sie geraten mit anderen in Konflikt, die Ziele und Strategien verfolgen, die mit ihren nicht oder schwer vereinbar sind. Sie entwickeln Strategien, um Konflikte zu vermeiden und zu bestehen, und schließen Kompromisse. Aus Kompromissen werden dauerhafte Regeln. Diesen Prozess nennen wir in Anlehnung an F. A. Hayek „soziale Evolution“.

Handeln heißt verhandeln

Jede menschliche Beziehung besteht aus einem permanenten Aushandlungsprozess, bei dem alle Seiten darum bemüht sind, ihr psychisches Einkommen zu maximieren. Es ist ein Spiel mit Erfahrungen und Erwartungen. Es geht immer darum, was können wir uns gegenseitig Gutes tun, und was können wir uns gegenseitig androhen. Es geht um Anziehung und Abschreckung. Ich habe eine Strategie, um mein psychisches Einkommen zu maximieren. Andere können meine Strategie durch ihr Handeln befördern oder behindern. Ich muss also Einfluss auf ihr Handeln nehmen, damit ich meine Strategie umsetzen kann. Ebenso kann ich mit meinem Handeln ihre Strategien befördern oder behindern. Wir können also Tauschgeschäfte machen: Ich befördere deine Strategie, beförderst du meine; ich behindere deine Strategie, behinderst du meine. Das heißt, unser soziales Leben besteht aus der permanenten Kommunikation mit anderen, um unser Verhalten miteinander zu koordinieren. Das passiert explizit, indem wir eine mündliche Vereinbarung treffen oder einen Vertrag beim Notar aufsetzen, der Rechte und Pflichten definiert, oder das passiert implizit, indem sich im Alltag aufeinander abgestimmte Verhaltensweisen auf dem Weg von Versuch und Irrtum einschleifen.

Handlungen beeinflussen

Unsere erste Reaktion auf ein Verhalten, das wir nicht verstehen, ist ganz selbstverständlich davon auszugehen, der Betreffende sei entweder „dumm“ oder „verrückt“ oder „böse“. Das verstellt uns aber den Blick auf die Realität mehr als dass es ihn freilegt und es nimmt uns oft die Möglichkeit, auf das Verhalten des Handelnden Einfluss zu nehmen. Wenn ich das Verhalten eines Menschen beobachte, dann muss ich fragen, welches psychische Einkommen strebt er damit an, auf welcher Informationsbasis erfolgt seine Entscheidung, mit welcher Strategie auf der Basis dieser Informationen versucht er, sein psychisches Einkommen zu maximieren. Ich kann auf verschiedenen Wegen auf sein Verhalten Einfluss nehmen: Ich kann ihm neue Informationen zur Verfügung stellen, die er bislang noch nicht hatte, so dass er seine Entscheidungen auf einer Basis neuer Erkenntnisse trifft. Ich kann mich selbst so verhalten, dass ich seine Strategie erschwere oder unmöglich mache und ihn auf diese Weise zwingen, seine Strategie zu ändern, oder ich kann versuchen, ihm einen anderen Weg, sein psychisches Einkommen zu maximieren, in Aussicht zu stellen.

Ordnung im globalen Strategiespiel

Aus diesem globalen Strategiespiel aus Milliarden von Spielern gibt es kein Entrinnen. Es gibt keine objektive Instanz oder einen nicht beteiligten Betrachter. Es gibt niemanden, dem es nicht darum geht, sein psychisches Einkommen zu maximieren, niemanden, der über vollkommene Informationen verfügt, oder überhaupt nur über die Information, über welche Information er nicht verfügt, es gibt niemanden, der keine Strategie hat und keine Eigeninteressen verfolgt. Es gibt eben keinen Weltgeist und kein Weltgewissen, kein kollektives Ziel und kein kollektives Bewusstsein. Ordnung entsteht nicht dadurch, dass ein jemand, der wie der Heilige Geist über allem schwebt, eine Ordnung einführt – diese Vorstellung bezeichnete Hayek als „rationalistischen Konstruktivismus“ –, sondern aus Konflikten und Kooperation entstehen Kompromisse, aus Kompromissen entstehen Regeln und aus einer Vielzahl von Regeln entsteht ein Muster, das sich zu einer Ordnung verfestigt. Wir verändern die Welt oft mehr dadurch, wie wir etwas tun, als durch unsere bewusst gesetzten Ziele. Der Umstand, dass ich diesen Text auf einem Computer schreibe und per E-Mail schicke, das in einer bestimmten Sprache mit bestimmten Formulierungen und Begriffen tue und die Leser diesen Text im Internet finden können, ist für das Verständnis unserer Ordnungs- und Regelsysteme wohl wichtiger als der Inhalt des Textes selbst.

Link:

Gérard Bökenkamp: Wirtschaft verstehen – Einkommen nach Murray Rothbard


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