21. Oktober 2013

Tebartz-van Elst Prunk, Protz, Pranger

Etwas Bleibendes schaffen

In Sachen Bischof von Limburg hat der Protestantismus gesiegt oder das Proletariat.  Passend dazu jene Worte, die Verachtung regelrecht herausprusten: Prunk und Pracht, protzen und prassen. Also: Pranger.

Vom fröhlichen Agnostiker bis zum strengen Lutheraner scheinen sich alle einig zu sein: der Katholik habe es an Bescheidenheit fehlen lassen, als er die Bischofsresidenz des hübschen Städtchens zu einem Schmuckstück ausbauen ließ – zu Kosten, die mittlerweile angeblich auf das zehnfache des ursprünglich vorgesehenen Betrags gestiegen sind.

Nun ist jener Bischof, ein schmales Männchen, gewiss kein Sympathieträger. Doch wie auch immer er gesündigt hat: niemand scheint ihn kontrolliert zu haben. Das Versagen sämtlicher kritischer Instanzen ist ein Krimi für sich. Wer sich da im Nachhinein unschuldig gibt, verhält sich unredlich.

Was jedoch am meisten irritiert: die öffentliche Empörung übersteigt bei weitem den Schaden. Denn der Bischof hat keine Steuergelder veruntreut, Vorwürfe können ihm höchstens seine Kirche und ihre Gläubigen machen. Woher also die Aufregung, die so auffällig fehlt, wenn es um „demokratisch“, also von der öffentlichen Hand geplante Bauwerke geht? Bei denen ist es üblich, dass die Kosten explodieren, was, wenn es nicht vorsätzliche Irreführung ist, zumindest darauf schließen lässt, dass Politik und Verwaltung Planung und Kostenkalkulation verlernt haben.

Der Schaden, sofern einer dem Bistum entstanden ist, geht im Grunde weder Politik noch Nichtkatholiken etwas an. Womöglich speist sich also die allgemeine Erregung aus tieferen Quellen, was so sprechende Worte wie „Protz“ und „Prunk“ nahelegen. Sie lassen vor unseren Augen ein Sittengemälde entstehen, in dem Klerus und Adel enthemmt verprassen, was das Volk mit Fleiß erschaffen hat. Und so führen sich all die Empörten und Selbstgerechten auf wie weiland im 18. Jahrhundert die Jakobiner, die im Namen der Tugend zum Tyrannensturz aufriefen. Dabei sieht ausgerechnet Tebartz-van Elst nicht im Entferntesten aus wie die Karikatur des versoffenen und verfressenen Kirchenmannes. Doch wem, denken offenbar die Erregten, ist schon zu trauen, der sich eine freistehende Wanne ins Badezimmer stellen und goldglänzende Türklinken verbauen lässt?

Ohne mich zum Anwalt der katholischen Kirche machen zu wollen: an diesen Bildern und an dieser Empörung stimmt etwas nicht.

Etwa, was das Protzen und Prunken betrifft: wer, bitte schön, wäre geeigneter für die Entfaltung von Pracht als die katholische Kirche? Ihre Mönche und Bischöfe haben der Nachwelt die schönsten Dinge hinterlassen: Kathedralen und Champagner, um es mal auf diesen Punkt zu bringen. Bleiben wir bei den Kathedralen, diesen großartigen Bauten zu Ehren Gottes: nichts als Protz und Prunk und Verschwendung, nach den Maßstäben der Empörten. Doch – wollen wir sie missen? Ein Ort ohne Gotteshaus ist eine Ansiedlung ohne Mitte – und ohne Geschichte. Es sind nunmal die Adelspaläste, Bischofssitze und Bürgerhäuser, die Europa noch heute prägen, während die Behausungen der kleinen Leute selten ein Menschenleben überdauerten. Sollen wir deshalb auf die Zeugnisse früherer Prachtentfaltung verzichten?

Mag sein, dass sich dieser Bischof und jener Papst mit prächtigen Bauten ein Denkmal setzen oder seine Macht demonstrieren wollte. Doch sogar den sichtlich Eigensüchtigen darf man unterstellen, dass sie über den Tag hinaus gedacht haben. Kirchen und Paläste waren nicht für nur ein Menschenleben gedacht, sie sollten überdauern, bis in alle Ewigkeit, amen. In Zeiten, in denen Zweckarchitektur die Innenstädte veröden lässt und Reihenhäuser armselige Lebensabschnittshüllen geworden sind, die keinen Charakter mehr haben, ist das vielleicht einen Gedanken wert: dass es im Leben auch darauf ankommen könnte, etwas Bleibendes zu schaffen und zu hinterlassen.

Der Limburger Bischof hat jedenfalls ein gutes Werk für Limburg und seine Besucher getan, in dem er mit beträchtlichem Aufwand die prächtige Vikarie aus dem 15. Jahrhundert restaurieren ließ. Ob die Neubauten der Residenz Bestand haben, unterliegt einem ästhetischen Urteil, keinem moralischen oder buchhalterischen.

Doch das Spektakuläre des Neubaus scheint überwiegend unter der Sichtbarkeitsgrenze zu liegen. Und die Schießschartenoptik der neuen Kapelle lässt befürchten, dass sie in hundert Jahren niemanden mehr berührt. Dieses Urteil aber müssen wir der Nachwelt überlassen. Und der katholischen Kirche, sofern es sie und ihr Vermögen dann noch gibt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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