25. Oktober 2013

Psychiatrie Gustl Mollath und die Folgen

Zu viele ideologisch motivierte Meinungen

Einmal mehr löst der „Fall Gustl Mollath“ die übliche Psychiatrie-Kritik aus: Zu lange, mit falscher Diagnose eingesperrt –  oder zu früh entlassen. Der Autor Thomas Szasz (1920 bis 2012) erweist sich bei näherem Hinsehen nicht als der ideale Psychiatrie-Kritiker. Bereits 1960 publizierte er seinen Text „Mythos Geisteskrankheiten“.

In seiner Biografie wird er 1969 als Mitbegründer der Citizen Commission on Human Rights (CCHR) gelistet. Dieser Ableger der Scientology wurde 1972 unter entsprechendem deutschen Namen in München gegründet. Dem Verdacht, dass er selbst Scientologe sei, widersprach Szasz mit dem Hinweis, dass es sich hier lediglich um ein Zweckbündnis handele.  Die Kommission ist durch Zuschriften an die Redaktion meiner Psychiatrie-Zeitschrift bekannt geworden. Ich habe dann ein Interview über die psychiatrischen Vorstellungen der Scientology vereinbart und darüber einen Artikel geschrieben. In Deutschland wurde Szasz sehr viel später durch sein „Psychiatrisches Testament“ bekannt. Szasz lässt sich ohne weiteres der Antipsychiatrie zuordnen. Diese Bewegung entstand zu Beginn der 50er Jahre in England durch die Psychiater Ronald D. Laing und David Cooper, die beide den medizinischen Krankheitsbeginn der Schizophrenie ablehnten und deutlich  machten, dass ihre Entstehung mit gesellschaftskritischen und politischen Argumenten begründet werden musste. Als geistiger Vater dieser Thesen gilt Michel Foucault. In seinem Buch „Wahnsinn und Gesellschaft“ hat er versucht, diese Zusammenhänge zu erklären.

Zu der Zeit waren wir in Deutschland noch weit von einer dringend notwendigen Psychiatrie-Reform entfernt. Erst 1975, mit der „Enquete zur Lage der Psychiatrie“ begann der Wandel. Bemerkenswert ist, dass die skandalösen Zustände in den zu Recht als Schlangengruben bezeichneten Psychiatrien durch berufsfremde Persönlichkeiten publik gemacht wurden. Deshalb meine Meinung: Psychiater dürfen niemals mehr mit ihren Patienten alleine gelassen werden!

Dem entspricht das Ordnungsrecht. Jedenfalls habe ich es während meiner aktiven Psychiatrie-Zeit so kennengelernt, dass der Antrag für eine Zwangsbehandlung beim zuständigen Ordnungsamt abgegeben werden muss. Erfüllt der Sachverhalt nicht den gesetzlichen Tatbestand wird es nichts mit einer Zwangseinweisung. Die Hürden sind hoch gelegt, jedenfalls habe ich das so erlebt. Und die Bezahlung reicht aus, um ein anwaltliches Engagement zu rechtfertigen. Wenn dieses nicht sichtbar wird, kann es durchaus an dem Anwalt liegen, der sein Honorar schnell verdienen will. Natürlich kann sich auch eine Routine zur schnellen Bearbeitung zwischen Gericht, Gutachter und Anwalt einschleichen. Wie die Verordnungen in Bayern angelegt sind, weiß ich nicht. Allerdings würde ich mich erst über den Fall Mollath äußern, wenn mir alle Unterlagen zur Verfügung stehen würden. Diese Vorgehensweise würde ich auch jedem anderen Menschen empfehlen.

Während meiner ersten beruflichen Jahre erlebte ich etliche Bewohner, die nach der Behandlung im psychiatrischen Krankenhaus ihre Medikamente (Neuroleptika) absetzten. Mit dieserEntscheidung ging es ihnen zunächst deutlich besser, sie waren wieder „ganz bei sich“. Diesen Zustand konnte ich aus meiner täglichen Nähe bestätigen, aber auch einen bald beginnenden Prozess der Rückkehr der Psychose beobachten. Dieser Begriff ist für mich die Beschreibung eines Zustandes, der sich bei jedem Erkrankten anders zeigt. Plakativ ausgedrückt: Jeder hat seine eigene Psychose.

Gerade während der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren die Gedanken der Antipsychiatrie mit ihren deutschen Ablegern virulent. Einige meinten, die unbehandelte Psychose würde von sich aus abklingen und sich quasi auflösen. Das habe ich so niemals erfahren, wohl aber einen Zustand, den der Kranke selbst nicht mehr aushalten konnte. Der Boden werde ihm unter den Füßen weggezogen, er müsse sofort in ein psychiatrisches Krankenhaus gebracht werden, lautete unisono die Forderung an mich. Und: Egal welches!

Es ist immer heilsam, sich der Geschichte zuzuwenden. Manch ein therapeutischer Impetus ist dem heutigen weit überlegen. Als Beispiel fällt mir die Gründung des Psychiatrischen Krankenhauses im damals dänischen  Schleswig ein. 1820 wurde ein Modellkrankenhaus errichtet, das von Besuchern aus ganz Europa besichtigt wurde.

Was Szasz, Laing und andere noch nicht kannten, war die Entwicklung der Medikamente (Neuroleptika), die den Wahn zum Abklingen bringen und die heutige offene Psychiatrie erst ermöglichen. Diese Zufallsentdeckung, ebenfalls aus den 50er Jahren, revolutionierte die Behandlung. Das grauenvolle Behandlungsrepertoire (Insulinkur, Lobotomie, kalte Bäder) gehört heute seit Jahrzehnten der Vergangenheit an. Bis hierhin war es aber noch ein weiter Weg. Erst musste die richtige Dosierung gefunden werden.

Der nächste Schritt war die Gehirnforschung und die bildgebenden Verfahren, die zu neuen Erkenntnissen führen und hier und da auch zur Einsicht, dass Sigmund Freuds Psychoanalyse nur ein anspruchsvolles, aber therapeutisch unwirksames Denkmodell ist, dass die Hirnforschung beeinträchtigt und verzögert hat.

Zurück zu meinen Erkenntnissen: Ich habe mit Menschen zusammengelebt, die zeitweilig „verrückt“ waren. Als mein erster Bewohner wieder schwere psychotisch wurde, nachdem er mit Hilfe seines unwissenden Arztes die Medikamente abgesetzt hatte, war mir sofort klar, dass keine „gesellschaftlichen“ und/oder „familiären Zustände“ diese schwere Erkrankung hervorrufen würden. Aus den vielen Diskussionen mit meinen Bewohnerinnen und Bewohnern weiß ich, dies diese Erklärung die Sympathie aller fand. Meine leider nicht: Es handelt sich um eine Stoffwechselstörung, die medikamentös behandelt werden kann. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Die Neuroleptika belegen die Dopamin- und Serotonin-Rezeptoren im Gehirn.

Gefordert wurden und werden immer wieder Gespräche. Sie sind wichtig, besonders in der akuten Phase erweisen sich Zuwendung, Ruhe, sozusagen der „Fels in der Brandung“ als das Gebot der Stunde. Das Modell „Soteria“ aus Bern in der Schweiz hat hier den richtigen Weg gezeigt. In meiner Einrichtung lebten Diplom-Psychologinnen und Diplom-Psychologen, die niedrigschwellig ansprechbar waren und viel Zeit hatten. Diese hat ein niedergelassener Psychiater nicht. Er ist umsatz- und gewinnabhängiger Unternehmer; entsprechend kurz fallen die Gespräche aus. Allerding wurde dieses Defizit in meiner Einrichtung kompensiert. Ich habe während meiner Journalistentätigkeit viele engagiert Persönlichkeiten als Pfleger, Krankenschwester, Psychiater und Diplom-Psychologen kennengelernt und wehre mich gegen Pauschalurteile und besonders die, die ständig wiederholt werden, weil sie auf wohlfeilen Vorurteilen beruhen. Seit langem habe ich die Gewissheit, dass die Psychose – oder wie man den Zustand auch immer nennen will – eine sehr schwere Erkrankung ist, die auch noch mit einer Stigmatisierung und viel Besserwisserei verbunden ist. In keinem Fachgebiet gibt es so viele politisch und ideologisch motivierte Meinungen.


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Uwe Böttjer

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