26. Oktober 2013

Politische Philosophie Warum Konservative libertär sein müssen

Die Linke ist mit dem starken Staat verwachsen

[Vorbemerkung: Die folgende Rede hielt Dr. Sean Gabb, Direktor der „United Kingdom Libertarian Alliance“, am 19.10.2013 in London vor der Versammlung der erzkonservativen „Traditional Britain Group“ – ein Verband, der die regierende konservative Partei David Camerons als Verräter an ihrer Sache betrachtet. Übersetzung für ef-online von Robert Grözinger.]

Ich denke, meine Damen und Herren, Sie kennen die Socialist Workers Party. Falls nicht: Dies ist eine Organisation, die die letzten vier Jahrzehnte damit verbracht hat, jede Beschwerde der Arbeiterklasse zu übernehmen und sie zur Verbreitung der frohen Botschaft des Trotzkismus auszunutzen. Zum Beispiel wenn die Arbeiter einer Knopffabrik in Leeds wegen eines Streits über Teepausen streikten. Früher oder später würde man das lärmende Gegröle hören und die unverkennbare Schrift der Banner sehen, die einem sagen, dass die Socialist Workers erschienen sind. 

Während der drei Jahrzehnte unseres Bestehens haben wir von der Libertarian Alliance dieser Taktik große Aufmerksamkeit geschenkt; und so gut wir können versuchen wir, sie zu imitieren. Unsere Leute gehen zu Konferenzen von traditionellen Konservativen, von sadomasochistischen Pornoanbetern und sogar zu Treffen der Studentenvereinigung und gelegentlich zu islamischen Gruppen. Unser Ziel ist dasselbe wie das der Socialist Workers: so viele Menschen wie möglich, egal was diese zunächst glauben, von dem zu überzeugen, was wir glauben.

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen der Socialist Workers Party und der Libertarian Alliance. Wir haben keine gestiefelten Schläger, die wir auf die Straße schicken, um unsere Widersacher zusammenzuschlagen oder einzuschüchtern. Vor allem sind wir aufrichtig bezüglich unserer Absichten. Wir versuchen nicht, die Menschen betrügerisch und etappenweise zu dem zu führen, was wir für die Wahrheit halten. Statt dessen ist es uns ein Vergnügen, diese Wahrheit so laut und klar wie wir können zu verkünden, und zwar jedem, der uns zuhört. Somit lassen Sie mich sagen woran wir glauben und was Sie wie ich meine ebenfalls glauben sollten. 

Wir möchten in einer Welt leben, in der jeder Mensch die gleichen Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum hat. Ich werde die Bedeutung dieses Satzes nicht im Einzelnen ausführen aber er beinhaltet unter anderem das Recht das zu tun, was manche von Ihnen für eine äußerst verkommene Lebensführung halten. Wir glauben an die Legalisierung sämtlicher Drogen und Waffen. Wir haben keine moralische Einwendung gegen homosexuelle Ehen oder Adoption durch homosexuelle Paare. Wir glauben an absolut freie Märkte und an den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, den diese ermöglichen. Unsere einzige Beschwerde über den Fortschritt ist, dass er nicht vollständig entfesselt ist und dass deshalb seine Kurve noch nicht komplett senkrecht verläuft. Wir betrachten die natürliche Welt – für die einige von Ihnen eine mystische Ehrfurcht empfinden – als eine gewaltige Lagerstätte, die dazu genutzt werden sollte, die Welt für unseren zunehmenden Wohlstand und allgemeinen Komfort umzugestalten.

Sie werden dann verstehen, dass ich wenig übrig habe für viele der Philosophen und Dichter, die für einige von Ihnen eine Inspiration waren. Ich habe viel von Nietzsche und etwas von Julius Evola und Francis Parker Yockey gelesen und bin etwas vertraut mit Alexander Dugin. Ich verfolge den „Counter Currents Blog“ und „AltRight“ und „The Occidental Observer“ und andere Publikationen, deren Existenz zu kennen ein gut erzogener Libertärer niemals zugeben sollte, von der Lektüre ganz zu schweigen. Und während ich die oft anzutreffende Brillanz und gelegentliche Erkenntnis hochschätze, die man hier findet, bin ich überhaupt nicht überzeugt worden. Was ich begrüße ist hauptsächlich eine Kritik der gegenwärtigen Ordnung der Dinge, die teilweise von den Libertären geteilt wird. Wenn es zur Ablösung dieser Ordnung durch eine andere kommt – wenn es um tatsächliche Rezepte geht, wie die Dinge sein sollten – denke ich wirklich, dass die gesamte gesammelte Masse dieser Schriften weniger zum Wohlergehen der Menschheit beigetragen hat, als eine einzige von Brunel gebaute Eisenbahnbrücke. 

Bedeutet das, dass ich nicht hier sein sollte? Bedeutet das, dass ich nichts zu sagen habe, das Sie ernst nehmen sollten? Ich hoffe nicht. Ebenso wie ich eine Art Libertärer bin, bin ich auch eine Art Konservativer. Ich bin taub gegenüber den Wohlklängen von Nietzsche und Evola und den anderen ausländischen Konservativen. Aber ich bin hochgradig beeindruckt von unseren eigenen Konservativen – Burke und Lord Salisbury und Enoch Powell, neben anderen. Diese Männer haben mir viel über Politik und das Denken über Politik beigebracht.

Darüber hinaus glaube ich, dass in einem Land wie England die Verteidigung der Freiheit oft am besten durch eine Verteidigung der Tradition erreicht wird. Die meisten Menschen denken nicht viel über politische Philosophie und Rechtsphilosophie nach. Dies ist keine Kritik, sondern die Akzeptanz dessen was Tatsache ist. Wenn es daher zur Verteidigung von Institutionen wie das Schwurgerichtsverfahren kommt, ist die beste Verteidigung nicht ein abstraktes Argument für eine Unabhängigkeit der Gerichte, sondern zu sagen, dass es diese Institution schon immer in England gab und dass es sie immer geben sollte. Dasselbe gilt für all die anderen Absicherungen unseres Rechtssystems und für die Meinungsfreiheit. 

Jeder Libertäre mit Verstand muss sich an die Realität anpassen. Ich habe gesagt, dass ich in einer Welt leben will, in der jeder den Libertarismus übernommen hat. Ich möchte China und Schwarzafrika und sogar die islamische Welt überzeugen. Ich bin schließlich ein Universalist. Gleichzeitig akzeptiere ich, dass derzeit nicht jedes Volk in gleichem Maße dem Libertarismus zugeneigt ist, noch dies in absehbarer Zukunft so sein wird; und dass es nicht vernünftig ist, Einwanderung aus Gegenden, wo kein Libertarismus festzustellen ist, dort zuzulassen, wo eine limitierte Form des Libertarismus existiert, bis dieser gänzlich ausgelöscht ist. Um es klar zu sagen: Ich bin gegen Masseneinwanderung aus der Dritten Welt. Jene Libertären, die durch einen Prozess halb-geometrischer Argumentation auf die Idee offener Grenzen kommen, haben kein Verständnis von der Welt wie sie ist, noch jegliche Chance bei anderen Belangen ernstgenommen zu werden.

Es ist dasselbe mit dem Erbadel oder etablierten Kirchen oder die offensichtlich zwangsweise Teilnahme an Einrichtungen wie einem Schwurgericht oder einer Bürgermiliz. Aus Gründen der Maximierung der Freiheit, die zu einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Ort existieren kann, müssen wir nebensächliche Verletzungen des Prinzips gleichberechtigten Selbsteigentums akzeptieren. Und das bedeutet ein häufig umfangreiches Zugeständnis an die konservativen Verteidiger der bestehenden – oder kürzlich abgeschafften – Ordnung der Dinge. 

Da ich nun das Wesen meines eigenen Zugeständnisses an den Konservatismus erklärt habe – ein Zugeständnis, das im Denkansatz unter Libertären ziemlich verbreitet ist – lassen Sie mich erklären, warum Sie, die Konservativen und Nationalisten, sich den Libertarismus zu eigen machen sollten.

Der erste Grund ist, dass Sie keine widerspruchsfreie Wahl haben. Sie gehören zu einer Nation, deren Geschichte und Gesetze das Rohmaterial gewesen sind, aus denen jede liberale oder libertäre Doktrin weiterentwickelt worden ist. Unseres ist ein Land, in dem wir seit mehreren hundert Jahren die Freiheit der Meinung und des Glaubens und des Zusammenschlusses und des Vertrages genießen, und wo uns diese noch nicht ganz oder durch den Anschein des demokratischen Prozesses genommen wurden. Unseres ist ein Land, in dem Macht formell oder informell beschränkt worden ist, und wo die Amtsgewalt immer mehr oder weniger rechenschaftspflichtig gegenüber den Regierten gewesen ist. Ihre Lieblingsautoren – meistens ausländische – verunglimpfen Bacon und Locke und Newton und Hume und Darwin und all die anderen als Verbreiter moralischen Gifts. Aber Sie können diese Männer nicht als Exzentriker betrachten, die zufällig auf derselben Insel geboren wurden und die systematisch das Denken und die Institutionen dieser Insel pervertiert haben. Zum größten Teil werden sie gefeiert weil sie beständig und einprägsam nur das in Worte gefaßt haben, was ihre Landsleute schon dachten oder geneigt waren als Wahrheit zu akzeptieren. Wenn Sie ein englischer oder britischer Konservativer sind, müssen Sie – es sei denn sie wollen Ihre nationalen Eigenheiten schamlos verdrehen – auch ein Libertärer sein. 

Der zweite Grund ist: Selbst wenn Sie freie Märkte und die Idee einer kleinen und beschränkten Regierung ablehnen, müssen Sie verrückt sein, wenn Sie glauben, dass eine große und aktivistische Regierung wahrscheinlich die Art von Ordnung zur Folge hätte, die Sie wünschen. Jede Institution des britischen Staates oder die mit ihm verbunden ist gehört zu dem, was wir unter „der Linken“ verstehen.

Linkes Denken ist innerhalb der herrschenden Institutionen dieses Landes absolut dominierend. Die Linke ist die Institutionen. Die Institutionen sind die Linke. 

Angenommen Sie kommen morgen irgendwie an die Macht. Sie könnten sich gegenseitig in die führenden Positionen in der Staatsbürokratie plazieren oder in die der Universitäten und der BBC. Aber Sie würden das bestehende Management brauchen, um den Betrieb aufrecht zu halten. Dieses versteht, was es leitet, weil es darin groß geworden ist. Und es sind viele; Sie sind wenige. Sie würden feststellen, dass Sie Hebel ziehen und Knöpfe drücken, die von der eigentlichen Kontrollmaschine abgekoppelt sind. Sie wären im Amt. Aber die Linke würde an der Macht bleiben. Es würde eine Generation dauern, sie zu ersetzen – und Sie hätten nicht den Luxus, eine Generation Zeit zu haben, um diese Veränderungen durchzusetzen.

Es spricht daher sehr viel für einen zumindest bedingten Libertarismus. Sie können den starken Staat, den Sie möglicherweise wollen, nicht haben. Sie sollten untersuchen, wie wenig Staat tatsächlich nötig ist, um die Dinge am Laufen zu halten. Dies muss Sie zu einer besseren Bekanntschaft mit libertärer Ökonomie und Rechts- und politischer Philosophie führen als die, die Sie bisher besessen haben. 

Ich sehe mich selbst als Konservativer unter Libertären und als Libertären unter Konservativen. Weil ich ein Engländer bin kann ich beides sein. Abgesehen von den Staatssozialisten – die, obwohl bedauerlicherweise erfolgreich, eine neue und fremde Einfügung in unser nationales Leben sind – reicht unser politisches Spektrum von sehr traditionellen Konservativen auf der einen zu rationalistischen Libertären auf der anderen Seite. Und es gibt, in der Mitte, ein breites Feld, das weder exklusiv das eine noch das andere ist, aber in dem Elemente beider kombiniert werden – manchmal harmonisch, manchmal misstönend.

Da dies so ist, rufe ich Sie auf, die Logik Ihres Standpunktes zu erkennen und die libertäre Seite Ihrer traditionellen Lebensweise zu erkunden.

Information:

Originalrede von Dr. Sean Gabb


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