28. Oktober 2013

Europa Türkei und die EU

Auf ewig eins

Wie schön: Vergangene Woche haben die Außen- und Europaminister der EU in Luxemburg beschlossen, den Verhandlungsprozess über die Aufnahme der Türkei in die EU fortzusetzen. Endlich! Nach drei Jahren des unendlich scheinenden Wartens soll wieder ein neues Kapitel der Verhandlungen eröffnet werden.

Das erfreut doch das Herz eines jeden echten Europäers – vor allem die vom Schlage eines Joschka Fischer oder Gerd Schröder. Den beiden und der damaligen rot-grünen Bundesregierung ist es zu verdanken, dass die Verhandlungen im Jahr 2005 überhaupt aufgenommen wurden. Das waren noch Zeiten! Nur wenige Tage nach Beginn der Beitrittsverhandlungen flog Schröder noch als amtierender Bundeskanzler nach Ankara, um zusammen mit dem damaligen türkischen Ministerpräsident Tayyip Erdogan medienwirksam das abendliche Fastenbrechen im Ramadan zu feiern – als erster Regierungschef eines christlichen Landes überhaupt. Das nennt sich Freundschaft!

Nun haben Spielverderber aus allen möglichen europäischen Ländern an diesem schönen Gedanken immer etwas zu bemängeln und unken ständig: Die Türkei sei nicht christlich, sie würde nicht zu uns passen, in Anatolien würden die Hirten Unzucht mit den Ziegen treiben und ähnlichen Blödsinn.

Dabei hat die Türkei längst den europäischen Standard erreicht. Am Taksim-Platz werden Demonstranten genauso mit Tränengas und Wasserwerfern traktiert, wie bei Stuttgart 21.  Das Kapitel „Innere Sicherheit“ hätte man also bereits abschließen können.

In manchen Bereichen ist die Türkei sogar viel weiter, als die EU. Während die rückständigen Franzosen unter dem Rechtspopulisten Sarkozy das menschenrechtsverachtende Gesetz verabschiedet haben, welches das Tragen von Burkas in der Öffentlichkeit unter Strafe stellt, hat der weise türkische Regierungschef Tayyip Erdogan endlich ein Gesetz abgeschafft, welches Staatsbeamten in der Türkei das Tragen des Kopftuchs Jahrzehnte lang verbot. Endlich können nun muslimische Lehrerinnen an staatlichen Schulen schön verhüllt vor ihre Schüler treten. Bei einer offiziellen Feier freute sich Herr Erdogan: „Niemand wird sich mehr in Fragen des Lebensstils der Leute einmischen.“

Prompt wurde nur eine Woche später die populäre  Moderatorin einer Musikshow im Privatsender ATV, Gözde Kansu, nur deswegen gefeuert, weil sie eine Gala in einem Kleid moderierte, welches nach Meinung des konservativen Vizechefs der Regierungspartei AKP Hüseyin Celik, ein zu tiefes Dekolleté hatte. Das widerspricht zwar etwas dem Geist des neuen Gesetzes von Erdogan, ist aber voll im Einklang mit der gelebten Demokratie in der EU. Oder erinnert sich niemand mehr an eine verdiente ARD-Nachrichtesprecherin, die öffentlich deswegen gesteinigt und anschließend verbrannt wurde, nur weil sie das Wort Autobahn in einem falschen Kontext in den Mund nahm?

Da können die Wilders‘ und Le Pens dieser Welt so viel stänkern, wie sie wollen. Da kann sich selbst der türkische Europaminister Bagis hinstellen und davon schwadronieren, die Türkei soll den Gedanken der Vollmitgliedschaft aufgeben und lieber einen Status wie Norwegen anstreben. Wir, die Beamten der EU-Kommission, werden das nahe Ausland auch weiterhin brüsselieren!


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