08. November 2013

Zinssenkung der EZB Vielleicht wird jetzt alles gut

Die Rückkehr zu realen Werten wird kommen

Vor zwei Wochen schrieb ich an dieser Stelle: Wenn man die Berichterstattung über die Euro-Schuldenländer dieser Tage liest, dann könnte man den Eindruck bekommen, dass das Schlimmste überstanden sei. Mit diesem provozierenden Einstieg habe ich dann dargelegt, dass die Überschuldungskrise von Staaten und Banken in Europa längst nicht ausgestanden ist, sondern am Vorabend der nächsten „Höllenfahrt“ steht. Jetzt ist mir EZB-Präsident Mario Draghi beigesprungen und hat meine Befürchtungen bestätigt. Wer hätte das gedacht? Mit einer imperatorgleichen Gelassenheit verkündete er: „Es werde Geld”, und der Zentralbankrat senkte den Leitzins der EZB von 0,5 Prozent auf nunmehr 0,25 Prozent. Und es wurde Geld! Die Aktienmärkte reagierten euphorisch und erreichten neue Höchststände. Damit gibt Draghi zu, dass die ökonomische Situation der Krisenstaaten und der Banken viel dramatischer ist, als von vielen Anfang des Jahres noch prognostiziert wurde. Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache: Die Staatsdefizite sind schwindelerregend hoch (Spanien 10,6 Prozent, Griechenland neun Prozent, Irland 8,2 Prozent, Euro-Raum 3,7 Prozent), der Schuldenstand steigt in den Krisenländern auf ein Niveau, das ein Verhindern des weiteren Anstiegs durch Wirtschaftswachstum unmöglich macht. Dazu kommen die Strukturprobleme am Arbeitsmarkt, insbesondere in Südeuropa, die die Arbeitslosigkeit vor allem bei jungen Menschen in katastrophale Höhen treibt und deren Ursache auch in den hohen Mindestlöhnen in diesen Ländern zu suchen ist. Schon allein Letzteres sollte die Großkoalitionäre in Berlin vor einer Übernahme dieses „Erfolgsmodells” in Deutschland zurückschrecken. Griechenlands Jugend ist zu fast 60 Prozent arbeitslos, in Spanien über 50 Prozent und in Portugal fast 40 Prozent. Und die Bankbilanzen in den Krisenstaaten sind voll mit faulen Krediten, die wie ein fauler Apfel in einem Korb immer mehr gesunde Äpfel vom Schimmel befallen.

Dennoch ist die Zinssenkung das Grundrezept der „Hexenmeister”. Es lautet so: Senkung des Leitzinses der Zentralbank, die Kreditvergabe der Banken springt an, Investitionen werden getätigt, anschließend Arbeitsplätze geschaffen, Steuern- und Sozialabgaben eingenommen und zum krönenden Abschluss das laufende Staatsdefizit reduziert und vielleicht irgendwann mal zurückgefahren.

Dieses Grundrezept ist uralt. Nicht so alt wie Omas Kuchenrezept. Aber immerhin über 40 Jahre alt. Anfang der 70er Jahre betrug der durchschnittliche Notenbankzins der wichtigsten Notenbanken sieben Prozent (!). In der Spitze Anfang der 1980er Jahre sogar über elf Prozent. Seitdem gibt es nur eine Richtung – nach unten. In Euro-Land nunmehr auf 0,25 Prozent, in den USA und Japan auf faktisch null Prozent, in Großbritannien auf 0,5 Prozent. 40 Jahre hat dieses Rezept den meisten Konsumenten geschmeckt, denn die Rechnung für den Kuchen konnten alle „anschreiben lassen”. Sie wird aber irgendwann präsentiert. Denn das Grundrezept funktioniert nicht (mehr). Weiteren Zinssenkungen und damit einem vermeintlichen Stimulieren der Kreditvergabe sind natürliche Grenzen gesetzt. Die Zeiten des risikolosen „free lunch” für Banken und globale Investoren sind endlich. Die Zeit einer Rückkehr zu realen Werten, die Sparen des einen als Voraussetzung für die Kreditvergabe der Bank an einen anderen zur Bedingung macht, wird über kurz oder lang kommen. Bis dahin dürfen Sie mit dauerhaft niedrigen Zentralbankzinsen rechnen, hundertprozentig.


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