13. November 2013

Wirtschaft und Ethik Wege aus der Armut

Warum private Karitas zu bevorzugen ist

Die materielle Armut ist in den letzten 30 Jahren weltweit stark gesunken. Es gibt sehr viel weniger Hungersnöte, und viele Länder Asiens und Südamerikas haben eine beachtliche wirtschaftliche Entwicklung erfahren. Doch diese Fortschritte wurden keineswegs überall im gleichen Maße erzielt, und für viele Menschen gab es auch Rückschritte. In Westeuropa und in den USA gibt es eine „neue“ Verarmung, die sich heute bereits in Form der Altersarmut bemerkbar macht, aber auch in einer schrumpfenden Mittelschicht niederschlägt. Aller Voraussicht nach wird uns das Thema Armut in den nächsten Jahren zunehmend beschäftigen.

Nur wenige Menschen erstreben ein Leben als Bettelmönch oder als Eremit, aber immerhin ist es bemerkenswert, dass einige überhaupt ein Leben in Armut wählen. Noch bemerkenswerter ist das hauptsächliche Motiv dieser Wahl: Sie verschafft Zeit zur Beseitigung der spirituellen Armut. Wer sich vom Ballast der materiellen Sorgen befreit, ebnet sich den Weg zu Gott und zu den Mitmenschen.

Der Weg der ständigen Askese ist bekanntermaßen nur wenigen vorbehalten. Aber es gibt auch noch viele andere Motive zur Wahl einer Lebensweise, die den Verzicht auf ein höheres alternatives Einkommen einschließt. Besonders klar ist dies im Fall der Amish-Gemeinden in den USA und auch bei vielen Zigeunerfamilien in Europa. Aus jeweils anderen Gründen wünschen diese Menschen nur eine sehr punktuelle Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und schließen sich somit aus eigenem Entschluss sehr weitgehend aus der allgemeinen Arbeitsteilung aus, mit entsprechenden Folgen für Einkommen und Vermögen. Ähnliches gilt für zahlreiche junge Leute, die aus Abscheu vor der bürgerlichen Gesellschaft aus eben dieser aussteigen und eine vergleichsweise kümmerliche Randexistenz fristen.

Nicht immer erfolgt eine solche Wahl vollkommen freiwillig. Ich werde nie den Bettler vergessen, der mich vor einigen Jahren auf einem Marktplatz in Angers ansprach und sich dann im weiteren Gespräch als ehemaliger Politologieprofessor der Universität des Saarlandes zu erkennen gab. Er traf die Wahl für ein Leben als Penner, da er nach der Scheidung von seiner Frau den Gedanken nicht ertragen konnte, von nun an hauptsächlich für die Alimente dieser Dame arbeiten zu müssen. Wenn der Grundsatz der Vertragsfreiheit im Familienrecht gälte, wäre das nicht passiert.

Aber alles in allem sind das natürlich Ausnahmefälle. Die meisten Menschen wollen weder Askese noch sonst irgendeinen materiellen Verzicht. Sie wollen gut essen und trinken, sich warm und elegant kleiden, große und schöne Häuser bewohnen, tolle Autos fahren, interessante Reisen unternehmen und ihre Zeit in der Gesellschaft gesunder, gebildeter und netter Mitmenschen verbringen. In einem Wort: Sie wollen Reichtümer erwerben und konsumieren, und sie scheuen die Entsagung. Diese Lebenshaltung wurde von John Stuart Mill zum Idealtypus des „homo oeconomicus“ verdichtet. In der Tat ist sie überall in der Welt vorherrschend, heute nicht weniger als im 19. Jahrhundert oder auch in früheren Zeiten.

Daraus folgt natürlich nicht, dass man diese Lebenshaltung als unverrückbar anerkennen oder sogar idealisieren sollte. Aber genauso wenig ist es angebracht, über sie von vorneherein die Nase zu rümpfen. Gerade aus christlicher Sicht stellt sich vielmehr die Frage des rechten Maßes. Wie und in welchem Umfang sollte ich für die Versorgung mit materiellen Gütern sorgen – für die meiner eigenen Familie und für die der anderen?

Die klassische Ökonomie empfiehlt an dieser Stelle Sparsamkeit und „Laissez-faire“ in einer natürlichen Rechtsordnung. Doch diese Lösung hat scheinbar zwei große Nachteile. Erstens ist der marktwirtschaftliche Wachstumsprozess ungleichmäßig – er begünstigt einige mehr als andere. Zweitens funktioniert die Marktlösung nur auf mittlere und lange Sicht, aber sie bietet keine Abhilfe für Armut im Hier und Jetzt.

Der erste Nachteil ist jedoch ganz offensichtlich kein wirklicher Nachteil. Gewinne und Verluste sind die zentralen Steuerhebel der Marktwirtschaft. Man kann sie nicht abschaffen, ohne den Markt selber zu torpedieren. Eine erdrückende Steuerlast tötet den Unternehmungsgeist und führt daher über kurz oder lang in die Massenarmut. Staatliche Subventionen und Geschenke aus der Notenpresse führen zur Sorglosigkeit beim Umgang mit knappen Mitteln und rufen daher Verschwendung im großen Stil hervor.

Der zweite Nachteil scheint schon gewichtiger zu sein. Sparsamkeit führt zu höherer Produktion in der Zukunft, doch wer hilft den Armen hier und jetzt? In Antwort auf diese Frage ist zu bedenken, dass eine freie Gesellschaft größer ist als der Markt. Das, was der Markt nicht leisten kann, muss keineswegs vom Staat geleistet werden. Das gilt insbesondere auch für die Armenhilfe. Das beste Beispiel liefern die USA. Dort sind staatliche Wohlfahrtsleistungen besonders schwach ausgeprägt, aber es gibt sehr zahlreiche private Organisationen, die arme Mitbürger unterstützen.

Es stimmt natürlich, dass niemand ein Recht auf Inanspruchnahme privater Hilfe hat. Aber obschon dieser Umstand im Einzelfall harte Folgen mit sich bringen könnte (mir ist allerdings kein konkreter Fall bekannt), hat er doch äußerst günstige Folgen für das Gemeinwohl. Denn gerade dadurch werden die Hilfsempfänger zur Verantwortung gezwungen. Gesunde junge Leute können sich in den USA nicht ewig auf die soziale Hängematte legen, weil man ihnen dort die Hilfe sonst sehr bald kürzt oder streicht. In Westeuropa haben sich die Wohlfahrtsstaaten in den letzten Jahren dem amerikanischen Modell angenähert, aber eine staatliche Organisation kann den letzten Schritt nie machen, da sie auch dem Grundsatz der Nicht-Diskriminierung verpflichtet ist. Um dem Missbrauch der Amtsverwalter vorzubeugen, besteht gesetzlicher Anspruch auf bestimmte Wohlfahrtsleistungen. Die Begünstigten wissen das und richten ihr Verhalten darauf ein. Ein Beispiel aus meinem persönlichen Umfeld: Die Stadt Angers verteilt im Winter Decken und Schlafsäcke an Obdachlose. Die Begünstigten wissen um ihr Recht, und einige besorgen sich daher an jedem Abend neues Material.

Solche vereinzelten Erfahrungen taugen natürlich nicht zur Erhärtung einer allgemeinen These. Doch die staatlichen Wohlfahrtsleistungen gibt es mittlerweile schon seit vielen Jahrzehnten, und ihr Scheitern ist daher auch statistisch nachweisbar. Am geringsten sind diese Misserfolge im Rahmen ethnisch homogener Nationalstaaten. Am deutlichsten treten sie zu Tage im Fall von staatlich erzwungenen Transferzahlungen zwischen Gruppen, die kein natürliches Band der Solidarität bindet. Früher war das vor allem im Rahmen der sogenannten Entwicklungshilfe der Fall. Seitdem in Westeuropa die Schleusen der Immigration geöffnet wurden, wird dieses Scheitern auch im nationalen Rahmen immer deutlicher. Schreiend ungerecht ist es, wenn Menschen, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet und Zwangsbeiträge zur staatlichen Sozialversicherung geleistet haben, im Alter verarmen, weil die staatlichen Behörden einen großen Teil der verfügbaren Mittel an Neuankömmlinge auszahlen. Für letztere ist das sicherlich ein Weg aus der Armut. Aber es ist ein schlechter Weg, denn er führt über den Betrug an den anderen.

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 16. November erscheinenden Dezember-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 138


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