29. November 2013

Altersvorsorge unter der Großen Koalition Von Steuerhinterziehern, Gewinnverlagerern und Steuervermeidern

Der Staat ist nicht die Lösung, der Staat ist das Problem

Einmal im Jahr veröffentlicht die „Wirtschaftswoche“ eine interessante Übersicht. Sie untersucht anhand dreier Beispiele, „was vom Lohn übrig bleibt“. Das Besondere daran ist, dass nicht nur die üblichen Einkommensteuern und die Sozialversicherungsbeiträge berücksichtigt werden, sondern alle direkten und indirekten Steuern sowie Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteile. Darüber hinaus werden GEZ-Gebühren, EEG-Umlage und so weiter berücksichtigt, also alles, auf das der Arbeitnehmer keinen Einfluss hat, sondern das vom Staat direkt oder indirekt abgezogen wird. Darüber hinaus werden Personen zugrundegelegt, die ein mittleres sowie ein höheres Einkommen haben. Das Ergebnis lässt einem die Tränen in die Augen steigen. Ein Single, der als Arbeitnehmer 5.750 Euro verdient, hat dabei unter Aufschlag der Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung eine Gesamtbelastung von 4.171,51 Euro. Von seinem Bruttogehalt hat er oder sie Abzüge von 61,9 Prozent (!). Lediglich über 38,1 Prozent kann sie oder er eigenverantwortlich verfügen. Eine Alleinverdienerfamilie mit zwei Kindern und einem Bruttogehalt von 4.190 Euro kommt auf eine Belastung von 47 Prozent. Eine Doppelverdienerfamilie mit Eigenheim und zwei Kindern und einem Gesamteinkommen von 13.630 Euro muss eine Belastung von 55,4 Prozent ertragen.

Die FDP muss sich vorwerfen lassen, dass sie hier keine Trendumkehr geschafft hat. Wir sind am Ende weit hinter unserem eigenen Anspruch von 2009 zurückgeblieben. Ein einfacheres, niedrigeres und damit gerechteres Steuersystem zu schaffen, ist uns nicht gelungen. Dafür sind wir am 22. September heftig vom Wähler abgestraft worden.

Jetzt sind die anderen dran, es besser zu machen. Die Große Koalition aus Union und SPD hat in dieser Woche ihren Koalitionsvertrag zu Ende verhandelt. Das 185 Seiten umfassende Papier beschäftigt sich auf vier Seiten (!) mit dem Thema „Steuern“. Von einer Steuerreform ist keine Rede mehr. Es weht der eisige Wind der Fiskalisten. Wie kommt Vater Staat an noch mehr Geld der Bürger ran. „Steuerhinterzieher“, „Umsatzsteuerbetrüger“, „Gewinnverlagerer“ und „Steuervermeider“ sind die freundlichen Umschreibungen der typischen Steuerzahler in diesem Land, zumindest wenn man drei der vier Steuer-Seiten liest. Daher ist es nur konsequent, wenn die Koalitionäre feststellen: „Deutschland hat derzeit insgesamt ein zeitgemäßes und wettbewerbsfähiges Steuerrecht.“

Für den Fiskus stimmt das! Denn dieser rechnet in den nächsten fünf Jahren mit Steuermehreinnahmen von 111 Milliarden Euro. Diese fallen nicht vom Himmel, sondern werden erarbeitet – von IHNEN!
Jetzt soll bitte niemand sagen, dass der Staat zu viel Geld habe. Nein, es wird auch ausgegeben. Für mehr Entwicklungshilfe, eine Mütterrente, Arbeitslose, für die Rente mit 63. Wer wollte da etwas dagegen haben? Deshalb bekommt jeder etwas, immerhin ist bald Weihnachten.

Der Single (30) von oben, mit seinem Einkommen von 5.750 Euro und seinen Abzügen von 61,9 Prozent, macht sich dagegen Gedanken, wie er seinen Lebensstandard auch im Alter sichern kann. Immerhin arbeitet er jeden Tag acht Stunden und mehr. Er glaubt nicht, dass er seinen derzeitigen Lebensstandard im Alter durch die gesetzliche Rente sichern kann. Deshalb plant er, dass er 1.000 Euro mit heutiger Kaufkraft im Alter von 67 Jahren monatlich zusätzlich zur Verfügung haben will. Bei einer Inflationsrate von drei Prozent benötigt er in 37 Jahren deshalb fast 3.000 Euro. Und da das Leben nicht mit 67 enden soll, benötigt er bereits mit 77 über 4.000 Euro und so weiter. Die Frage ist aber, welchen Kapitalstock er bilden muss, wenn er 2050 mit 67 in Rente gehen will und sich nach heutiger Kaufkraft 1.000 Euro monatlich bis zum 90. Lebensjahr aus diesem Kapitalstock herausnehmen will. Die Antwort: rund 600.000 Euro. Um diesen Kapitalstock zu bilden, muss er bei null Prozent Realverzinsung über 1.300 Euro monatlich sparen, bei zwei Prozent über 900 Euro und bei vier Prozent Verzinsung über 580 Euro. Spätestens jetzt hört unser Single zum ersten Mal von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Dieser sorgt durch seine Null-Zins-Geldpolitik dafür, dass unser Single nicht 580 Euro oder vielleicht 900 Euro im Monat sparen muss, um sein Ziel der finanziellen Unabhängigkeit im Alter zu erreichen, sondern mindestens 1.300 Euro. Spätestens jetzt wird unserem Single klar, dass sein frei verfügbares Einkommen von 2.190 Euro (5.750 Euro abzgl. 61,9 Prozent Steuern, Abgaben und Gebühren) nicht ausreichen wird, um sein Lebensziel zu erreichen. Zusammen mit dem „zeitgemäßen und wettbewerbsfähigen Steuersystem“, das Union und SPD jetzt im Koalitionsvertrag festschreiben, wird unserem Single eines klar: Der Staat ist nicht die Lösung, sondern das Problem.


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