10. Dezember 2013

Die Gurlitts und die Staatsmacht 30 Schergen gegen einen Greis im Nachthemd

Richtigstellung gegenüber dem Nachrichten-Boulevard

Das Geschehen um Cornelius Gurlitt ist ein Raubkunstkrimi. Die Bilder haben eine bewegte Vorgeschichte. Unzweifelhaft zum Raubkunst-Konvolut wurden sie aber erst im Februar 2012 durch Beschlagnahmung. Diese Maßnahme des Staates war weit weniger legitimiert als 80 Jahre zuvor die Entfernung der besagten Bestände aus seinen Museen. Die war damals sicher ungerechtfertigt, aber gleichwohl rechtmäßig. Denn Besitz kann selbstverständlich wieder veräußert werden, ohne dass dafür alle Vorbesitzer, Hersteller und Zulieferer ihr Einverständnis geben müssen. Auch der Provenienzforscher Uwe Hartmann verwies auf die klare Rechtslage: „In vielen Fällen handelt es sich nicht um NS-Raubkunst. Es muss davon ausgegangen werden, dass Herr Gurlitt rechtmäßig über diesen Besitz verfügt.“ Das an Privatpersonen durch die nationalsozialistischen Verordnungen begangene Unrecht wurde in den Berichten auf undurchsichtige Weise mit den Aktionen um die sogenannte „entartete Kunst“ vermengt. Dass daraus wiederum Unrecht gegenüber Privatpersonen erwachsen soll, ist eine neue Qualität.

Die Familie Gurlitt konnte über Generationen erleben, wie die Bilder für den Staat entweder Schrottwert haben oder Milliarden darstellen. Die wir Freude angesichts der Kunst empfinden, vor allem aber der große Überbau an Kuratoren, Forschern, Händlern, Sammlern, Funktionären und Verwaltern, bleiben allzumal Schuldner derer, die diese immateriellen Werte gegen Widerstände und oftmals unter Verzicht auf ein bequemes und einkömmliches Leben hervorgebracht haben. Man muss nicht die Gesichter der Beamten, Juristen und Sachverständigen betrachten, um zu dem Schluss zu gelangen, dass von allen Beteiligten an diesem Spektakel einzig Cornelius Gurlitt der schöpferischen Seite der Kunst nahestand.

Maler, Komponisten und Schriftsteller waren zahlreich in der Familie vertreten. Der Name hätte sofort aufhorchen lassen müssen. Der erste Cornelius Gurlitt (1820-1901) war Komponist und Ehrenmitglied der Accademia di Santa Cecilia in Rom. Sein gleichnamiger Neffe begründete die Denkmalpflege im Königreich Sachsen, unternahm die erste Inventarisierung der Sächsischen Kunstdenkmäler. Er entdeckte den ästhetischen Wert der Barockarchitektur, die bis dahin als geschmacklos und überladen verschrien war. Zugleich war er als Architekturprofessor der Doktorvater von Hermann Muthesius, dem Mitbegründer des Deutschen Werkbunds und wichtigsten Vertreter des Funktionalismus in der Baukunst. Damit zeigt sich bereits die erstaunliche Spannweite eines ideologiefreien Dienstes an der Kunst. In Dresden gibt es seit 1946 eine Cornelius-Gurlitt-Straße. Er wäre wohl schon nach seinem Tode 1938 geehrt worden, wenn der Unsinn der nationalsozialistischen Rassenpolitik das damals nicht verhindert hätte. Dass sein Vater, der Landschaftsmaler Ludwig Gurlitt (1812-1897), vormals die Schwester der jüdischen Schriftstellerin Fanny Lewald geheiratet hatte, bot aber nicht den einzigen Anlass zur Diskriminierung. Hildebrandt Gurlitt, Sohn des älteren Cornelius und Vater des jüngeren, begann 1925 am König-Albert-Museum in Zwickau die städtische Kunstsammlung aufzubauen. 1928 wurde er vom nationalsozialistischen „Kampfbund für deutsche Kultur“ aus der Stellung gedrängt und wechselte zum Hamburger Kunstverein, wo ihm 1932 ein Gleiches widerfuhr. Später wurden seine Fähigkeiten herangezogen zur Verwertung jener zeitgenössischen Kunstwerke, welche die Nazis aus dem öffentlichen Besitz entfernten. Der Bruder Willibald wurde ebenfalls von seinem Lehrstuhl an der Universität Freiburg vertrieben, wo er das Musikwissenschaftliche Seminar und ein Collegium Musicum für historische Aufführungspraxis begründet hatte. Die Schwester Cornelia nahm sich schon 1919 das Leben. Die Malerin wurde als „vielleicht genialste Begabung der jüngeren expressionistischen Generation“ in der zeitgenössischen Publizistik geführt. Im Weltkrieg war sie Lazarettschwester im Osten und gestaltete Landschaft und Menschen jener Gegend in Arbeiten, die zuweilen an gleichzeitige Werke Chagalls erinnern.

Auch Cornelius Gurlitt der Jüngere wurde von seinen Nachbarn im feinen Salzburg-Aigen für einen Maler angesehen. Die anachronistische Erscheinung seiner Person bot eine Entsprechung zu dem, was an jenen Gemälden so geschätzt wird: die verdichtete Eigenart und ein gesteigerter Ausdruckswert. In eleganten Zwirn gekleidet wie ein britischer Gentleman war er mit einem schwarzen altmodischen VW Käfer unterwegs. Er zeigte sich verschlossen und schweigsam. „Wir sind halt davon ausgegangen, dass sich der Mann in der Dresdner Bombennacht einen Dachschaden geholt hat“, äußerte einer der Salzburger Honoratioren aus der Nachbarschaft. Ein anderer erklärt: „Wissen Sie, was auch immer der Mann gemacht hat, er ist sicher nicht kriminell.“ Er hätte zu ihm gesagt: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Es wird freilich immer schwerer, ohne offenbaren Niveauverlust unauffällig zu bleiben. So wurde dem alten Mann „ohne konkreten Verdacht“ nachspioniert. Er wurde 2010 auf der Zugtoilette gefilzt, und schon war er wegen 9.000 Euro Bargeld in der Tasche verdächtig. Dann hat die dritte Macht sein Türschloss zertrümmert und darauf die vierte Gewalt die Würde der Person zerstört. Ein Rollkommando hat die Privaträume abdekoriert, ausgeräumt und anschließend zur professionellen Aufarbeitung des Verlusts eine Psychologin entsandt. Der stille Mann konnte wenigstens diesen Übergriff abwehren, indem er glaubhaft versicherte, dass er sich nicht umbringen werde. Später haben die Hyänen der Presse sich auf das Thema „Focus“-siert. Die Autorin der ersten Titelstory legte kurz zuvor im gleichen Magazin eine Kostprobe ihres Verständnisses von Kulturjournalismus ab, indem sie schrieb: „Sie haben schon einmal von einem echten Picasso im Wohnzimmer geträumt? Ihnen fehlt das nötige Kleingeld? Egal. Mit ein wenig Glück reichen 100 Euro, um ein Bild des weltberühmten Spaniers zu ergattern... Wer ein Los für einen Hunderter erwirbt, nimmt am 18. Dezember in Paris an einer Lotterie teil, die das Auktionshaus Sotheby’s leitet. Als Hauptgewinn lockt – ein echter Picasso.“ Das ist der öde Journalis-Mus, der seit Jahrzehnten einer bewunderten angelsächsischen Kollegenmeute nachsudelt, mit „Fakten, Fakten, Fakten“, dabei stets „Ross und Reiter“ benennend. Fakten sind darin vor allem Zahlen, die gleich Börsenkursen ständig korrigiert werden müssen, und die Journalisten selber die Schindmähre, der die kurzatmige Sensationsgier die Sporen gibt. Der Leser wird nicht über die Welt informiert, wie sie ist. Er taucht mit der Lektüre direkt in die seichte Hirnschale des Verfassers ein. Aus der britischen und französischen Regenbogenpresse haben die deutschen Zeitungen die Wendungen vom „mysteriösen Bunker des Nazischatzsammlers“, „a one billion hoard of Nazi confiscated paintings“ und dem „Kunsthändler-Clan“ abgeschrieben. Sein missratener Vetter „Eckeheart“, ein Jetset-Fotograf, dessen berühmtestes Kunstwerk die Schallplattenhülle „On The Beach“ von Chris Rea ist, schwadronierte gegenüber „Daily Mail“ über Gurlittsches Geheimwissen zum Verbleib des Bernsteinzimmers. Die widerliche Unterstellung einer päderastischen Neigung des Cousins, den er 30 Jahre nicht gesehen hat, schlägt auf ihn zurück. In seiner „Fun Postcard“-Edition posiert neben dem Spruch: „Je rostiger das Dach, desto feuchter der Keller“ unbekleidet ein rothaariger weiblicher Teenager. Der halbseidene Schwätzer wird wohl fortan soviel schlüpfrige Postkarten verkaufen wie noch nie. Seine Internetseite jedenfalls ging bald nach dem Bericht wegen Überschreitens der monatlichen Verkehrsrate vom Netz.

In der „Welt“ stand zu lesen: „Schon Hildebrand Gurlitt scheint seine Bilder mehr geliebt zu haben als Frau und Kinder. Wen mag es wundern, dass sich dieses fetischisierende Verhältnis zu den Kunstwerken auf den Sohn übertragen hat.“ Doch die angebliche Soziophobie Gurlitts ist kein Verfolgungswahn, sie resultiert aus echten Verfolgungserfahrungen. Als Knabe hat er dem Vater geholfen, die Bilder vor den anglo-amerikanischen Bomben zu bewahren. Dass es keine Liebesbeziehung außer der zu den Bildern gab, wird als Folge der einseitigen Aufkündung der innigen Beziehung zum Deutschen Reich im Jahr 1933 verständlich. Der liebste Partner sah sich von kulturlosem Pöbel aus Haus und Garten gejagt, den er mit aufgebaut hatte. Doch unverbrüchlich blieb die Zuneigung zum feineren Geist dieses Deutschlands, das sich im Äußeren so jäh abstoßend erwies. Cornelius Gurlitt hat seit Kindertagen die wechselnden Regime in ihrem brutalen Zugriff auf Familie und Privatheit erlebt und dabei so tief verschmerzt, dass jede Form der Gründung und der Etablierung eigenen Wesens, etwa einer Familie, überhaupt jede in die Zukunft gerichtete Existenz, fragwürdig erschien. Für den rein materialistisch bestrebten Menschen, der ein unauffälliges Konsumenten- und Touristenleben führt, ist das nicht verständlich. Gurlitts Schicksal und Temperament sind exemplarisch für eine Generation des kultivierten deutsch-jüdischen Großbürgertums mit Wurzeln im Kaiserreich. Sie wurden als Kinder auf ein versinkendes Schiff geboren. Ein vertrauter Dresdner Künstlerfreund dieser Generation, dessen Großeltern tatsächlich auch mit der Familie Gurlitt freundschaftlich verkehrten, bekam als Heranwachsender in Krieg und Nachkriegszeit von der Mutter immer wieder wörtlich eingeschärft: „Bekommt bloß einmal keine Kinder.“ Er hat sich wie manche seinesgleichen daran gehalten und seither ein Leben geführt, das in stiller Zuneigung dem Geist, der Schönheit und den Künsten gilt. Was man ihnen in der DDR noch hätte nehmen können, ist im Februar 1945 mit der Wohnung verbrannt. Dieses Beispiel erschließt auch die Persönlichkeit von Cornelius Gurlitt. Dessen Familie zog durch die nämlichen Stationen gesellschaftlichen Niedergangs: Kriegsfreiwilliger, Vermögensverlust während der Inflation, Berufsverbot aus rassischen Gründen und zuletzt ausgebombt. Die jahrzehntelange Gepflogenheit, alles Barbarische reflexhaft in die vordemokratische Prähistorie zwischen 33 und 45 wie in einen Abtritt hinein zu fegen, hat die Wahrnehmungsfähigkeit für vergleichbare Untaten der Gegenwart eingeschläfert. Ein Leser der „FAZ“ äußert sich im Netz: „Die Geschichte hält noch viele Räubereien bereit, die zu restituieren wären. Wer sitzt nicht alles auf Reichtum, den seine Ahnen durch flotte Räuberei erworben haben. Beliebigkeit soll jetzt scheinbar nach dem Willen der Augsburger SA die neue Konsistenz werden.“ Mit der Abkürzung im letzten Satz meint er wohl die Staatsanwaltschaft, und doch schiebt sich unabweisbar das Abbild einer staatsbolschewistischen Sturmabteilung auf privates Eigentum und Häuslichkeit vor das innere Auge.

Uns wurde die Vorstellung vermittelt, in einer verwahrlosten Rentnerwohnung würde der Inhalt mehrerer Kunstmuseen zwischen schmutziger Wäsche und ungespülten Tellern vergammeln. Inzwischen wurde eine fachgemäße Lagerung zugestanden. Eine Privatwohnung ist kein Versteck, sondern eine Privatwohnung. Wenn ihr Inhalt in aller Öffentlichkeit ausgestülpt wird, dann ist sie keine mehr, sondern nur noch ein Versteck, in dem der frühere Bewohner zeitweilig einen Blickschutz vor den Fotografen findet, die seine Haustüre belagern. Der Freistaat Bayern ist Herrn Gurlitt fortan die Kosten für eine sichere und doch zugängliche Aufbewahrung seiner Kunstwerke sowie deren angemessene Versicherung schuldig. Alles Auslagen, deren Notwendigkeit erst durch sein barbarisches Vorgehen verursacht wurde. Zuvor war dies durch kluge Diskretion verzichtbar gewesen. Daran ist nun nicht mehr zu denken. Darüberhinaus wäre eine Kompensation für die Rufschädigung und die während der Beschlagnahmung entgangene Nutznießung zu erbringen.

Die staatliche Konfiskation fand unter dem DDR-Regime besonders effektive Anwendung. Man bemächtigte sich über konstruierte Steuerschulden der Kunstwerke aus Privat- und Stiftungsbesitz. Die Eigentümer und Verwalter wanderten ins Gefängnis und konnten sich daraus mit Bildern und Antiquitäten freikaufen, die anschließend ins nichtsozialistische Ausland verscherbelt wurden, um mit dem Erlös die brüchige Fassade des Arbeiterparadieses aufzuhübschen. Zwei Fälle von Sammlungsflucht und -auflösung erlebte Dresden schon vor 1933. Da lebten der russische Zuckerfabrikant Adolf Rothermundt und sein Schwager Oscar Schmitz jeweils mit den besten Sammlungen französischer Impressionisten in der Residenzstadt. Rothermundt musste nach 1919 Bild für Bild verkaufen, weil die Bolschewisten seine Fabriken enteignet hatten. Schmitz floh dann vor „steuerlichen Schikanen“ 1932 mit der „feinsten Privatsammlung moderner französischer Malerei Europas“ in die Schweiz. Noch 1926 hatte er über 20 Werke für die Internationale Kunstausstellung in Dresden ausgeliehen. Das war wohl sein Verhängnis. Eine Weile waren seine Bilder im Kunstmuseum Winterthur ausgestellt. Heute sind diese Schätze über viele Museen verteilt.

Das Schicksal dieser Sammlung macht deutlich, dass nur zwei Mäntel wirksam der Enteignung vorbeugen. Besser als der fadenscheinige einer privaten Stiftung ist der ganz dicht gewebte einer strengen Verschwiegenheit. Weit entfernt, sich selbst daran zu halten, formulierte es der französische Romancier Louis-Ferdinand Céline in seinem Roman „Tod auf Kredit“: „Die Hauptsache ist, nicht zu wissen, ob man recht hat oder nicht. Das ist wirklich nicht wichtig. Notwendig ist nur, der Welt den Mut zu nehmen, sich mit einem zu befassen.“ Cornelius Gurlitt ist es über Jahrzehnte gelungen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 16. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 139


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Autor

Sebastian Hennig

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