07. Januar 2014

Flug übers Wochennest Alles hat ein Ende, nur der Wahn halt nicht ...

... jawoll mein Schatz, wir geh‘n ins Licht ...

Die von Experten aufgrund der realsatirischen Konjunkturdaten des Jahres 2013 prognostizierte Fortsetzung der Kompetenzverlagerung von den Kabarettbühnen Deutschlands in die Redaktionsbüros des Qualitätsjournalismus auch im Jahre 2014 scheint sich bereits zu bestätigen. Dafür, so sagte Z. Werchfell vom Institut für Humorgeschichte und Erforschung adabsurdistisch-vulgärburlesker Wirklichkeitsformen, sprächen schon die ersten, wenigen Schlagzeilen des noch jungen Jahres. Sie ließen, behauptet der Professor für Schelmistik an der Vicco-von-Bülow-Universität, schon in dieser frühen Phase eine eindeutige Tendenz hin zu noch mehr wechselseitiger Durchdringung von Satire und Realität erkennen. Als Beispiel führte er eine besonders ablachverdächtige Schlagzeile einer deutschen Tageszeitung aus den ersten Januartagen des neuen Jahres an: „AfD-Politiker verteidigt Putin im russischen TV“.

„Stellt sich die Frage“ , empörte sich sofort Horst-Edmund Tannhäuser, Experte für High-Gloss-Toilettenpapier, „warum dieses rechtshyperextremistische, europahassende Schwein nicht gleich nach drüben geht, wenn‘s ihm hier nicht passt!“ Der bekannte Medienphilosoph und -kritiker F. Lachbild-Schirm hingegen schöpfte aus dem Vorfall Hoffnung: „Aufgrund der großen Ausgewogenheit und Neutralität der hiesigen Presse“, so der Experte, freue er sich schon auf skandalträchtige Schlagzeilen wie „SPCFU-Politiker verteidigt US-Kriegsverbrecher und Massenmörder im deutschen TV“.

SPCFU-Vize Kubicki sagte derweil in einem Interview mit dem Nachrichtensender N24 im Zusammenhang mit einer anderen politischen Alltäglichkeit, sollten die Vorwürfe bezüglich „Vorteilnahmen“ gegen Ronald Pofalla sich als richtig erweisen, habe man es mit einer schlimmeren Affäre zu tun als der berüchtigten „Causa Wulff“. Das wirft natürlich die bange Frage auf, ob deutsche Presse- und TV-Geschädigte nun statt eines drei- einen sechs- oder gar neunmonatigen Dauerangriff auf ihre psychische Gesundheit zu befürchten haben. Eine Sammelklage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde prophylaktisch bereits von mehr als zwölf Millionen Matrixbewohnern unterzeichnet. Frankreichs Präsident François Hollande kündigte daraufhin eine militärische Intervention in Deutschland an, wofür er sich sogleich einen Rüffel von Uns-Außenminister John Kerry einfing: „Unserer Kenntnis nach gibt es keine unleugbaren Beweise für größere Rohstoffvorkommen unter dem Reichtstagsgebäude. Wir werden solche absurden Kriegsspiele, wie sie Mister Hollande vorschlug, daher keinesfalls unterstützen – erst recht nicht auf dem Staatsgebiet eines allzeit überwachten Freundes.“ Investor George Soros pflichtete ihm bei: „Es gibt buntere Methoden, auf die öffentliche Meinungsbildung einzuwirken.“ Dies, so Soros, habe er in Georgien und auch der Ukraine bereits erfolgreich unter Beweis gestellt.

Janet Yellen wurde vom US-Senat als neue Chefin der Uns-Notenbank INFOMAPOV („Institute for Mass Poverty“) bestätigt, begleitet von weltweiten Trauerfeiern zur 100. Jährung der durch das Institut verkörperten Unterminierung gesunder Geldwirtschaft. Darauf befragt, ob sich unter ihrer Regentschaft an der von ihrem Vorgänger Ben Nadanke beschleunigten Praxis, einen gigantischen Heißluft-Zeppelin nach dem anderen auf die Reise ins Nirgendwo zu schicken, etwas ändern werde, antwortete die neue Geldhütchenspielerin, das könne sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Sie müsse erst einen Blick auf die Statistiken zur Entwicklung der amerikanischen Realwirtschaft werfen, die jedoch noch nicht fertig seien – ein dringend benötigtes Photoshop-Update sei noch nicht heruntergeladen und installiert worden.

Die UnsA sehen im Irak ein neues Rückzugsgebiet für Terroristen. Kurz darauf klärte sich der Irrtum auf: Führende amerikanische Politiker und Militärs hatten am frühen Morgen, als diese Nachricht verbreitet wurde, etwas zu lange in den Badezimmerspiegel geschaut und mit Entsetzen das internationalen Terroristen verblüffend ähnliche Spiegelbild für wirklich gehalten. Dennoch habe man beschlossen, neue Waffenlieferungen an den Irak zu genehmigen. Mit diesen sollen die zahlreichen Bombenkrater zugeschüttet werden, um die irakische Verkehrs-Infrastruktur wieder aufzubauen.

Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele warnte vor Bitcoins. Diese seien hochspekulativ; es gäbe keine staatlichen Garantien, im schlimmsten Fall könne es sogar zu einem Totalverlust kommen. Die Bitcoins antworteten kichernd, na da sind wir ja froh, dass die gesamte Geschichte des 20. Jahrhunderts vor positiven Beispielen staatlich garantierten Schutzes vor Totalverlusten förmlich überquillt, die eindeutig belegen, wie erfolgreich Staaten und Banken zahllose Anleger, Sparer, Rentner und andere Superreiche vor dem Ruin zu retten vermochten.


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