13. Januar 2014

Anmaßung von Wissen Mindestlöhne und Steuern

Die Finanzämter wissen, was gut für Euch ist

Finanzämter unterscheiden zwischen privaten Konsumausgaben und unternehmerischen Investitionsausgaben beziehungsweise Kosten, die mit Gewinnerzielungsabsicht getätigt werden.  Da das Finanzamt keine Gedankenkontrolle vornehmen kann, muss die Absicht dem Steuersubjekt willkürlich zu- beziehungsweise aberkannt werden.  Die Frage, ob irgendwelche Ausgaben dazu dienen,  die Produktivität des Unternehmens oder Selbstständigen zu erhöhen, oder anderen Zwecken, lässt sich auch ex post nicht eindeutig beantworten.

Leicht verdeutlichen lässt sich dieser Zusammenhang am Beispiel von Spitzensportlern. Um erfolgreich zu sein und Geld zu verdienen, müssen diese körperlich und psychisch kerngesund sein.  Die Leistunsdichte in den meisten Sportarten ist so hoch, dass bereits kleinste Abweichung vom Idealzustand große Gehaltsunterschiede hervorrufen. Daher ist es für diese Gruppe von Arbeitern unmittelbar einsichtig, dass jede  Ausgabe dem Erhalt des körperlichen und psychischen Wohlbefindens dient – der Sportler erwirbt Dinge, von denen er sich eine Steigerung des Wohlbefindens erhofft (und seien es nur Kapitalanlagen, die ihn des Nachts ruhiger schlafen lassen, weil er sich von ihnen eine finanzielle Absicherung nach Karriereende verspricht).  Sämtliche Ausgaben müssten konsequenter Weise vom deklarierten Umsatz des Einzelunternehmers abgezogen werden können. Die gleiche Logik lässt sich selbstverständlich auf  jeden anderen Erwerbstätigen übertragen. Jede Konsumausgabe und jede Investition kann potentiell der Wiederherstellung beziehungsweise der Verbesserung der Leistungsfähigkeit des Erwerbstätigen dienen. Die Unterscheidung von privaten Konsumausgaben und erwerbsmäßigen Werbungskosten ist mithin nichts Anderes als Anmaßung von Wissen. Sie begünstigt tendenziell Tätigkeiten, die weniger private Ausgaben benötigen und weniger Erlöse ermöglichen gegenüber solchen mit höheren Ausgaben und höheren Erlösen, weil viele Ausgaben nicht abzugsfähig sind.

Zugleich findet eine Verlagerung von privaten Vergnügungen in die Firmen hinein statt. Die unentgeltliche, entweder tolerierte oder geförderte Nutzung von Firmeneigentum zu privaten Zwecken (Firmenfeiern, -ausflüge, -mobiltelefone, -autos) sind zu einem gewissen Anteil Ausfluss dieser Regelungen. An dieser Stelle schließt sich der Kreis der ausbeuterischen Logik: Wo Mindestlöhne dem Unternehmer den Spielraum nehmen, um geringfügige nicht-versteuerte geldwerte Vorteile in das Bezahlungsarrangement einzubauen (zum Beispiel begrenzte Benutzung des Lieferwagens für private Zwecke), da kann der Staat als Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeitrag getarnte Steuern – immerhin knapp 34 Prozent des Gesamtlohns – von unteren Einkommensschichten abkassieren.  Gleichzeitig animiert der Mindestlohn Arbeitnehmer, in Hochlohngegenden mit entsprechend höheren Lebenshaltungskosten, das heißt privaten Konsumausgaben, Fuß zu fassen. Während in der Peripherie immer weniger Jobs zu finden sind, gibt es in der Hochlohngegend noch genügend davon.  Nach Abzug der Mehrkosten hat der Arbeitnehmer zwar unter Umständen weniger in der Tasche als vorher. Der Staat aber freut sich:  Bei genauem Austarieren des Mindestlohnes steigt der Bruttolohn. Gut für die Bemessungsgrundlage und gut für die Wirtschaftsstatistiken. Schutz geringqualifizierter Arbeitnehmer vor Ausbeutung? „Nun ja, Ausbeutung ist wichtig, aber bitte nur von uns, denn wir wissen, was gut für Euch ist.“


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Rainer Ammon

Autor

Rainer Ammon

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige