13. Januar 2014

Minderheitenpolitik Mehr Diskriminierung wagen!

Wieso sind eigentlich die Schubladen, die gerade politisch in Mode sind, wichtiger als andere Eigenschaften?

Thomas Hitzlsperger findet, dass Homosexuelle im Fußball diskriminiert werden. Die EU findet, dass Ausländer durch eine Maut in Deutschland diskriminiert würden. Die „Entity for Gender Equality and the Empowerment of Women“ der Vereinten Nationen findet, dass Frauen durch die Autovervollständigung von Google diskriminiert werden, weil zu Suchanfragen wie „Frauen sollten“ Vervollständigungsvorschläge wie „...nicht wählen dürfen“ oder „...am Herd stehen“ gemacht werden. Diskriminierung scheint ein allgegenwärtiges Problem in der politischen Diskussion zu sein, und die Benutzung des Wortes garantiert politische Aufmerksamkeit und Empörung.

Das Wort „Diskriminierung“ stammt bekanntlich aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Unterscheidung“  oder „Trennung“;  den negativen Beigeschmack hat das Wort erst im letzten Jahrhundert bekommen. Die Essenz des Wortes, die Unterscheidung, ist jedoch bis heute gleich geblieben. Aber wer unterscheidet eigentlich was?

Für den Rechtsstaat symbolisiert das bekannte Bild der Justitia, wer beim Unterscheiden eigentlich welche Rolle spielt. Die Augenbinde bedeutet, dass Recht ohne Ansehen der Person gesprochen wird. Der Bürger hingegen genießt die Freiheit, ohne Augenbinde Personen anzusehen und dementsprechend nach Belieben zu unterscheiden. Anti-Diskriminierungspolitik nimmt Justitia die Augenbinde ab und zwingt stattdessen den Bürger, mit verbundenen Augen durchs Leben zu gehen: Der Gesetzgeber und die Justiz dürfen die Person „ansehen“, der Bürger jedoch nicht.

Diese Umkehr des Rechtsstaats ist eine durchsichtige Attacke auf die Freiheit und Individualität des Einzelnen, durch die wir Gefahr laufen, zu einer Gesellschaft zu werden, in der es keine Individuen mehr gibt, sondern nur noch uniforme Entitäten, die durch ihre „Labels“, ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen, politisch bereits vollkommen charakterisiert sind.

Anti-Diskriminierungspolitik möchte Vorurteile bekämpfen, aber in Wirklichkeit produziert und verfestigt sie diese. Wenn es Quoten für Frauen in Aufsichtsräten geben muss, dann sind diese anscheinend weniger qualifiziert als ihre männlichen Kollegen, oder? Statt die Botschaft zu vermitteln, dass das Geschlecht für die meisten Berufe keine Rolle spielt, wird aufgrund solcher Regelungen ständig nur über das Geschlecht gesprochen und damit die universelle Wichtigkeit dieses Labels in unsere Gehirne für die Ewigkeit eingebrannt.

Nach Leibniz sind zwei Dinge gleich, wenn sie genau die gleichen Eigenschaften haben. Glücklicherweise gibt es unendlich viele Eigenschaften – dies macht jeden von uns zu einem einzigartigen Individuum. In der Politik jedoch scheint es zu mühsam zu sein, sich mit dieser unendlich großen Menge von Eigenschaften – mit dem Individuum – auseinanderzusetzen, also gründlich zu diskriminieren. Die Summe aller dieser Eigenschaften zeichnet jeden von uns aus, und nicht die Reduktion auf eine kleine Menge an Schubladen, in die wir gesteckt werden.

Wieso sind eigentlich die Schubladen, die gerade politisch in Mode sind (wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Einkommen) wichtiger als andere Eigenschaften? Wieso sollen ausgerechnet die Frauen in Aufsichtsräten repräsentativ vertreten sein? Wieso nicht auch Migranten, Menschen aus dem Prekariat, Ostdeutsche, Transsexuelle oder unattraktive Menschen? Wieso ist es weniger wichtig, wenn Angehörige dieser anderen Gruppen „benachteiligt“ werden, also nicht repräsentativ vertreten sind? Und wieso beklagt eigentlich niemand den Mangel an Männern im Friseurhandwerk oder den geringen Anteil an deutschstämmigen Putzhilfen? Müsste nicht, so die zwingende Endkonsequenz der Anti-Diskriminierungslogik, jede Gruppe von Menschen – Aufsichtsräte, Putzkolonnen, Sportvereine – eine Miniatur-Version von ganz Deutschland sein?

Die Absurdität dieses Gedankens zeigt, dass es eigentlich um etwas anderes geht, nämlich um die Verteilung von Macht in einer Gesellschaftsordnung, die die Bevölkerung in uniforme Gruppen partitioniert und in der die primäre Aufgabe der Politik die Verteilung von Privilegien auf und der Ausgleich zwischen diesen Gruppen ist.  Wie wäre es stattdessen damit, jeden Menschen als echtes Individuum zu betrachten, also zu diskriminieren, statt sie oder ihn mit aus der Gruppenzugehörigkeit abgeleiteten Vorurteilen zu überhäufen? Lasst uns Justitia ihre Augenbinde zurückgeben. Lasst uns wagen, wieder mehr zu diskriminieren. 

Der Autor, Jahrgang 1974, ist Professor für Informatik an der Philipps-Universität Marburg.


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Autor

Klaus Ostermann

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