22. Januar 2014

Erster Weltkrieg Darf man um deutsche Soldaten trauern?

Die Ursünde ist eine gemeinsame

Über Europas Zukunft kann man nicht reden, wenn man über seine Vergangenheit schweigt. Sprechen wir also davon. Kein Jahr ist schließlich besser dazu geeignet als das soeben beginnende. Im Jahr 2014 bestimmt die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, an den Ursprung des katastrophischen 20. Jahrhunderts, die Agenda. In Großbritannien hat die Regierung beträchtliche Mittel für die Zentenarfeiern zur Verfügung gestellt. Und in Frankreich wird die Anzahl der Besucher mächtig anschwellen, die schon jetzt Jahr für Jahr die Schlachtfelder an der Westfront besuchen.

Die Franzosen versammeln sich vor allem bei Verdun, der lothringischen Stadt an der Maas, einem geradezu mythischen Ort der Erinnerung. Die Briten pilgern an die Somme, nördlich von Paris, dort, wo ihre Streitkräfte die heftigsten Gefechte und die größten Verluste ihrer Geschichte hinnehmen mussten. Die Gedenkstätte bei Verdun mit der endlosen Reihe weißer Kreuze vermittelt ein Gefühl für die „Blutmühle“, in der der Gegner ausbluten sollte, wie General Falkenhayn Sinn und Zweck des Stellungskrieges benannte. An der Somme sind die Zeichen vergangenen Schreckens nicht weniger präsent. Hier liegen rund 400 Friedhöfe zwischen Wiese, Rübenfeld und Wald, dazwischen Kapellen und Denkmäler. Tausende weißer Steine, auf vielen ein Name, auf manchen nur die Inschrift: „A Soldier of the Great War. Known unto god.“

Jahr um Jahr, am 1. Juli 1916, dem Tag, an dem britische Infanterie ihren Angriff auf deutsche Stellungen an der französischen Somme begann, liegen rote Mohnblumen dort, wo die Spuren der großen Materialschlachten noch heute sichtbar sind: Granattrichter, zerschossene Bunker, die verwaschenen Konturen der Schützengräben.

An der Somme hat das britische Empire in einer ebenso tapferen wie waghalsigen und nutzlosen Offensive Bataillon um Bataillon geopfert, das Regiment der Neufundländer etwa wurde fast vollständig aufgerieben. Nur die deutschen Opferzahlen übertreffen die der Briten.

Grund also auch für uns, zu trauern. Dafür geeignete Orte gibt es genug. Doch vielleicht ist jener Ort besonders geeignet, an dem sich Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr des Gedenkens mit Frankreichs Präsidenten François Hollande treffen wird: im Elsass, genauer: am Hartmannsweilerkopf in den Vogesen.

Auf dem Kämmen der Vogesen lagen sich deutsche und französische Soldaten Jahr um Jahr gegenüber, kaum 30 Meter voneinander entfernt, verschanzt in Tunneln und Gräben. Die Gipfelkuppe wurde bestürmt und erobert, insgesamt acht Mal wechselte sie den Besitzer. „Männerfresser“ heißt der Hartmannsweilerkopf seither. In den Laufgängen und Stollen starben fast 30 000 deutsche und französische Soldaten. Ab 2015 wird es hier eine gemeinsame Gedenkstätte geben. Es ist ein angemessener Ort für die Trauer auch um deutsche Soldaten. Den Franzosen, die sich um die Gedenkstätte bislang allein gekümmert haben, liegt daran.

Umso verwunderlicher, dass sich der deutsche Bundespräsident „eine deutsche Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nur als Respekt vor dem Leid derer vorstellen“ kann, „die damals durch uns bekämpft wurden“, wie er jüngst dem Spiegel gegenüber bekannte. Man möchte ihn ungern missverstehen. Aber man fragt sich unwillkürlich, ob das Leid der deutschen Soldaten etwa keinen Respekt verdient?

Die ehemaligen Kriegsgegner jedenfalls lassen es daran selten mangeln. Es scheint eine deutsche Eigenheit zu sein, sich die Trauer um jene zu verbieten, die millionenfach starben, weil die europäischen Staatsmänner aus einem begrenzten Konflikt, dem zwischen Österreich-Ungarn und Serbien, einen Weltkrieg werden ließen. Gewiss, das Deutsche Reich gehörte zu den Verlierern des Krieges. Aber ist das ein Grund, sich von der eigenen Geschichte und seinen Vorvätern abzuschneiden?

In Deutschland ist die Erinnerung an den 1. Weltkrieg überschattet von dem Gedenken an die Verbrechen Nazideutschlands und an den 2. Weltkrieg. Und in politischen Sonntagsreden, in Schulstuben und Redaktionen, grassiert häufig noch immer die Vorstellung, Deutschland sei nicht nur am zweiten, sondern auch am ersten Weltkrieg schuld, die Schützengräben des Großen Krieges hätten jede Menge williger Gefolgsleute Hitlers ausgebrütet, um die man nicht zu trauern habe.

Doch die These, deutsches Weltmachtstreben habe den Ersten Weltkrieg verursacht, die nach den 60er Jahren die Debatte dominierte, hat sich längst erledigt, ebenso die Vorstellung, es gebe eine Kontinuität deutscher Geschichte, in der das Dritte Reich kein Ausrutscher, sondern logische Konsequenz gewesen sei. In den aktuellen Büchern von Christopher Clark oder Herfried Münkler ist dieser Paradigmenwechsel anschaulich zusammengefasst.

Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger am 28. Juni 1914 war mehr als ein bloßer Anlass und Österreich hatte jeden Grund, Serbien dafür zur Verantwortung zu ziehen. Doch erst im Laufe der Julikrise weitete sich der lokale Konflikt im Chaos von Bündnisverpflichtungen und diplomatischen Fehleinschätzungen aus. Alle Spieler haben sich verzockt, alle haben ihren Anteil an der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die Deutschen, nicht nur, aber auch weil sie dumm genug waren, Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht zu erteilen; die Franzosen, die der russischen Führung versprachen, im Falle eines österreichischen Angriffs auf Serbien den Bündnisfall zu erklären; die Russen, die als erste mobilmachten, und die britischen Politiker, die außer ihrer Bündnisverpflichtung gegenüber Frankreich und Russland keinen Grund hatten, sich einzumischen – höchstens, weil sie Russland mehr fürchteten als Deutschland.

War es wirklich das Leid Belgiens, das der britischen Regierung ein Eingreifen gebot? Oder diente die deutsche Verletzung der belgischen Souveränität, jene unbestreitbaren „Greuel“ beim Durchmarsch durch Belgien, als „gottgesandter Vorwand“ für eine britische Intervention, wie die spätere Frau des britischen Schatzkanzlers Lloyd George damals schrieb? Mit dem britischen Eingreifen jedenfalls wurde der Konflikt wahrhaftig global.

Dass es in diesem Ringen um große Dinge gegangen wäre, um den Kampf zwischen Kultur und Zivilisation, so die deutsche Interpretation, oder um einen Kreuzzug gegen „Barbarei“ und „ungezähmte Machtgier“ des Kaisers, wie es von britischer Seite hieß, ist im besten Fall eine Notlüge, im schlimmeren Fall Propaganda. Sie dient der Sinngebung des Sinnlosen. Wie sonst hätte man den Tod von 10 Millionen rechtfertigen können?

Für manche unter unseren europäischen Nachbarn mögen die neuen Erkenntnisse bedrohlich sein, sie rühren an die eigenen nationalen Legenden: etwa in Großbritannien, wo man sich derzeit darüber streitet, ob der Krieg ein „gerechter Krieg“ gewesen sei, um ein nach Weltmacht strebendes barbarisches Deutschland in seine Schranken zu weisen – oder ob sich, im Gegenteil, nicht gerade die britische Seite vorwerfen lassen müsse, dass ihre politische Führung im eigenen Machtinteresse einen zunächst begrenzten Konflikt auf Weltniveau katapultiert hat.

Doch davon ganz abgesehen: Was kann ein Sieg noch bedeuten nach einem vierjährigen Schlachten mit zehn Millionen Toten, nicht zu reden von den tödlichen Folgen der Blockadepolitik und der Grippewelle für die Zivilbevölkerung?

Der amerikanische Präsident Wilson sprach damals von einem Krieg, um allen Krieg zu beenden. Doch das Ergebnis war ein Frieden, der keinen Frieden zuließ. Tatsächlich hatte das große Sterben nicht ein einziges Problem gelöst, aber dafür viele neue geschaffen. Der Krieg gebar die bolschewistische Revolution. Die Verträge von Versailles schufen keinen Frieden, sondern neuen Sprengstoff, etwa zwischen Polen und Deutschland. Sie ebneten Hitler den Weg, der die Welt glauben machte, in den Schützengräben hätten „Volk und Führer“ zusammengefunden, eine der geschicktesten Propagandalügen des Joseph Goebbels. Ebenso wenig befriedete die Nachkriegsordnung den Balkan oder den Nahen Osten.

Ist etwas daraus zu lernen? Man sollte nicht allzu optimistisch sein. Und doch wird uns das bereits jetzt anschwellende Erinnerungstheater womöglich eine Erkenntnis vermitteln: dass die Ursünde des 20. Jahrhunderts eine gemeinsame ist. Und dass sich in den Schützengräben keine Feinde gegenübergelegen haben, hier perfide Briten, dort verlogene Franzosen und überall blutrünstige Deutsche, sondern Männer, die wahrscheinlich ähnliches erlitten und empfunden haben: Opfer einer gigantischen Kriegsmaschinerie zu sein, die über sie hinwegrollte und viel zu viele unter sich begrub.

Die europäische Ursünde teilen wir. Die Trauer auch. Niemand muss sich davon ausschließen. Auch die Deutschen nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite des Radiosenders WDR 3 sowie auf dem Blog der Autorin.


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