23. Januar 2014

Snowden, Manning, Bioterror Ein Harlatan gibt Vollgas

Und philosophiert über die Notwendigkeit einer neuen „außerordentlichen“ Krise zum Wohle der Neuen Weltordnung

Dossierbild

Wenn irgendein Militärstratege am unteren Ende der Karriereleiter aus einem fensterlosen Minibüro im Kellergeschoss in einem Memorandum schreibt, er könne Typen wie Edward Snowden nicht ausstehen – wen juckt's? Wenn irgendein eher unbedeutender Politiker des US-Kongresses, der normalerweise mit der Aufsicht über die korrekte Durchsicht von Importbestimmungen für Kaffee betraut ist, einen Artikel auf einem privaten Blog veröffentlicht, in dem er sich über unbotmäßig individualistische Tendenzen mancher Bürger echauffiert oder über „nicht-staatliche Akteure“ vom Leder zieht, interessiert das keine Flunder. Wenn ein Reporter irgendeines Yellow-Press-Klatschblättchens in Washington sich nach einer neuen, große Krise sehnt, findet das sicher weniger Beachtung. Es wären schließlich nur Einzelmeinungen, die ja nicht unbedingt langfristige Interessen größerer politischer Machtzirkel widerspiegeln müssen.

Wenn aber jemand wie Harlan K. Ullman, Senior Advisor des Atlantic Council, einer der vielen „Denkfabriken“ („Think Tanks“) aus dem politischen Umfeld der „War Hawks“, also der „Falkenfraktion“, und eng verbandelt mit den sogenannten „Neocons“, Mastermind der „Shock-and-Awe“-Doktrin, einer Militärstrategie, die ganz auf brutale Überwältigung von Gegnern mittels „spektakulärer Machtdemonstrationen“ („Spectacular displays of Power“) setzt, der zusammen mit US-Senator und Kriegstreiber John „Insane“ McCain ein Buch mit dem einigermaßen irreführenden, um nicht zu sagen verlogenen Titel „Unfinished Business – Afghanistan, the Middle East, and Beyond – Defusing the Dangers that threaten America‘s Security“ („Unerledigte Aufgaben – Afghanistan, der Mittlere Osten und dahinter – Entschärfung der Gefahren, die Amerikas Sicherheit bedrohen“) verfasste, von „nicht-staatlichen“ Akteuren und „failed states“ („gescheiterten Staaten“) als größter zukünftiger Bedrohung der USA spricht und obendrein im Kontext von 9/11 von einer womöglich nötigen, neuen „außerordentlichen Krise“, um die, wie Ullman schreibt, von George H.W. Bush nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verkündete „Neue Weltordnung“ effizienter durchdrücken zu können, ist das nicht nur bedenklich, sondern alarmierend.

Ullman spricht in seinem Artikel von dem vor 365 Jahren begründeten „Westfälischen“ System zentralstaatlicher Prägung, das nun durch die „Ermächtigung“ von Individuen und nicht-staatlichen Akteuren bedroht sei: „Im Wesentlichen wird das 365 Jahre alte Westfälische System, das souveräne Staaten als zentrale Elemente internationaler Politik einsetzte, herausgefordert und in manchen Fällen obsolet gemacht durch die Ermächtigung von Individuen und nicht-staatlichen Akteuren.“

Nun kann man sich bekanntlich lange und breit über die Vor- und Nachteile des Systems staatlich organisierten gesellschaftlichen Zusammenlebens streiten, wie aus der kontinuierlichen Auseinandersetzung zwischen Libertären, Etatisten, „Ancaps“ (Anarchokapitalisten), Minarchisten (Befürwortern des „Minimalstaats“) und so weiter im europäischen sowie amerikanischen Raum schon seit längerer Zeit ersichtlich ist. Darum soll es hier nicht gehen, sondern um die perfide, kräftig Nebelkerzen werfende rhetorische Methodik Ullmans, der sich nicht zu schade ist, in seinem auf der Webseite des „Atlantic Council“ veröffentlichten Beitrag vom 15. August 2013 („War On Terror Is Not The Only Threat“, „Der Krieg gegen den Terror ist nicht die einzige Bedrohung“) Menschen wie Bradley Manning oder Edward Snowden kurzerhand in die Nähe von Terroristen zu rücken.

Nachdem er – wenig überraschend angesichts seiner politisch-strategischen und radikalbellizistischen Ausrichtung als „Falke“ – über die kontinuierliche Bedrohung durch al-Qaida spricht, einer „Non-state-“ (Ullman), also nicht-staatlichen Terrororganisation, die trotz ihrer staatsfeindlichen Gesinnung durch ihr höchst bemerkenswertes, rein zufälliges regelmäßiges Auftauchen in den Jahren seit 9/11 überall dort, wo geopolitische Interessen der „Neuen Weltordnung“ beziehungsweise „Pax Americana“ bestehen oder reiche Rohstoffvorkommen vor Diebstahl durch unamerikanische Konkurrenz geschützt werden wollen, ihre erstaunliche Begabung demonstrierte, Washington, also einem staatlichen Akteur, jeden Wunsch förmlich von den Lippen ablesen zu können, konstatiert er, nicht klassische Staaten seien heute die größte Bedrohung, sondern eben solche nicht-staatlichen Banden und Individuen: „Stattdessen liegt die direktere Bedrohung in der dramatischen Ermächtigung von Individuen und Gruppen, zum Guten und traurig Bösen, oftmals gebündelt in Form ‚nicht-staatlicher Akteure‘. Edward Snowden, Bradley Manning, zahllose Hacker und anonyme Leute, die Briefe mit Anthrax verschicken und deren Handlungen in der Tat reale Bedrohungen und systemische Störungen darstellen, gehören zu ersterer Gruppe. Al-Qaida und andere radikale Gruppierungen spiegeln letzere wider.“

Edward Snowden, Bradley beziehungsweise neuerdings Chelsea Manning, Hacker und biologischer Terrorismus, in einem Satz hübsch aufgereiht zum Abschuss. Netter Versuch, Herr Ullman.

Natürlich ist das nichts als Augenwischerei, denn in Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: Wenn herkömmliche Staatsgebilde angeblich keine größere Bedrohung mehr darstellen, wie Ullman behauptet, ist allerdings fraglich, warum sie nach wie vor scharf ins Visier geostrategischer Planungen Washingtons und des Pentagons genommen werden – siehe die Machtspielchen in Eurasien, Afrika und Richtung China, in deren Verlauf in der Vergangenheit immer wieder entweder über sogenannte „Nichtregierungsorganisationen“ (NGOs) destabilisierend auf „Zielländer“ (jüngstes Beispiel Ukraine) eingewirkt oder gleich militärisch druffgebombt wurde (Irak, Afghanistan und so weiter). Über die bereits nachgewiesenen Verbindungen zwischen der „nicht-staatlichen“ Organisation al-Qaida und diversen anderen nationalen und internationalen Terror- und Extremistengruppen und ihren finanziellen und logistischen Hintergründen staatlicherseits (seien es nun amerikanische, saudische, russische, britische oder, im Falle NSU, manchmal auch deutsche Hintergründe) braucht man ja nun kein Wort mehr zu verlieren.

Als noch bedrohlicher sollte empfunden werden, dass Ullman, der eben nicht nur für sich selbst spricht, sondern für extrem einflussreiche Machtzirkel hinter der scheindemokratischen Fassade Washingtons, sich darüber mokiert, es gebe doch tatsächlich immer noch gefährliche, da noch nicht etatistisch-kollektivistisch erfolgreich abgeerntete Individuen mit eigenständigen Non-Borg-Köpfen, die – angeblich – die staatliche „Sicherheit“ bedrohen. Das muss vor dem Hintergrund der US-staatlicherseits angerichteten Schäden internationalen Maßstabs nicht erst seit 2001 nicht nur wie surreale Ironie erscheinen, das passt vor allem bestens in die freiheitsfeindliche Gesamtphilosopie der auch von Ullman propagierten „Neuen Weltordnung“.

Nicht nur richtig ernst, sondern schlicht stockfinster wird es aber, wenn Falke Ullman von der möglichen Notwendigkeit einer neuen „außergewöhnlichen Krise“ spricht: „Ohne eine außerordentliche Krise wird wahrscheinlich nur wenig geschehen, um die durch gescheiterte oder scheiternde Staatsführung aufgebürdeten Schäden zu begrenzen oder umzukehren.“

In diesem Zusammenhang sei noch einmal daran erinnert, dass es genau dieselben politischen Kreise waren, denen auch Ullman angehört, die sich ein Jahr vor 9/11 in einem Strategiepapier unter dem Titel „Rebuilding America's Defenses“ unter anderem einen Regimewechsel im Irak wünschten, von biologischen Massenvernichtungswaffen als irgendwann mal politisch vielleicht ganz „nützlichem“ Werkzeug sprachen und hinsichtlich der militärischen Gesamtausrichtung der USA das unter der Bezeichnung „Full Spectrum Dominance“ bekannte globale Vorherrschaftsstreben der Vereinigten Staaten zu Lande, zu Wasser, in der Luft, im Weltraum sowie im Cyberspace leidenschaftlich propagierten. Da die von ihnen angestrebten Veränderungen im innen- sowie außenpolitischen Bereich aber höchstwahrscheinlich sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würden, könnte nur ein „katastrophales, katalysierendes Ereignis“ wie zum Beispiel ein „zweites Pearl Harbor“ für den ersehnten Bleifuß auf dem NWO-Pedal sorgen. Ein Jahr später war es dann soweit. Das, sagen wir mal, „Schicksal“ meinte es gut mit den Neoverrückten und erfüllte ihren Wunsch. Naja, wie der geschichtliche Zufall eben so spielt. Viele Jahre später, im August 2013, spricht Ullman, einer der prominenteren Verfechter dieser Agenda, von einer neuen außergewöhnlichen Krise, die, wie er es nennt, die durch „scheiternde Staatsführung“ (sprich: noch nicht stramm genug durchregiert) angerichteten Schäden begrenzen könnte. Im Klartext: Ohne irgendein wie auch immer geartetes katastrophales Großereignis, sei es auf wirtschaftlicher Ebene oder derjenigen der nationalen Sicherheit, ist die „Neue Weltordnung“ existentiell bedroht.

In einem Interview vom Oktober letzten Jahres mit einer privat betriebenen Radioshow, in der es um die wirtschaftlichen Aussichten Amerikas für 2014 ging, sagte der weltweit bekannte, renommierte Trendforscher Gerald Celente, er habe aufgrund dessen, was ihm von einigen seiner Kontakte, von Freunden und Bekannten in Regierungskreisen, Unternehmen aus der Sicherheitsbranche und der Finanzwirtschaft sowie alternativen Medien zugetragen wurde, eine „Heidenangst“, hinter den Kulissen könne, wie er sich ausdrückte, gerade „ein ganz großes Ding für uns vorbereitet werden“.

Es heißt also wie immer in diesen Zeiten: Es bleibt spannend!

Oder gemäß einem alten chinesischen Fluch: „Mögest du in interessanten Zeiten leben.“


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