24. Januar 2014

Snowden Kasperle gegen Krokodil

Die Marionette aus dem Geheimdienstsumpf

Dossierbild

Alle freuen sich. Die Tageszeitungen freuen sich. Die Fernsehsender freuen sich. RAF-Anwalt Hans-Christian Ströbele und BND-„Spiegel“-Kontaktmann Georg Mascolo freuen sich. Die Blogger freuen sich. Selbst die Hacker des ach so kritischen Chaos Computer Clubs freuen sich. Denn Edward Snowden hat zu uns gesprochen. Er hat uns die Augen geöffnet und wir können sie nun endlich sehen: die weltweite Mega-Überwachung. Ein klein bisschen Asyl erscheint da für den Propheten kaum zu viel verlangt.

Doch ist die ganze Geschichte um Snowden nicht ein wenig zu schön, um wahr zu sein? Passt sie nicht viel zu gut in das große Bild von den omnipotenten Geheimdienstmonstern, das wir alle schon seit geraumer Zeit erahnen, das uns die Protagonisten der televisionären Pop-Kultur schon so lange servieren? Es wird Zeit, etwas tiefer zu blicken. Wer ist dieser Prophet Snowden? Wer ist der Spion, der im Juni 2013 so urplötzlich auf allen medialen Kanälen wandelte? Und warum will sein Enthüllungsprozess heute einfach kein Ende mehr nehmen?

Zunächst lohnt ein Blick auf die kurze Biographie des heute 30-jährigen Mannes aus North Carolina, die der Journalist John Rappoport schon kurz nach Auffliegen des NSA-Skandals zusammentragen konnte. Nach seinen Erkenntnissen schloss sich Snowden im Alter von 19 Jahren ohne Schulabschluss der US-Armee an. Er begann dort seltsamerweise schon kurz nach Aufnahme in die Armee ein sonst nur für bewährte Soldaten konzipiertes Trainingsprogramm, um später bei den Special Forces unterkommen zu können. Während des Programms zog sich Snowden jedoch schwere Beinverletzungen zu und wurde daraufhin prompt entlassen, ohne dass anscheinend zunächst Rehabilitationsmaßnahmen in Betracht gezogen wurden. Was auffällt, da er vor allem aufgrund seiner herausragenden Computerkenntnisse in die Special Forces aufgenommen werden sollte. Kurz nach seiner Entlassung ergatterte Snowden einen Job als Wachmann in einem NSA-Gebäude der Universität von Maryland. Noch im gleichen Jahr 2003 soll sich Snowden ein weiteres Mal beruflich neu orientiert haben und in eine IT-Abteilung der CIA gewechselt sein. Im Jahr 2007 versah ihn die CIA mit diplomatischer Immunität und schickte ihn nach Genf. Dort sollte er die Netzwerksicherheit der Schweizer CIA-Abteilung sicherstellen. Snowden war seitdem im Besitz besonderer Zugangsberechtigungen und erhielt Einsicht in diverse Verschlusssachen. Soweit vermag also ein IT-Fachmann ohne jeglichen Schulabschluss in das Geheimdienstlabyrinth vorzudringen. 2009 quittierte Snowden seinen Dienst. Er stieg aus. Aus Gewissensgründen. Heute sagt er, er sei desillusioniert gewesen. Schon während dieses nur zweijährigen Dienstes in einem CIA-Außenposten in Genf habe er mit Hilfe eines handelsüblichen USB-Speichersticks genügend Material gesammelt, um die Geheimdienstwelt erschüttern zu können, so Snowden. Doch er schwieg. Er wartete. Worauf? Statt zu plaudern nahm er  einen Job bei einem Vertragspartner der US-Kriegsmaschine an und arbeitete in einer Einrichtung der NSA in Japan. Zu diesem Zeitpunkt musste Snowden schon längst gewusst haben, wie der Hase läuft. Doch die zuvor noch schmerzenden Gewissensbisse schienen ihn nicht mehr zu stören. Auf seiner Karriereleiter folgten später noch die Firmen Dell und Booz Allen Hamilton. Im Auftrage von Booz arbeitete er schlussendlich abermals für die NSA.

Snowdens Angaben über den Erfolg seiner Unternehmung sind mittlerweile widersprüchlich. Im Sommer 2013 will er noch einige tausend als geheim klassifizierte Geheimdienst-Dokumente entwendet haben. Ein halbes Jahr später wird bereits von zwei Millionen Papieren geredet. Nach eigenen Angaben will Snowden sie allesamt eigenständig und sorgsam durchgesehen und überprüft haben. Inwieweit war ihm dies in den vergangenen Jahren, während er noch für die NSA arbeitete, zeitlich und organisatorisch überhaupt möglich? Warum konnte der angebliche Mega-Geheimdienst NSA es nicht schaffen, Snowden am Untertauchen und Veröffentlichen zu hindern, während er gleichzeitig angeblich jedes kleine Detail aus dem Leben aller anderen Untertanen zu kennen vermag? Warum floh Snowden ausgerechnet in das Spionagenest Hong Kong, das als ehemalige britische Kolonie seit Jahrhunderten schon als Sprungbrett für westliche Schnüffler und Provokateure in den asiatischen Raum dient? Die NSA soll ihn dort nicht gefunden haben und nicht bemerkt haben, dass er einen Flug nach Russland buchte. Seine vier Laptops soll sie ebenso wenig geortet geschweige denn gehackt haben können.

Maximal 200.000 Dokumente hat Snowden bislang an seinen Kompagnon Glenn Greenwald, der in den vergangenen drei Jahren auf der Socialism Conference der „International Socialist Organization“ sprach und unter anderem die Schwächung der USA forderte, weitergeleitet. Hundertausende Papiere könnten also noch folgen. Falls es Snowdens neue Freunde zulassen. Die ehemalige FBI-Übersetzerin und heutige Journalistin Sibel Edmonds wurde nach eigenen Angaben „kontaktiert von einem NSA-Funktionär im Ruhestand, der behauptet, dass die von Edward Snowden beschafften Dokumente weitreichende Informationen enthalten über die Partnerschaft der NSA mit großen amerikanischen Finanzeinrichtungen. Der Funktionär, der auf Anonymität bestand, behauptet dass eine Abmachung Anfang Juni 2013 getroffen worden war zwischen den Journalisten, die in den aktuellen NSA-Skandal involviert sind, und Regierungsvertretern. Die Abmachung sei unter Geheimhaltung gestellt und mit Schweigeklauseln abgesichert worden.” Diese Aussage ist purer Sprengstoff. Glaubt man Sibel Edmonds, erscheinen Snowden und sein Enthüllungstheater als reine Kampagne. Doch zu welchem Zweck? Welche Interessensgruppen ziehen im Hintergrund die Fäden?

Ebay-Gründer Pierre Omidyar errichtet derzeit gemeinsam mit Glenn Greenwald und den ebenso marxistisch geprägten Journalisten Laura Poitras und Jeremy Scahill das neue Mediennetzwerk „First Look Media“. 250 Millionen Dollar wurden bislang in das Projekt investiert. 50 Millionen Dollar davon stammen vom selbsternannten Philanthropen Omidyar. Alle zukünftigen Dokumente Snowdens sollen durch sein Netzwerk veröffentlicht werden.  Im Vorstand von Omidyar Network, der Investmentgesellschaft Pierre Omidyars, sitzt unter anderem Salvadore Giambanco. Herr Giambanco agiert gleichzeitig als Berater der Firma Globant aus San Francisco, die sich als allumfassende IT-Dienstleisterin versteht. Von sozialen Netzwerken über Spiele bis hin zu Cloud Computing wird die gesamte schöne neue Internetwelt in sogenannten „Innovation Labs“ geplant, erprobt und umgesetzt. Neben Omidyar Network ist Philip Odeen, einer der Direktoren von Booz Allen Hamilton, größter Anteilseigner von Globant. Dort fungiert ebenfalls als Direktor.

Eine wichtige Investorin von Omidyar Network ist die MIT-Absolventin und Fernsehkomikerin Dhaya Lakshminarayanan. Vor einiger Zeit arbeitete sie noch als Beraterin für Booz Allen Hamilton.

Eine weitere Verbindung zwischen Snowdens Ex-Arbeitgeber und seinem neuen Mentor Pierre Omidyar besteht zudem über die Firma InnoCentive, die sich auf das sogenannte Crowdsourcing, die Auslagerung betriebsinterner Aufgaben per Beauftragung externer Anbieter, spezialisiert hat. Zu den Kunden von InnoCentive gehört neben diversen Regierungsagenturen auch Booz Allen Hamilton. Zu den Investoren von InnoCentive zählt neben Omidyar Network auch In-Q-Tel, die Investmentgesellschaft des Geheimdienstes CIA, die auch in Google investierte, beste personelle Verbindungen zu Facebook unterhält und in deren Vorstand bis vor kurzem noch Dr. Anita Jones, die ehemalige Beraterin des amerikanischen Verteidigungsministeriums und zuständige Kontrolleurin der Abteilung für Hochtechnologie im Ministerium (DARPA), agierte. DARPA gründete im Jahr 2002 das Information Awareness Office, das bis heute, unter immer wieder geänderten Namen, das Ziel verfolgt, so viele Daten wie möglich über jeden Bürger zwecks amtlicher Durchsicht zu sammeln. Zu den überwachten Datenbeständen gehören dabei unter anderem Internetaktivitäten, Kontobewegungen, Flugticketkäufe, Führerscheindaten, Mietautoverträge, medizinische Akten, Steuerrückzahlungen und vieles mehr.  

Doch auch auf direktem Wege verfügt Snowdens Mentor Pierre Omidyar über ausgezeichnete Kontakte nach ganz oben. US-Präsident Barack Obama berief ihn zum Beispiel höchstpersönlich in die President’s Commission on White House Fellowships, die Stipendien an junge US-Amerikaner für eine Ausbildung im Weißen Haus vergibt. Pierre Omidyar hat also Erfahrung mit der Rekrutierung neuer Köpfe für staatliche Unternehmungen.

Die Flucht Edward Snowdens erscheint vor diesem Hintergrund nur noch als Farce. Auch wenn er offiziell als Verräter gilt und ihm ein Prozess in den USA droht, hängt er nun wieder mittendrin im Spinnennetz aus Geheimdiensten, Regierung und dem militärisch-industriellen Komplex. Ist er womöglich niemals aus diesem Netz entkommen? Ist er nur Teil einer nachrichtendienstlichen Operation, mit der weitaus andere Ziele verfolgt werden, als aktuell erklärt wird?

Zurück zu dem Fragenkomplex rund um Snowdens Material und den zähen Enthüllungsprozess: Kaum ein Schreiberling erinnert sich noch daran, dass Glenn Greenwald bereits im Sommer 2013 in einer E-Mail an die Redaktion des Internet-Nachrichtensammlers „BuzzFeed“ ankündigte, dass große Teile der Dokumente womöglich nie veröffentlicht werden: „Es geht uns nicht um willkürliches Veröffentlichen der Dokumente. Unsere Quellen wollen das nicht.“

Eine bemerkenswerte Aussage. Wenn er mit „Quellen“ die NSA meint, ist ihm ein deutliches „Natürlich“ zu entgegen. Natürlich will die NSA verhindern, dass das Material öffentlich wird. Das ist schließlich der Kern jeder Spionage-Operette. Doch was, wenn er mit „Quellen“ nicht die NSA meint? Stecken hinter Edward Snowden Dunkelmänner, die ihm erst die Papiere zuspielten? War Snowden gar nicht persönlich am Datenklau beteiligt? Ist er letztendlich nur die Marionette in einem größeren Spiel?

Viele Fragen. Und die wichtigste zuletzt: Warum? Warum sollten amerikanische Geheimdienste und ihre Verbündeten überhaupt Geschichten über ein weltweites, omnipotentes Überwachungsnetz in die Welt setzen wollen?

Stimmt die Geschichte über PRISM und all die anderen Projekte der NSA, könnte ein solch zäher Enthüllungsprozess, wie er seit einem halben Jahr zu beobachten ist, dazu dienen, die bürgerlichen Untertanen Schritt für Schritt an die Überwachung zu gewöhnen. In der langsamen Gewöhnung besteht schließlich die effizienteste Art der Gehirnwäsche. Per Salami-Taktik wird das Leben im digitalen Narrenkäfig alltäglich.

Stimmt die Geschichte jedoch nicht, könnten Snowdens Dokumente dazu dienen, das bedrohliche Bild von den allmächtigen US-Geheimdiensten aufrecht zu erhalten – ein Potemkinsches Dorf der schlechten Laune. Hinter dem geldschluckenden Überwachungsungetüm steckt dann womöglich wenig bis gar nichts. Crypto City, die schwarze Kiste im US-amerikanischen Fort Meade, beherbergt vielleicht wirklich riesige Rechenzentren, jedoch nicht das zur allumfassenden Überwachung immer noch notwendige Personal.

Die zweitgenannte Möglichkeit zu durchdenken gibt Hoffnung. Und sie ist sogar relativ wahrscheinlich. Womöglich ist auch dieses dunkle Derivat der Planwirtschaft, wie schon jede andere Form von Sozialismus und Kollektivismus in der menschlichen Historie zuvor, schon vor geraumer Zeit gescheitert. Wir wissen es vielleicht nur noch nicht – auch weil Snowden, Greenwald und Co. öffentlich „Kasperle gegen Krokodil“ mimen.


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