26. Januar 2014

ADAC Eine „Verschwörungstheorie“?

Über allen Gipfel ist Ruh’

Ich weiß zwar nicht, wie Sie so zum ADAC stehen. Aber es ist gut möglich, dass sich Ihre Sicht auf den zweitgrößten Automobilclub der Welt in den letzten Tagen etwas verändert hat.

Zumindest könnten Sie einer derjenigen sein, die wegen der Affäre um getürkte Zahlen und die Glaubwürdigkeitskrise erbost aus diesem Verein ausgetreten sind. Immerhin soll es sich dabei ja um „Tausende“ handeln, wie „Bild“ souffliert. Da könnten auch Sie wohl dabei sein.

Falls Ihnen auch jetzt noch täglich der Kamm schwillt beim Lesen medialer Salven über Rettungs(!)hubschrauberfreiflüge, Prasserei und gefälschte Pannenstatistiken: Lassen Sie mich mal kurz dazwischen, bevor die anderen den Fangschuss mit der unvermeidlichen Sexsause auf Kosten der Mitglieder – gerne auch garniert mit irgendetwas Rechtem – anbringen.

Erinnern wir uns: Die Vorwürfe gegen den ADAC beziehen sich nicht nur auf aktuelle Verfehlungen, sondern vor allem auch auf angebliche oder tatsächliche Vorgänge, die bereits länger zurückliegen. Den aktuellen Skandal hätte der ADAC vielleicht noch mit einem blauen Auge überstanden, aber die sich überschlagenden Meldungen vermitteln immer mehr das Bild eines chronisch Kranken, der daher auch nur noch mit einer Rosskur zu heilen sein kann. Dubiose „Experten“ melden sich zu Wort, bemängeln die Intransparenz und fordern gar die Zerschlagung des Vereins.

Auch die Politik mischt mit, allen voran Horst Seehofer. Dem „Focus“ gab er zu Protokoll, beim ADAC habe sich „offenbar an einigen Stellen eine Tendenz zur Abgehobenheit und vielleicht sogar zur Selbstüberhöhung eingeschlichen“. Er warnte auch davor, dass „Macht, die nicht wirksam kontrolliert wird, früher oder später aus den Fugen gerät.“

Er muss es ja wissen.

Und als unverholene Maximaldrohung fügte er an, dass „über den Entzug der Gemeinnützigkeit zu reden sein müsse.“

Nun muss man ja auch den bayerischen Ministerpräsidenten, was Glaubwürdigkeit betrifft, nicht unbedingt für das Maß aller Dinge halten. Dafür hat er sich sowohl privat als auch beruflich wohl auch schon etwas zu oft gewendet. Aber es lohnt sich trotzdem, einmal genauer hinzusehen, warum gerade er so vorprescht, wenn es darum geht, den ADAC in den Schwitzkasten zu nehmen.  

Wie war das noch vor und nach der Bundestagswahl? Die CSU hatte mangels sonstigen Profils doch dieses Maut-Thema als Alleinstellungsmerkmal. Und gerade als man die Merkeline, den dicken Gabriel und all die anderen in Berlin endlich auf Linie gebracht hatte, da erdreistete sich doch so ein damals noch mächtiger und glaubwürdiger Verein, der CSU in die Suppe zu spucken und die Mautpläne abzulehnen. Dieser Verein hieß ADAC, Hauptsitz in – München.

Zuerst fiel nur die selbsternannte „Außerparlamentarische Opposition“ alias „Bild“ über den Verein her. Der jedoch ließ, in vollem Bewusstsein seiner Macht, nicht locker und insistierte. Und plötzlich, schwuppdiwupp, ist nun der Skandal da und der ADAC steht ohne Hosen auf der Autobahn.

Nach der ersten Schockstarre hat die Führung begriffen, was gespielt wird: Zuletzt gab sie demütigst bekannt, dass man in Zukunft bei politischen Diskussionen „vorsichtiger“ agieren möchte. An dieser Stelle drängt sich eine Frage geradezu auf – das alte Cui bono?

Sie, lieber Leser, können sich darauf ja jetzt mal Ihren eigenen Reim machen und sich fragen, ob es sein kann, dass Sie, sollten Sie wegen der Affäre ausgetreten sein, vielleicht nur der nützliche Idiot von Interessengruppen sind, die irgendeinen Giftschrank geöffnet haben, um einem widerborstigen Verein klarzumachen, dass man nicht zu widersprechen hat, wenn die Politik eine Marschrichtung vorgibt.

Wie sagte schon Mao: „Bestrafe einen – erziehe Hundert.“

Mit weiterem „außerparlamentarischen“ Widerstand gegen Seehofers Mautpläne ist im freiesten Staat auf deutschem Boden jedenfalls nun wohl nicht mehr zu rechnen.

„Vermutungen, Unterstellungen!“, rufen Sie jetzt? Mag sein.

Dennoch sollten wir uns alle unseres eigenen Verstandes bedienen statt zum Takt zu marschieren, den eine Meute aus Politik und Medien uns vorgibt. Denn sonst ist bald nicht nur auf den Gipfel der Hansastraße Ruh’, sondern dann ruhen auch wir in absehbarer Zeit.


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