28. Januar 2014

Heino in Afrika Die Vorurteile leben!

Schwarz und weiß kann niemals grau ergeben

Wenn ein nordischer Held sich mit einer Mohrenkönigin vermählt, dann entsteht, wie wir seit Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ wissen, nicht etwa ein graues, sondern ein schwarz-weiß geschecktes Kind. Es heißt Feirefiz, ist Parzivals Halbbruder und gleicht von Kopf bis Fuß einem Schachbrett.

Seit jenen sagenhaften Zeiten hat sich nicht viel geändert. Vor ein paar Tagen gab Schlagerbarde Heino ein Konzert in Namibia, und das ZDF titelte: „Albino in Afrika“. A-A-Alliteration: Weißes Rössel springt auf schwarzes Feld. Aber dumm gelandet: Heino ist, weißes Haar hin, schwarze Sonnenbrille her, gar kein Albino. „Ich kann mich da schwarz drüber ärgern!“, äußert sich der Sänger in Weißglut, und: Das ZDF möge sich für die Beleidigung entschuldigen. Fragt sich nur, ob bei Heino oder bei den Albinos?

Nun, egal, weiß ist weiß: Heino hingegen beglückte auf seiner Tour nicht nur die weißen Deutschsüdwester, sondern auch die schwarzen Kavangos und Himbas, denen er netterweise eine Schule bauen will, denn: „Man sieht ja, dass man hier Kultur reinbringen muss!“ – was ihm nun freilich in den Internet-Kommentarbereichen der fernen weißverschneiten Heimat einen rabenschwarzen Shitstorm bescherte, welcher schließlich kaum überraschend im altbewährten Mythos des Weißen Mannes vom Edlen Schwarzen gipfelte: Ja, wir selbst sind es, die von der Kultur der Schwarzen zu lernen haben! Oh freilich! Ganz besonders, was (und hier springt beherzt das schwarze Rössel aufs weiße Feld) die alte afrikanische Kulturtechnik der Zweitverwertung von Albinos betrifft. Denn, was der naturvergessene Zivilisations-Weiße nicht wahrhaben will: Aus serienweise abgeschlachteten Albinos lässt sich ein kostbarer, wundersamer Extrakt verfertigen, der famos gegen allerlei Krankheiten, Zaubereien und Verfluchungen hilft und deshalb in Schwarzafrika zu Höchstpreisen gehandelt wird!

Hoffen wir also, dass die Edlen Schwarzen, mit denen sich Heino so vergnügt ablichten ließ, dank ihres Eingeboreneninstinkts besser über die genetische Disposition des deutschen Barden Bescheid wissen als das ZDF – wäre es doch wahrlich ein Verlust für die deutsche Musikwelt, wenn der zuständige Medizinmann zum Ergebnis käme, der mögliche Erlös eines Heilextrakts sei größer als der Nutzen der in Aussicht gestellten Schule. Und lehnen wir uns beruhigt zurück und stellen wir befriedigt fest, dass die diversen Vorurteile und Klischees – von beiden Seiten – auch im 24. Jahr der politischen Korrektheit nicht geringer geworden sind als zu Wolframs Zeiten. Weiß plus schwarz ergibt auch heute nicht grau, sondern, ganz wie vor 800 Jahren, ein komplexes, geschecktes Geflecht aus Eigen- und Fremdzuschreibungen, Fantasien, Sehnsüchten, Lügen und Irrtümern…

Der scheckige Feirefiz soll übrigens ein hübscher Jüngling und heldenhafter Recke gewesen sein. Selbst der unbesiegbare Parzival konnte ihn nicht überwältigen. Als sie sich als Halbbrüder erkannten, umarmten sie sich und feierten ein rauschendes Fest. Die Shitstormer aus dem Internet waren dazu allerdings nicht eingeladen.


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Martin Johannes Grannenfeld

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