28. Januar 2014

Kramp-Karrenbauer „Dann hab ich was Eigenes“

…und eine Million Saarländer müssen deswegen Französisch lernen

In Wolfgang Borcherts Heimkehrerklassiker „Draußen vor der Tür“ gibt es eine Figur, die dem Leser vorgestellt wird als „Frau Kramer, die weiter nichts ist als Frau Kramer, und das ist gerade so furchtbar“. Sofort steht einem die Dame lebhaft vor Augen. Man denkt sich, dass sie, anstatt ihre Nachbarn zu terrorisieren, lieber einen Malkurs an der Volkshochschule belegen sollte. Da könnte sie mehr sein als nur Frau Kramer. Da hätte sie was Eigenes.

Sie hat es wahrscheinlich gar nicht versucht. Vielleicht gab es auch einfach keinen freien Platz mehr. So jedenfalls ging es einem anderen armen Würstchen, das dann ersatzweise beschloss, Politiker zu werden. Hinterher denkt man sich, er hätte vielleicht doch lieber die Leinwand in Schutt und Asche gelegt als ganz Europa…

Selbstverständlich hat niemand die Absicht, einen Nazi-Vergleich zu ziehen, und Frau Kramer hat mit Frau Kramp-Karrenbauer ganz gewiss nicht mehr gemein als die Anfangsbuchstaben. Der spannende, internationale Lebenslauf der saarländischen Ministerpräsidentin (geboren in Völklingen/Saarland, Politik- und Jurastudium in Trier und Saarbrücken, Planungsreferentin der CDU Saar, persönliche Referentin des saarländischen Ministerpräsidenten, saarländische Ministerin für Inneres, Sport und Frauen, saarländische Ministerpräsidentin) und ihr sprühendes, charismatisches Temperament (zu begutachten in ihren mit unbewegter Miene vor monochromem Hintergrund vorgetragenen Youtube-Ansprachen) geben wenig Anlass zu der Vermutung, sie könne es furchtbar finden, weiter nichts als Frau Kramp-Karrenbauer zu sein.

Jetzt aber ist die Dame auf der Suche nach „was Eigenem“ auf ein weitgreifendes obrigkeitsstaatliches Umerziehungsprojekt spezieller Art verfallen. Bis 2043 will sie das Saarland in ein durchgängig zweisprachiges Gebiet verwandeln. Neben Deutsch soll Französisch als allgemeine Verkehrs- und Umgangssprache etabliert werden. Kinder sollen von klein auf zweisprachig erzogen und unterrichtet werden (zur Vermeidung familiärer monolingualer Bedrohungen bevorzugt in Ganztagsschulen), Französischkenntnisse sollen in der Landesverwaltung verpflichtend werden, französische Arbeitskräfte sollen gezielt aus dem Nachbarland angeworben werden. Man möchte ein „Tor zu Frankreich“ werden, ein Bundesland mit Alleinstellungsmerkmal, ein neues Luxemburg gar – kurz: was Eigenes.

Annegret Kramp-Karrenbauer scheint es keine Gewissensbisse zu bereiten, eine Million Saarländer umzuerziehen, um ihrem armen kleinen Politikerleben einen historischen Sinn zu geben. Die gewachsene Kultur eines ganzen Landstrichs umzukrempeln, ist ihr kein zu großes Opfer, wenn sie dafür im Jahre 2043, mit 81 Jahren, „alt und lebenssatt“ wie die biblischen Patriarchen und mit vergnügten Sinnen auf das beherrschte Saarland hinunterblickend sprechen kann: „Dies alles ist mein Werk gewesen“ – während ihr Mann sekundiert: „En effet.“

Tja. So selbstherrlich haben nicht einmal die absoluten Monarchen über ihr Volk verfügt.


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Martin Johannes Grannenfeld

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