30. Januar 2014

Ökobewegung Klein ist schön. Schön blöd.

Der Floh der erneuerbaren Stromversorgung

Zu den Glaubensbekenntnissen des aufgeklärten deutschen Religionsverächters gehört das Mantra klein ist schön (neuerdings zusammen mit dem Enthusiasmus für Produkte „aus der Region“, als sei das Hähnchen aus der Quälbatterie von nebenan dem freilaufenden Vogel aus dem Périgord vorzuziehen.) Klein gehört zum Katechismus der Öko-Religion wie der Jutebeutel zum Hipster. Klein steht für friedlich, genügsam, nachhaltig. Groß dagegen bedeutetet imperialistisch, auf-Deubel-komm-raus, weltzerstörerisch. Ist nicht der woddelige Biobauernhof, wo sich eine latzbehoste Schar von Idealisten selber ausbeutet, notwendigerweise klein und somit ein Gegenentwurf zur agrarindustriellen Latifundie des skrupellosen Schweinebarons? Ist nicht in Amerika, dem Reich des Bösen, alles immer riesengroß, vom Burger bis zum Energiekonzern?

Guru der Klein-ist-schön-Heilslehre war der britische Ökonom und gebürtige Deutsche Ernst Friedrich Schumacher. Ein schillernder Mann, zeitweise Sozialist, Christ, Wirtschaftsberater der britischen Regierung und Erfinder der „Buddhist Economics“. Letztere waren so was wie eine Blaupause der gegenwärtig angesagten „regionalen Produktion“. 1973, fast zeitgleich mit Dennis Meadows’ Club-of-Rome-Report „Die Grenzen des Wachstums“, landete Schumacher einen Bestseller, den er im Weißen Haus dem US-Präsidenten Jimmy Carter vorstellen durfte: „Small is beautiful“.

In der deutschen Übersetzung war dem Titel noch der Satz „Die Rückkehr zum menschlichen Maß“ angehängt. Womit alles Wichtige zum Buch gesagt war. De-Industrialisierung und Nicht-Globalisierung, Neue Bescheidenheit, back to the roots, runter mit der Produktion, weniger malochen, lieber nachdenken, am Busen von Mutter Natur. Kurz, das ganze Programm, das nun mal zum „Weiterbestehen der Menschheit“ nottut. Darunter macht’s ein Mahner von Format bekanntlich nicht.

„‚Small is Beautiful‘ ist das Brillanteste und Schärfste, was man bislang im geistigen Rüstzeug der Alternativbewegung findet,” jubelte die „taz“ in einer späteren Besprechung des Werks. Schumacher selber hat nicht mehr erlebt, wie wirkungsmächtig sein Buch für den aufziehenden grünen Bürgerkinderkreuzzug wurde. Er starb 1977.

Das Wurzelzwergige, Kleinstteilige und Schrathafte der Ökobewegung sowie ihre Neigung, die Welt aus der Plumpsklo-Perspektive zu betrachten, ist in einer Szene der Filmkomödie „Am Tag als Bobby Ewing starb“ von 2005 zur Perfektion verdichtet. Ein junger Öko-Freak aus einer Landkommune hat mühsam eines dieser rostigen Windrädchen, mit denen konventionelle Bauern ihre Gräben lenzen, zum Daddeln gebracht. Siehe da, plötzlich flackert tatsächlich die 25-Watt-Birne auf, welche an einem mit dem Windrad verbundenen Mini-Generator hängt. Die Kommunarden versammeln sich um ihr neues E-Werk, als sei der Heiland herabgestiegen, werfen die Arme in die Höhe und jubeln: „Wir sind autark!“

Der Wunsch nach autarker, möglichst auch noch hundertprozentig erneuerbarer Stromversorgung aus „regionaler Produktion“ ist ein Floh, den sich dutzende deutsche Kommunen in den Kopf gesetzt haben. Wer einen Satz wie „Wir machen unsere Energie selber“ bei Google eingibt, findet eine Vielzahl von Beispielen. Zwischen der Insel Pellworm und dem bayerischen Wildpoldsried möchten Groß- und Kleinstädte, Samtgemeinden und Käffer sich eine neue, kuschelige, saubere und dabei natürlich auch noch billigere Energiewelt einrichten. Und zwar, indem sie „Klimaallianzen“ schmieden, „Energiegenossenschaften“ gründen, sich an „Bürgerwindparks“ beteiligen oder ihre Dächer mit Solaranlagen bepflastern lassen.

Zum Teil werden diese Projekte vom lokalen Elektrohandwerk listig mit angeschoben, das an der Aufstellung und Wartung von Photovoltaikanlagen profitiert. Hinter anderen Autarkie-Versuchen stecken maßgeblich die Manager von millionenschweren Windparkfonds, die harmlosen Bürgern nur zu gern Anteile für in der Nähe geplante Rotorenfelder verticken – umso geringer, hoffen sie, fällt der örtliche Widerstand gegen die bis zu 200 Meter hohen Betonmonster aus. Wieder andere Autarkie-Fangruppen setzten sich aus wohlmeinenden, völlig unverdächtigen Zeitgenossen zusammen, die nur ein Merkmal eint: sie verstehen von Strom genauso viel wie von Wirtschaft. Nämlich Bahnhof. Wie scherzt Vince Ebert so hübsch? „Meine Tochter geht als Ampere-Mädchen nach Frankreich.“

Zu dumm aber auch: die Rechnung mit dem Strom, den man sich selber macht wie einen Sonntagskuchen, geht nur ganz selten auf. Der „Spiegel“ zeigt im aktuellen Heft anlässlich eines Stücks über die düpierten Prokon-Gierschlunde, wie wenig man mit Windkraftanlagen tatsächlich abgreifen kann. Obschon das hoch subventionierte Produkt Windstrom planwirtschaftlich auf 20 Jahre abgesichert ist, schütteten Windpark-Betreibergesellschaften zwischen 2000 und 2012 lediglich 2,5 Prozent des angelegten Kapitals an die Anleger aus. Der Traum vom Windrad als Dukatenesel ist längst geplatzt - nicht nur für die armen, dummen Schweine der Prokon-Sekte.

Überhaupt ist rentable Energieversorgung komplizierter, als es sich die Greenpeace-Jugend vorstellen mag, wenn sie mal wieder ein „die in“ veranstaltet („Bei einem bestimmten Kommando, z.B. Sirene, fallen plötzlich alle um und liegen in der Fußgängerzone. Das simuliert einen GAU o.ä.“). Das IWR, Branchenportal der „regenerativen Energiewirtschaft“, warnt auf seiner Website: „Energieversorgung von Kommunen rechnet sich nur in Ausnahmefällen“. Es zitiert aus einer Studie des Umweltbundesamtes, welche die Machbarkeit und Rentabilität von lokalen Stromautarkievorhaben untersucht hat. Fazit: diese wären an manchen Standorten „technisch vielleicht machbar“, würden jedoch „in den meisten Fällen irrwitzig hohe Investitionen erfordern“. Weil nämlich Strom, Überraschung!, in größerem Umfang nicht gespeichert werden kann. Anders als bei der meist stabilen Stromversorgung aus Wasserkraft und Geothermie, so stellt die Studie klar, ist mit Zufallsstrom aus Sonne und Wind keine Autarkie zu schaffen. Eine Binse? Selbstverständlich. Die man aber den selig ihren grünen Träumen nachhängenden, technikfernen Deutschen gar nicht oft genug servieren kann.

Ähnliche Millionengräber tun sich früher oder später auf, wenn Städte die Energienetze von privaten Versorgern wie dem Vattenfall-Konzern zurückkaufen. In Hamburg drückte letztes Jahr eine grüne Initiative per Volksentscheid gegen den Willen der regierenden SPD den Rückkauf durch. Zahlen werden dafür in den kommenden Jahren die Bürger. Zuerst für den Kaufpreis. Später für die Verluste, die unvermeidlich entstehen, sobald der Netzbetrieb von verbeamteten Schnarchbacken gemanagt wird.

Nun tun die großen Energiekonzerne aber auch alles, um derlei Unsinn zu befördern. Indem sie alles tun, um die Verbraucher zu melken. Niemand bezweifelt ja, dass es sich bei E.ON, RWE & Co. um Kartelle mit mafiösen Ansätzen handelt, um Preisdiktierer, die kungeln und verschleiern und tricksen, damit sie ihre Kunden meistmöglich bescheißen können. Aber selbst diese Gauner liefern immer noch günstigeren Strom als ehrbare Dilettanten, die ihre politischen Flausen zum Steckenpferd gemacht haben und sich an eigener, womöglich auch noch erneuerbarer Energieproduktion versuchen. Was sich prompt als eine ausgesprochen verteuerbare Angelegenheit herausstellt.

Sogar dort, wo Strom zwar kleinteilig und lokal, doch immerhin professionell erzeugt wird, nämlich bei den Stadtwerken, ist nach einer kurzen Euphorie blanker Katzenjammer eingekehrt. Sinkende Preise an den Strombörsen, unter anderem verursacht durch den erratisch die Netze flutenden Windstrom, haben die Kalkulationen vieler kommunaler Versorger kaputtgemacht. Das brandneue Kohlekraftwerk im westfälischen Lünen etwa läuft fast rund um die Uhr, machte aber schon im ersten Jahr 100 Millionen Euro Verlust. Vielen anderen der 350 deutschen Stadtwerke, die ihre Energie selbst erzeugen, ergeht es ähnlich. Ein geplantes Berliner Stadtwerk, das Strom ausschließlich aus regenerativen Quellen und nur für Berlin herstellen soll, wird die Schuldenlast der Pleitestadt noch einmal kräftig erhöhen. Was dem gemeinen Baliner natürlich wurscht sein kann, wa.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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