31. Januar 2014

Erster Weltkrieg Defend your Country with your Dollars

Die US-Zentralbank ermöglichte erst die Urkatastrophe

Die Frage, wer Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren trug, entfaltet sich aktuell nicht auf der bedeutendsten aller Ebenen. Nicht die Frage, welche Nation oder welche Regierung die entscheidenden diplomatischen Fehler zur Urkatastrophe beisteuerte, erscheint relevant, sondern vielmehr die Frage nach den Werkzeugen und Mechanismen, die den ersten globalen Krieg in der Menschheitsgeschichte überhaupt erst ermöglichten. Ein Versuch, die Diskussion auf die wahrlich wichtige Ebene zu heben, soll im Folgenden unternommen werden.

Die europäische Entente kaufte in den ersten Kriegsjahren Waffen und Munition vor allem in den USA. Dazu wurde zuvorderst die Bank of England genutzt, die 1915 noch US-amerikanische Wertpapiere im Wert von mehr als fünf Milliarden Dollar hielt. An der New Yorker Wall Street wurden diese zu Geld und damit zur Finanzierungsquelle der englischen, russischen und französischen Armeen. Doch auch diese Quelle versiegte Schritt für Schritt und als die noch neutrale US-Regierung die Börsianer im Jahr 1916 vor dem Geschäftsgebaren der Bank of England warnte, schrillten in London alle Alarmglocken. Nach Erkenntnissen des Historikers David Stevenson  besaßen die Briten im April 1917 nur noch gerade so viele Wertpapiere, um für „drei Wochen Einkäufe zu tätigen.“ Zu diesem Zeitpunkt muss den Alliierten der US-Kriegseintritt einem Gottesgeschenk gleichgekommen sein. Angesichts der Versenkung des britischen Passagierdampfers RMS Lusitania durch ein deutsches U-Boot vor der irischen Küste am 7. Mai 1915 und des Todes von 128 US-Bürgern verschärfte sich die Stimmung gegenüber dem Deutschen Reich bis zum Januar 1917 in solchem Maße, dass schließlich auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. eine Gefahr wähnte und dem Drängen der Obersten Heeresleitung nach dem totalen U-Boot-Krieg nachgab. Der bis dato eher neutrale und idealistische US-Präsident Woodrow Wilson reagierte mit der Kriegserklärung gegen Deutschland und wendete damit das Blatt zu Gunsten der Alliierten.

Ohne die am 23. Dezember 1913 gegründete US-Zentralbank Federal Reserve wäre ein solches Kriegsabenteuer jedoch kaum möglich gewesen. Die dazu notwendige Finanzierungsmethode, die heute das Alltagsgeschäft einer jeden Zentralbank darstellt, fand mit dem Ersten Weltkrieg und der Beteiligung der USA seinen Anfang. In ihren Anfangsjahren noch agierte die Fed recht bieder, indem sie lediglich Kredite an die an ihr teilhabenden Geschäftsbanken ausgab und im Gegenzug sogenannte „real bills“, Pfandbriefe privater Unternehmen, die sich wiederum Geld bei den Geschäftsbanken liehen, erhielt. Die Pfandbriefe wurden gedeckt vom realen Eigentum der Unternehmer und dienten der Fed letztlich als Sicherheit ihrer Kredite. Im originalen Gesetzestext des „Federal Reserve Act“ wurde in Abschnitt 16 noch festgehalten, dass die gesamte US-Dollarmenge hundertprozentig gedeckt sein müsse mittels dieser wertgedeckten „real bills“. Zusätzlich wurde die Fed dazu angehalten, 40 Prozent der Dollarmenge in Gold vorzuhalten. Damit war jeder zirkulierende Dollar tatsächlich mit einem Dollar in wertgedeckten „real bills“ und 40 Cent in Gold abgedeckt. Die damals noch legislativ vorgeschriebene Möglichkeit des jederzeitigen Umtausches einer Dollarnote in Gold stellte die Banker also vor nicht allzu große Herausforderungen.

Die US-Regierung jedoch benötigte keine reale Sicherheiten, keine „real bills“, um sich Geld von der Zentralbank leihen zu können. Um aber nicht gegen die Vorschriften zur hundertprozentigen Deckung der ausgegebenen Dollarmenge zu verstoßen, konnte die Fed der Regierung nur sehr geringe Summen zur Verfügung stellen. Zur Kriegsfinanzierung musste also zunächst an einigen Stellschrauben gedreht werden.

Eine erste kleine Drehung erfolgte im Jahr 1916, als der Fed im Abschnitt 13.8 des Gesetzestextes die Möglichkeit eingeräumt wurde, ihren Teilhaberbanken nun auch per Regierungsschuldschein abgesicherte Kredite einzuräumen. Tatsächliche Wert-Papiere aus der Privatwirtschaft waren dazu also keine Pflicht mehr.

Am 24. April 1917, weniger als drei Wochen nach Woodrow Wilsons Kriegserklärung gegen Deutschland, wurde die erste Tranche des „Liberty Bond“ emittiert. Fünf Milliarden Dollar spülte die Kriegsanleihe unter dem Slogan „Defend your Country with your Dollars“ in die Kassen der Regierung. Drei weitere Emissionen folgten noch bis zum Kriegsende.

Doch das ganz große Rad drehten Amerikas Krieger zwei Monate später. Im Juni 1917 wurde dem Abschnitt 16 des „Federal Reserve Act” ein gewichtiger Passus beigefügt, nach dem von nun an die 40-prozentige Golddeckung 40 Prozent der „real bill“-Deckung ersetzen dürfe. Fortan also war jeder zirkulierende Dollar nur noch mit 60 Cent aus wertgedeckten „real bills“ und 40 Cent in Gold abgesichert. Ein kleiner Schritt für die Banker, doch ein großer für die Kriegstreiber. Denn damit wurde es der Fed ermöglicht, die nun frei gewordenen „real bills“ als Sicherheit für Kredite an die US-Regierung zu verwenden. Das Kriegsbudget konnte nun massiv gesteigert werden. Die US-Staatsquote stieg infolgedessen rasant von 1,6 auf 22 Prozent. 22 Prozent der gesamten US-Wirtschaft standen nun im Dienste der Regierung, größtenteils im Dienste des Krieges. Die Inflation stieg ebenso rasch an. Während sie bei Gründung der Fed noch bei einem Prozent lag, schwankte sie in den kommenden Kriegsjahren zwischen 13 und 20 Prozent. Bis zum Jahr 1920 verlor jeder einzelne Dollar die Hälfte seiner Kaufkraft.

Die Teilhaberbanken der Fed fuhren in dieser Zeit erquickliche Gewinne ein. Dabei machten sie es sich zu Nutze, dass die Kriegsanleihe mit 3,5 Prozent auf 30 Jahre verzinst wurde. Die Teilhaberbanken kauften zunächst diese Liberty Bonds und gaben sie im Anschluss an die Fed als Sicherheit für mit drei Prozent verzinste Kredite weiter. Diesen Kniff ermöglichte wiederum Abschnitt 13.8 des „Federal Reserve Act“, nach dem die Fed auf Kredite, die mit dem Liberty Bond abgesichert wurden, einen großzügig verringerten Zins gewährte. Es wurde ein einträgliches Geschäft für die Teilhaberbanken der Fed. J.P. Morgan, Paul Warburg und all die anderen Teilhaber sollen nach Berechnungen des ehemaligen Ökonomie-Professors der Universität von Miami Raymond Fishe auf diesem Weg alle 15 Tage mehr als 400.000 Dollar eingenommen haben.

Ganz ähnlich also wie viele Potentaten in den Jahrhunderten zuvor ihre Kriege per Münzentwertung finanziert hatten, ermöglichte die Fed erst das Kriegsabenteuer der US-Regierung im April 1917 mittels ausgedehnter Inflation – und gleichzeitig ausgedehnte Profite für die angeschlossenen Großbanken. Die Fed wurde letztendlich zu einem Aufbewahrungsort für Kriegsanleihen umfunktioniert, indem sie gegen bloße Schuldscheine der Regierung frische Dollars ausgab. Erst auf diesem Wege konnte die bis dato außenpolitisch eher zurückhaltende US-amerikanische Regierung den Aufstieg zur Großmacht und Weltpolizei wagen.


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