03. Februar 2014

Goldman „FAZ“ „Was habt ihr bloß gegen Gottspielerei?“

Diejenigen, die wissen, was läuft, schreiben nicht für Qualitätszeitungen

„Wieso hassen alle Goldman Sachs?“, lautete die aus Sperrholz laubgesägte Überschrift eines Artikels der „FAZ“ vom 2. Februar. Zunächst mal möchte ich die unverzichtbaren Intellektuellen aus der Hellerhofstraße um etwas bitten: Könnten wir uns eventuell darauf einigen, den eilfertigen Gebrauch solcher überemotionalen Vokabeln ein klein wenig zurückzufahren? Europahasser, Euro-Hasser, Dies- und Das-Hasser – muss das sein? Wäre ja auch in eurem Interesse, wo ihr doch selber ständig gegen den von euch stets neu erfundenen Populismus oder auch Internet-Stammtische verzweifelt anschreibt. Denn völlig berechtigte Kritik an EINEM Bankhaus muss erstens noch kein „Hass“ sein und erlaubt zweitens eigentlich auch keine reißerischen Verallgemeinerungen wie „Feindbild Bank“. Gut, ihr habt mit Verallgemeinerungen ja sonst auch keine Probleme, wie man an eurem albernen Herumgeflatter bezüglich des „Mohammed-Videos“ ablesen konnte, zu dem es in eurem Feuilleton hieß, „die Muslime“ gingen auf die Straße. Ich hatte dazu einen Artikel geschrieben, in dem ich die prozentualen Anteile „der“ Muslime an den Gesamtbevölkerungen der betroffenen Länder etwas genauer berechnete. Ich meine, wenn zum Beispiel im leidenschaftlich herbeigeschriebenen Feindbild Iran, einem Land mit knapp 80 Millionen Einwohnern (viele davon sogar Menschen!), 2.000 Leute vor Wut über ein Video auf die Straße machen, sind das ja noch nicht „die“ Muslime, auch ist deshalb nicht gleich „die islamische Welt in Aufruhr“. Nicht wenige Muslime interessierte das Streiflein nämlich ungefähr so viel wie ein grasendes Gnu eine defekte Ampel in Kassel. Also bleibt cool, ihr Meister des politisch korrekten Ausdifferenzierens!

Freilich, eine geBILDete Schlagzeile wie „Wieso hassen alle ...“ macht sich natürlich besser als ein nüchternes und langweiliges, unaufgeregtes „Wieso kritisieren alle ...“; ersteres klingt würziger, aufwühlender, kriegerischer, passt also wunderbar zur aktuellen internationalen Verstimmungslage und noch wunderbarer zu dem auch von eurer „Ersten Seite“ immer wieder gerne heruntergebellten Bellizismus, wenn es darum geht, in grundehrlichen Kommentaren zu humanitären Schnelleinsätzen zum Wohle des ewig währenden Weltfriedens verbale Beihilfe zu Angriffskriegen und Massenmord zu leisten und den Leserchen dabei das eine oder andere unschöne Detail aus der Vorbereitungsphase oder den geopolitischen Hintergründen der entsprechenden Kriege zu verschweigen. Warum also mit guten Traditionen brechen? Passt schon.

Doch zurück zum Thema. Also, warum wird das Bankhaus Goldman Sachs so heftig kritisiert? Warum diese Empörung über ein Geldinstitut, das einmal durch peinliche Enthüllungen unternehmensinterner Mails in die Schlagzeilen geriet, in denen von Kunden als „Maden“ („Maggots“) die Rede war, denen man „wohl jeden Dreck andrehen“ könne? Woher diese Entrüstung über eine Bank, die man mit Fug und Recht fast schon als eigentlichen Regierungssitz Amerikas bezeichnen könnte? Warum sollte man kritische Fragen stellen, wenn gleich mehrere US-Präsidenten von den Goldmännchen kräftig gesponsert und durch, sagen wir mal, der Bank „nahestehendes“ Personal durch ihre Amtszeit geleitet werden, um eine möglichst langwährende Kontinuität nicht ganz unparteiischer Vorteilnahmen zu gewährleisten? Warum überhaupt dieser „Hass“ wegen eines außer Rand und Band geratenen Korporatismus, der übrigens auch die Euro-Zone in einen Spielplatz für anglo-amerikanisches Altpapierrecycling verwandelte? Warum sich wundern, wenn in der EU gleich mehrere europäische Regierungschefs von Goldman Sachs gestellt werden, nebenbei übrigens auch der Chef der Fed 2.0 (EZB)? Warum sollte es nachdenklich stimmen, dass auch die (sofern man zahlreichen „FAZ“-Kommentaren im Vorfeld der Bundestagswahl glauben zu wollen sich herabließ) im Volk äußerst beliebte, im Volk äußerst beliebte, sicherheitshalber noch ein drittes Mal, damit auch der klügste dem eigenen Werbeslogan zufolge immer hinter der Zeitung steckende Kopf es kapiert: die im Volk äußerst be-lieb-te Kanzlerin sich gerne von Goldman-Sachs-Bankern beraten lässt, die selbstverständlich rein altruistischen Motiven folgen und denen nichts mehr am Herzen liegt als das Wohlergehen der Völker Europas (wer möchte das denn bitte ernsthaft bezweifeln?), weshalb sie sie gerne auslutschen wie Austern?

Warum sollte man sich echauffieren über die Tatsache, dass so manche nicht einfach aus dem Himmel gefallene Verhaltensregel (zum Beispiel der Hass-Schniedel-Act oder so ähnlich) unter anderem auf Druck von Goldman Sachs abgeschafft wurde, um einer globalen Pinnochiopapier-Praxis die Schleusen möglichst weit zu öffnen, einem Gebaren, das an dem kleinen, unbedeutenden Schluckauf im Jahre 2008 nicht ganz unschuldig war? Wieso sollte man diejenige Bank, die der griechischen Regierung beim Fälschen ihrer Bilanzen half, um sie in die Euro-Zone schmuggeln zu können, wohlwissend, wohin das führen würde, sobald der Schwindel auffliegt, denn nicht mögen? Wie könnte man ihn denn nicht liebhaben, den Lloyd, der nicht nur Amerikaner einmal durch die ein bisschen größenwahnsinnige Äußerung zum Nachdenken brachte, Goldman-Sachs-Banker verrichteten „Gottes Werk“ („We're doing god's work“)? Ja also, warum diese heftige Kritik vieler renommierter Beobachter des Geschehens an den Finanzmärkten an der im Volk äußerst be-lieb-ten Bank, was haben diese Goldman-Sachs-Hasser bloß? Mögen die etwa keine Monopoly-Gottspielereien mit Zwangsgeld?

Natürlich hat die „FAZ“ sogleich eine Antwort parat, die sie ganz schnell irgendeinem Professor für Sozialpsychologie aus der Nase zog, um ihren klugen Lesern zu verdeutlichen, wie dumm, ressentimentistisch und von niederen Instinkten getrieben sie doch eigentlich sind: „‚Wir nutzen Feindbilder, um uns die Welt verständlich zu machen‘, sagt Rolf van Dick, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt. Wir beschränken unsere Wahrnehmung auf einen kleinen wahren Kern, damit wir an der Komplexität nicht irrewerden – gerade bei großen Umwälzungen wie der Finanzkrise.“

Lassen wir dieses Neu- und Ahnungslosensprech mal wieder durch den Universalübersetzer von Prof. Libertas laufen, ein sehr praktisches Gerät, das sich gut bewährt hat:

„Wir benutzen Feindbilder, um uns die Welt verständlich zu machen“, sagt Rolf von Dick, Professor für Sozialpsychologie (klingt schon mal wichtig) an der Universität Frankfurt (eindeutiger und unleugbarer Kompetenzbeweis!) zur Titelmelodie der Sendung mit der Maus. Was er dabei nicht erwähnt: Hin und wieder können Feindbilder durchaus ihre Berechtigung haben, zum Beispiel dann, wenn es um Feinde des sozialen Friedens und Wohlstandes und die von ihnen eingekauften und beratenen politischen Claqueure geht, die nur an einem Interesse haben: dem eigenen Machterhalt. Wir – darunter fallen sogar einige „FAZ“-Redakteure – beschränken unsere Wahrnehmung auf einen kleinen wahren oder auch von den Machteliten erwünschten Kern, während wir alles andere beharrlich verschweigen und als dumme Verschwörungs- oder „Manipulations“-Theorie verleugnen und ins Lächerliche ziehen, damit Leser über die manchmal gar nicht so komplizierte, sondern erschreckend und brutal einfache Wahrheit bloß nicht in Rage geraten und von ihren verdienten Volksführern verlangen, endlich mal Tacheles zu reden. Je länger wir das tun, das ist das Paradoxe, ja Schizophrene daran, desto irrer könnten die Leute am zunehmend komplexen Chaos ihres unmittelbaren Lebensumfeldes werden, das vielleicht weniger belastend ausgefallen wäre, hätten wir unser journalistisches Arbeitsethos ernstgenommen, statt uns selbst zu Mundstücken zu degradieren. Das „Handbuch der politischen Mythomanie“ hat uns und anderen verdienten Chefredakteuren der KPdSU (Kaderpresse der Schuldenunion) Mutti persönlich im Bundeskanzleramt überreicht, worauf wir sehr stolz sind und woran wir uns auch halten.

Was man bei der „FAZ“ nicht alles weiß, wirklich toll: „Keine Theorie über die Machtverteilung in der amerikanischen Regierung, in der nicht irgendwo die ehemaligen Goldman-Sachs-Mitarbeiter in den Ministerien Erwähnung finden, kein Bericht über den EZB-Präsidenten Mario Draghi ohne den süffisanten Hinweis auf seine Vergangenheit bei der Bank – an der Spitze der europäischen Geldpolitik stehe, so wird suggeriert, ein Agent des Finanzkapitals. Dabei hat Draghi in seiner langen Karriere nur einziges Jahr bei Goldman Sachs verbracht.“

Um auch das zum Abschluss noch schnell zu dolmetschen, das kann ja so nicht stehenbleiben, gruselig:

„Keine Theorie über die Tatsache der mittlerweile etwas mehr als 100jährigen  extremen Korruption und Cliquenwirtschaft zwischen Washington und Wall Street, in der nicht irgendwo die zwar auf dem Papier ehemaligen, im Geiste aber nach wie vor innig verbundenen Goldman-Sachs-Mitarbeiter (oder solche der Fed oder anderer gleichgesinnter Banken) in den Ministerien die Weichen für eine inzestuöse Finanzpolitik stellen, die gerade seit 2008 und im Zuge der sehr geschickt eingefädelten ‚Too-Big-To-Fail‘-Bankenrettungspolitik nicht nur amerikanische Steuerzahler für das Fehlverhalten so mancher Großbank bluten ließ, statt sie in einem ordentlichen Insolvenzverfahren abzuwickeln. Kein klassensprecherhaft glucksender Artikel in seriösen Feigenblättchen, in denen die Mitgliedschaft Draghis in der G30, einer von der in solchen Dingen unvermeidlichen Rockefeller-Stiftung ins Leben gerufenen Lobbyorganisation der Hochfinanz, nicht verschwiegen oder nur ganz selten erwähnt würde und auch nie gefragt wird, ob dadurch nicht vielleicht doch der eine oder andere Interessenskonflikt seitens Herrn Draghi vorliegen könnte. Warum auch, der Mann hat schließlich nur ein einziges Jahr bei Goldman Sachs verbracht! Betreibt aber komischerweise trotzdem fleißig Finanzpolitik im Interesse seines ehemaligen Auftraggebers und anderer Finanzinstitute, indem er schwachsinnigen oder vorsätzlich kriminellen Politikern an der Spitze europäischer Länder (sofern sie nicht gleich von Goldman Sachs kommen) ganz viel Falschgeld bereitstellt, damit sie sich auch weiter bis über beide Ohren und bis zum Sankt Nimmerleinstag verschulden können. Also irgendwie habe ich jetzt ein seltsames Gefühl. Kann das alles wirklich nur Zufall sein? Ach egal, ich muss weiter für meine Rolle als Baby Schimmerlos üben. Außerdem kann ich das Wort ‚Naivität‘ noch immer nicht richtig schreiben.“

Horst Seehofer sagte einmal: „Diejenigen, die gewählt wurden, haben nichts zu entscheiden, und die, die entscheiden, wurden nicht gewählt.“ Übertragen auf den deutschen Qualitätsjournalismus beziehungsweise das, was man heutzutage darunter versteht: „Diejenigen, die wissen, was läuft, schreiben meist nicht für Qualitätsblätter, und die, die für Qualitätsblätter schreiben, wissen meist nicht, was läuft. Oder verschweigen es.“

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„FAZ“: „Wieso hassen alle Goldman Sachs?“


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