13. Februar 2014

Böhse Onkelz Onkel oder Knecht?

Das Gesetz der Preisbildung, illustriert anhand eines Konzerts

Wenn es um die Gesetzmäßigkeiten des Marktes geht, wird es schnell ideologisch. Auf der einen Seite stehen die Liberalen oder Libertären, die von vorneherein mit der Überzeugung in die Diskussion gehen, dass die Hand des Marktes nicht nur unsichtbar, sondern vor allem auch weise ist. Auf der anderen Seite finden wir Linke, Rechte, Konservative, Grüne – also eigentlich alle anderen politischen Lager. Ihr Vertrauen in die unsichtbare Hand ist entweder erschüttert oder war gar nicht erst vorhanden. Sie glauben lieber, bei aller Kritik an der jeweils aktuellen Regierung, an die Fähigkeit des Staates und seiner Bürokratie, die Auswüchse des Marktes eindämmen und wichtige Bereiche des Lebens vollständig in die eigenen Hände nehmen zu können.

Gerade bei zentralen Themen wie Gesundheit, Bildung und Sicherheit wird dieser Gegensatz besonders deutlich. „Wir können unsere Gesundheit doch nicht von der kalten Profitgier der Pharmaindustrie abhängig machen“, sagen die Marktkritiker. „Wir können unsere Gesundheit doch nicht vom kältesten aller kalten Ungeheuer abhängig machen“, erwidern die Staatskritiker. Die einen misstrauen dem Staat, die anderen dem Markt.

Dabei wird völlig vergessen, dass die Marktgesetze im Grunde genommen nichts mit Ideologie zu tun haben. Es gibt sie einfach, ob wir wollen oder nicht. Daher ist es wichtig, dass jeder, der sich auf ein Gebiet begibt, wo diese Gesetze walten, sie versteht und in sein Kalkül mit einbezieht. Um der Gefahr vorzubeugen, die Diskussion wieder in eine ideologische Ecke zu drängen, soll das wichtigste Gesetz des Marktes – dasjenige der Preisbildung durch Angebot und Nachfrage – im folgenden nicht anhand des Gegensatzes zwischen Staat und Markt illustriert werden. Stattdessen wird ein aktuelles Beispiel aus dem sogenannten Kulturleben der Bundesrepublik gewählt.

Die Band „Böhse Onkelz“ erregt seit ihrer Gründung im Jahre 1980 die Gemüter. Ursprünglich war sie im Frankfurter Punk-Milieu entstanden, wendete sich dann aber recht schnell der Skinhead-Szene zu. In dieser Zeit entstanden einige Lieder, deren politisch nur wenig korrekter Inhalt der Gruppe bis heute vorgeworfen wird. Ende der 1980er Jahre gingen sie dann auf Abstand zur politisierten Skinhead-Szene und wurden zu einer mehr oder weniger normalen deutschsprachigen Hardrock-Band. Ausnahmestatus genießen sie allerdings durch die Tatsache, dass sie in ihrer gesamten Karriere fast durchgehend mit negativer Presse zu kämpfen hatten. Auch derzeit, wo wieder mehr über sie berichtet wird, wird sie fast durchweg als „umstritten“ bezeichnet. Als ungeliebtes Kind der Nation wurden sie in den 1990er Jahren aber auch Sammelbecken und Sprachrohr für die zu kurz Gekommenen, nicht Verstandenen und Außenseiter. Zusammen mit der steigenden Qualität ihrer Alben verschaffte ihnen das viermal die Spitzenposition in den deutschen Album-Charts. Im Sommer 2005 gaben sie schließlich vor sensationellen 120.000 Fans ihr Abschiedskonzert.

Im Januar 2014 haben die Böhsen Onkelz nun ihre Rückkehr angekündigt. Im Sommer wollen sie auf dem Hockenheimring ein Konzert geben. Und hier beginnen die Marktgesetze, eine Rolle zu spielen. Denn der Andrang zu diesem Konzert geht weit über die Kapazitäten des Hockenheimrings hinaus. Schon beim Abschiedskonzert waren 60.000 Fans angereist, nur um auf dem Camping-Platz mitzufeiern – sie hatten keine Karte mehr bekommen.

Die Frage ist jetzt, wie man dieses Problem zur Zufriedenheit aller löst. Würden sich die Böhsen Onkelz der Logik des Marktes entsprechend verhalten, würden sie den Kartenpreis auf schätzungsweise 200 bis 300 Euro festlegen müssen. Bei einem Preis in dieser Größenordnung sollten sich Angebot und Nachfrage ungefähr ausgleichen. Nun ist es aber verständlich, dass eine Band ihren eigenen Fans nicht unverhältnismäßig viel Geld aus der Tasche ziehen will. Schließlich darf ja nicht das Gefühl zerstört werden, man sitze im selben Boot. Ganz in diesem Sinne haben die Onkelz dann auch auf ihrer Seite verlauten lassen: „Wie ihr wisst, haben wir nicht nur in der Vergangenheit ganz genau überlegt, wie wir die Ticketpreise gestalten und dass sich nach Möglichkeit jeder unserer Fans eine Karte leisten kann und/oder die Chance hat, ein Kärtchen zu erstehen. Working Class und so… Ihr wisst, für was die Onkelz stehen.“ Dementsprechend liegt der Kartenpreis bei circa 60 Euro und damit deutlich unter dem markträumenden Niveau.

Es liegen also Gründe vor, in diesem Fall nicht auf den Ausgleich von Angebot und Nachfrage zu setzen. Die Fans sollen das Konzert zu erschwinglichen Preisen besuchen können. An sich gibt es nichts gegen diesen Vorsatz einzuwenden. Das Problem besteht nun darin, dass man das Preisgesetz nicht beliebig ein- oder ausschalten kann. Es ist da und tut seine Wirkung. Und wenn das, wie in dem Falle des Onkelz-Konzerts, nicht auf normalem Weg geht, weil die Gruppe den Preis festgelegt hat, dann sucht es sich eben andere Kanäle.

Nun gibt es natürlich einschlägige Erfahrungen in diesem Bereich. Gefürchtet ist vor allem der Sekundärmarkt. Vor großen Konzerten sichern sich erwerbsmäßige Händler regelmäßig ein großes Kontingent an Karten und verkaufen diese dann zu horrenden Preisen auf Ebay oder anderen Plattformen. Die Folge davon ist, dass die Fans „abgezockt“ werden und die Erlöse nicht an die Band, sondern an Dritte fließen. Aus Sicht der Betroffenen ist das natürlich die schlechteste aller Möglichkeiten. Aus diesem Grund haben die Böhsen Onkelz den gewerblichen Wiederverkauf von vornherein ausgeschlossen.

Aber natürlich sind nicht nur gewerbliche Händler so schlau, die Spanne zwischen Preis und Zahlungsbereitschaft der Fans auszunutzen. Auch Privatpersonen sichern sich gerne einmal ein Dutzend oder mehr Karten, um sie hinterher teuer zu verkaufen. Auch diesbezüglich haben die Böhsen Onkelz versucht, einen Riegel vorzuschieben. Im Vorfeld des Verkaufsstarts bestand die Möglichkeit, sich auf ihrer Seite registrieren zu lassen. Wer das gemacht hat, bekam einen Code und durfte bereits in der ersten Woche des Verkaufs zuschlagen, während alle anderen noch warten mussten. Die maximale Kartenanzahl pro Käufer wurde außerdem auf vier beschränkt. Im Fachjargon nennt man das „Rationierung“.

Und wie ist es dann gelaufen? Am 7. Februar 2014 startete der Vorverkauf im Internet, zunächst einmal nur für die registrierten Nutzer. Wer es erst um 12 Uhr 20 versucht hat, bekam bereits die Meldung, dass er aufgrund des extrem hohen Andrangs in einer Warteschlange sei und circa 60 Minuten werde warten müssen. 40 Minuten später erschien die Nachricht, dass bereits 165.000 Leute versucht hätten, Karten zu bekommen, und das Konzert damit bereits ausverkauft sei. Den Zuschlag hat also nicht der bekommen, der am meisten bezahlt hat, sondern derjenige, der sich bereits um 11 Uhr 45 – vielleicht auch schon deutlich früher – die Mühe gemacht hat, alle zehn Sekunden seinen Browser zu aktualisieren, um möglichst früh in die Warteschlange zu kommen. Der Wettbewerb wurde also nicht ausgeschaltet, sondern nur auf ein anderes Gebiet verschoben, das man mit den bekannten Spruch beschreiben kann: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Mehr oder weniger zeitgleich mit dem Vorverkauf wurden auf Ebay die ersten Karten zum Verkauf angeboten. Am 9. Februar 2014, also noch lange vor Auslieferung der Karten, ergibt die Suche nach „onkelz“ und „Hockenheimring“ auf Ebay bereits über 500 Ergebnisse, wovon etliche wiederum einen erwarteten Vorrat von deutlich mehr als zehn Karten anzeigen. Es gab also genügend findige Fans, die sich gleich mehrfach registriert haben und dann auch mehrfach zugeschlagen haben. Und es lohnt sich. Stehplätze werden zu über 200 Euro gehandelt. Natürlich ist davon auszugehen, dass hier der ein oder andere gewerbliche Händler seine Finger im Spiel und manch anderer bereits Karten verkauft hat, für die er noch gar nicht sicher den Zuschlag hat. Die Band hat jedenfalls bereits bekanntgegeben, dass ihre Anwälte da dran sind.

Wir sehen also zwei Dinge. Erstens kann man die Marktgesetze – hier das Gesetz der Preisbildung – nicht einfach ausschalten. Auf dem einen oder anderen Weg kommen sie wieder durchs Hintertürchen herein. Die Nachfrage nach den Karten ist vorhanden und wird sich Geltung verschaffen, auch wenn man sich auf den Kopf stellt. Zweitens wird es sehr teuer und aufwendig, wenn man trotzdem versucht, sich über diese Gesetzmäßigkeiten hinwegzusetzen. Im vorliegenden Fall mussten auf den Webseiten der Band und des Kartenverkäufers eigens die Registrierung, die Codevergabe und –annahme sowie die Beschränkung auf vier Karten organisiert und geschaffen werden. Die sich an den Ausschluss des gewerblichen Wiederverkaufs anknüpfenden Rechtsstreitigkeiten werden unter Umständen ebenfalls große Beträge verschlingen. Und das alles, wie gesagt, ohne den gewünschten Erfolg. Viele Fans sind ohne Karte geblieben und müssen sich jetzt teuer auf dem Sekundärmarkt eindecken.

Um es hier noch einmal zu wiederholen: Die ganze Diskussion um die Kartenpreise bei Rockkonzerten kann völlig ideologiefrei bleiben. Im vorliegenden Fall kann niemandem ein Vorwurf gemacht werden. Die Band will den Kartenpreis im von ihr vertretbaren Rahmen halten. Zu diesem Preis wollen aber deutlich mehr Fans auf das Konzert, als Karten vorhanden sind. Einige von denen, die nicht zum Zuge gekommen sind, sind bereit, höchste Preise zu bezahlen. Und die cleveren Fans, die sich mit Karten eingedeckt haben, sorgen dafür, dass diejenigen, die am meisten für ein Onkelz-Konzert bezahlen wollen, dann auch eine Karte bekommen.

Der Punkt ist, dass man wissen muss, mit wem man sich anlegt. Mit dem Markt hat man einen Gegner, den man nicht ohne weiteres übertölpeln kann. Man kann ihm nicht die eigenen Vorstellungen überstülpen und dann hoffen, dass er keinen Ausweg findet. Man erreicht nicht das, was man erreichen will, sondern etwas anderes, im schlimmsten Fall sogar das Gegenteil. Der sogenannten Abzocke der Fans sind jetzt jedenfalls Tür und Tor geöffnet, da kein Mensch mehr weiß, wie viele Karten im Umlauf sind und wie sich der Preis auf Ebay in den nächsten Monaten entwickeln wird.

Umgekehrt jedoch wird man sich häufig dem Markt beugen müssen. So auch die Böhsen Onkelz. Sie erhöhen das Angebot. Wie sie bekanntgegeben haben, spielen sie ein Zusatzkonzert, um die hohe Nachfrage besser bedienen zu können. Auch wenn das sicherlich nicht gegen ihre eigenen Wunschvorstellungen ist, zeigt es doch, wer letzten Endes am längeren Hebel sitzt.


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