14. Februar 2014

Journalismus Grüner schreiben?

Frag’ nach bei Greenpeace!

Guter Journalismus, hat der 1995 verstorbene „Tagesthemen“-Moderator Hanns Joachim Friedrichs mal erklärt, ginge so: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“ Eine Zeitlang war das ein Diktum, welches an den Wänden von Journalistenschulen hing. Obgleich es immer ein wenig fragwürdig war. Was, bitte, ist denn „eine gute Sache“? Abgesehen vom Kampf gegen Kinderpornographie wird man da schwerlich auf einen glatten Nenner kommen.

Inzwischen ist der Spruch des einstigen ARD-Anchorman, der sein Handwerk bei der guten, der alten BBC gelernt hatte, aber so was von Yesterday. Heutige Journalisten betrachten es als ihre Menschenpflicht, mit Sachen, die sie für gut halten, hemmungslos in die Kiste zu hüpfen.

Dreiviertel der deutschen Journos machen bei Befragungen gar kein Hehl daraus, dass ihre Herzen heiß für rotgrün klopfen. Noch ein bisschen stärker für grün als für rot. Und natürlich verfolgen sie auch im Job eine entsprechende Agenda.

Deshalb sind nicht nur die öffentlich-rechtlichen Anstalten faktisch zu Agenturen der Sozialindustrie, der Gewerkschaften, der Church of Global Warming und des öko-industriellen Komplexes geworden. Auch die private Medienbranche treibt zu großen Teilen die handelsüblichen Säue durchs Dorf. Als da sind: Die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, die grassierende Kinderarmut, der in der Mitte der Gesellschaft angekommene Rassismus bzw. Neonazismus, die jederzeit durch einen Tsunami zur Explosion bereiten deutschen AKW, die Segnungen der Sonne und des Windes, welche uns keine Rechnungen ausstellen. Usw., usf., etc. pp. You name it. Nach dem Aufwachen NDR info einschalten, und man erhält die volle Dröhnung.

In den Kommentarspalten ist der Konformitätsdruck des gedruckten und gesendeten Gebrabbels besonders fortgeschritten. Losungen, die von so genannten Leitmedien wie der Prantl-Prawda in München ausgegeben werden (zum Beispiel, dass die geldgeilen, spießigen, xenophoben Schweizer sich einen Bärendienst mit ihrem Volksentscheid zur Zuwanderungsbegrenzung geleistet hätten), finden sich tags darauf in vielen Gazetten und Websites der Mittelstädte wieder. Danach poppen sie in ländlichen Kleinzeitungen auf, am Ende gar in einem Anzeigenblättchen des Elbe-Weser-Dreiecks. Dem fleißigen Leser kommt es vor, als stünde er vor einem dieser Regale, wo Yellow-Press-Erzeugnisse ausliegen. Massenhaft Hefte! Und alle enthalten denselben Quark.

Kulturwissenschaftler werden irgendwann mal ergründen, wie das möglich war. Wie es kam, dass sich in einer der theoretisch liberalsten Gesellschaften der Welt eine Meinungsvielfalt ausbildete, die es mit derjenigen der verblichenen DDR aufnehmen konnte.

Was das Agenda-Setting angeht, also das regelrechte Verordnen von Themen, so sind einstmals womöglich noch vorhandene Hemmschwellen mittlerweile geschleift. Auf Internetseiten wie carta.info wird der neue, der „aktivistische Journalismus“ als Gegenentwurf zum alten, „neutralen Journalismus“ vorgestellt: „Die Jahrzehnte lang als unumstößlich geltende ‚Hanns Joachim Friedrichs-Doktrin’(...) ist durch ‚aktivistische Journalisten neuen Typs wie Glenn Greenwald, Jeremy Scahill, Jacob Appelbaum, Laura Poitras ins Wanken geraten. Diese Journalisten ‚neuen Typs’ gehen aufgrund ihrer Recherchen von einer Gefahren-, Ausnahme- oder Notwehrsituation aus, die den gegenwärtigen Journalismus zur Aufgabe der professionellen Distanz zwinge.“

Sprich, wenn es ums bedrohte Mütterlein Natur oder um den Großen Satan NSA geht, wenn Journalisten also eine „Notwehrsituation vermuten“ (carta), machen sie keine Gefangenen mehr.  Wie hatte es der DKP-Barde Franz Josef Degenhardt in einem Agitpropsong so hübsch formuliert? „Zwischentöne sind bloß Krampf im Klassenkampf“.

Ist derlei Notstandsgeschwurbel nur ein Spleen von Leuten, die in ihren eigenen Netzwelten leben, verliebt in deren scheinbar unendliche Möglichkeiten? Sicher, man kann viel ins Netz stellen, wenn der Tag lang ist. Blogs und Autorenpools gelten allerdings weithin als Tendenzveranstaltungen - achgut.de nicht ausgeschlossen. Der journalistische Aktivist neuen Typs wird, wenn er clever ist, sehr danach trachten, seine Ansichten auch in konventionellen Medien unterzubringen, die beim harmlosen Leser immer noch den Ruf einer gewissen Ausgewogenheit genießen. Wie schief er damit im Einzelfall (hallo Spiegel online!) auch liegen mag.

Für publizierende Partisanen an der grünen Front gibt es diverse Zeughäuser, um sich einschlägig zu munitionieren. Viele Stichwortgeber der guten, ergo grünen Sache nisten im Dunstkreis der Universitäten, werden mithin vom Steuerzahler finanziert. Ein Prof. Dr. Torsten Schäfer vom Fachbereich Media der Hochschule Darmstadt stellte den „lieben Kollegen aus Forschung, Journalismus und anderen Kommunikationsberufen“ jüngst die „Vollversion des ersten Webportals für Umwelt, Nachhaltigkeit und Journalismus“ vor. Es werde die „Debatte zur Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichterstattung“ fördern, „aus praktischer Sicht in relevante Themenfelder“ einführen und „viele Tipps, Ideen und Recherchehilfen“ bereithalten.

Zum Einstand bringt das Portal ein Interview mit „einem der bekanntesten Energiejournalisten“ aus (na woher wohl?) Freiburg im Breisgau, der Kapitale grünen Seins. Der Energiebolzen hört auf den Namen Bernward Janzing, besingt beschwingt das Gesetz über die verteuerbaren Energien („Das EEG ist eine hervorragende Sache“) und erklärt gleich in der Titelzeile, was offenkundig die Botschaft der gesamten Chose subsumiert: „Journalisten dürfen sich engagieren – und sie müssen es.“ Du! Musst!

„Grüner Journalismus“ heißt das Portal. Selbstredend strebt es nichts weniger an als wirkliche Debatten. Alles ist da aus vollgrünem Guss. Im Beirat sitzt nicht eine einzige Gestalt, der man zutrauen könnte, grüner Ideologie wenigstens ansatzweise kritisch gegenüberzutreten. Dafür bürgen erprobte Umweltfreaks von „taz“, „Zeit“, „Geo“ und WDR. Ein Mitbegründer des Freiburger Öko-Instituts und ein Geschäftsführer der „Stiftung Forum für Verantwortung“ sind mit von der Partie. Die meisten Beisitzer machen irgendwas mit „nachhaltiger Entwicklung“, „Klimawandel“ und „Green Living“.

Sitzungen dieser Truppe werden sicher total spannend.

Das „unabhängige und gemeinnützige Medienforum und Rechercheportal für Journalistinnen und Journalisten“ macht auch Vorschläge, aus welchen Quellen Grünschreiber schöpfen können. Wieder ist nicht eine einzige Institution dabei, die jemals dadurch aufgefallen wäre, grüne Parolen auch mal zu hinterfragen. Dafür jede Menge offene oder getarnte Öko-Lobbys wie Greenpeace, Bund, Nabu, Deutsche Umwelthilfe, Eurosolar, Bundesverband Erneuerbare Energien, Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft, Robin Wood, Naturfreundejugend, Die Tierbefreier, Peta Deutschland, Gen-ethisches Netzwerk, Gendreck – weg!, Antiatom-Szene, Atomopfer e.V., Mütter gegen Atomkraft oder eine „Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie.“

Letztere passt besonders gut ins Grünschreibportal. Denn perfekt politisiert und korrekt auf öko geschrubbt sind schon jetzt ungefähr vier Fünftel aller Artikel, die sich mit dem Thema Umwelt befassen.

Es dürften bald noch ein paar mehr werden, dank aktivistischer Journalisten des neuen Typs. RIP, lieber Hajo Friedrichs. Sollten Sie aber nochmals auf die Welt kommen, dann bloß nicht als Journalist! Einer wie Sie landet heute garantiert bei Hartz IV.

Link

Grüner Journalismus

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Wolfgang Röhl

Über Wolfgang Röhl

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige