17. Februar 2014

Nordkorea Jede Menschlichkeit ausgesogen

Neue Stimmen aus den Lagern Kim Jong-uns

Im Mai 2013 wurde Michael Kirby, ehemaliger Richter am australischen Obersten Gerichtshofes, von der UN-Menschenrechtskommission mit der schwierigen Mission beauftragt, Verstöße des nordkoreanischen Regimes gegen die Menschenrechte der eigenen Bevölkerung zu untersuchen. Ihm zur Seite gestellt wurden die serbische Menschrechtsaktivistin Sonja Biserko und der indonesische Rechtsanwalt Marzuki Darusman. Am heutigen Montag wird die UN-Menschrechtskommission ihren Bericht veröffentlichen. Erste Einzelheiten gelangten vorab schon über die britische BBC an die Öffentlichkeit. So soll der Hunderte von Seiten lange Report die Gräuel in Nordkorea so detailliert und drastisch schildern wie nie zuvor.

Dabei war es den Ermittlern in den vergangenen zwölf Monaten nicht erlaubt, persönlich in das stalinistisch regierte Land einzureisen. Mehr als 80 Exilanten und Flüchtlinge befragten sie stattdessen in Seoul, Tokio, London und Washington. Die Befragten bestätigten das, was zahlreiche Journalisten und Wissenschaftler schon seit Jahren immer wieder anprangern. In nordkoreanischen Straflagern vegetieren Zehntausende von politischen Gefangenen vor sich hin. Mütter, Väter und Kinder werden in diesen Lagern zu grausamen Handlungen verleitet und gezwungen – fernab jeglicher Moralvorstellungen. Folterungen drohen in den Lagern, in denen viele Menschen von Geburt an leben, schon bei den kleinsten Vergehen gegen Kollektiv und Ordnung. Der Konsum ausländischer Medien wird streng bestraft und auch außerhalb der Lager müssen sich die Untertanen der totalen Überwachung beugen. Denunziationen sind an der Tagesordnung.

Michael Kirbys Bericht ist jedoch bei weitem nicht die erste Publikation ihrer Art. Schon seit dem Jahr 2003 veröffentlicht das Committee for Human Rights in North Korea (HRNK) in jährlichem Intervall Berichte und Studien zur Menschenrechtslage und zum Lebensalltag der Bürger unter der Knute von Kim Jong-un und seinen Vorgängern. Vor allem ihr im Jahr 2012 aktualisierte Report „The Hidden Gulag“ verdient besondere Beachtung. Äußerst detailliert werden hier mehrere Straflager der verschiedenen Formen anhand von Zeugenaussagen dargestellt. Das HRNK beschrieb auch das Lager Nummer 14, im Jargon der Folterknechte auch Kaech’ŏn genannt, in dem der heute 31 Jahre alte Shin Dong-hyuk die ersten 22 Jahre seines Lebens verbrachte. Gegenüber dem Journalisten Blaine Harden schilderte er seinen Alltag im Lager und seinen späteren Lebensweg. Geboren im Lager, das etwa 15.000 in unvorstellbarem Elend hausende Dauergefangene „beheimatete“, war Shin Dong-hyuks Lieblingsbeschäftigung zumeist das Jagen von Ratten. Aufgrund ihres Proteingehaltes stellten diese eine lebenswichtige Ergänzung zur täglich vorgesetzten Kohlsuppe dar. In der Schule lernte Shin Dong-hyuk nur das Gehorchen. Etwas anderes hatte in den Augen der Peiniger keine Bedeutung.

Noch bedrückender jedoch sind Shin Dong-hyuks Darstellungen des Familienlebens im Lager. Wie alle anderen Kinder war auch er davon überzeugt, dass er aufgrund von angeblichen Sünden seiner Eltern büßen müsse. Mitleid entwickelte er nie. Ein Gemeinschaftsgefühl gab es auch in der eigenen Familie nicht. „Es sind die Gefangenen selbst, die grausam zueinander waren“, berichtete er Blaine Harden, der die Gespräche mit ihm später im Buch „Flucht aus Lager 14“ veröffentlichte.

Das Lager sog jede Menschlichkeit aus Shin Dong-hyuk und seinen Mitgefangenen. An das gesellschaftliche Leben außerhalb der Hochspannungszäune hat er sich bis heute kaum anpassen können.

Download

The Hidden Gulag


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Henning Lindhoff

Über Henning Lindhoff

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige