26. Februar 2014

WhatsApp Blase 2.0

Die Geldschwemme erreicht die IT-Branche

In der vergangenen Woche kündigte Facebook an, den Messenger-Dienst WhatsApp für insgesamt 19 Milliarden US-Dollar zu kaufen. Vier Millionen Dollar sollen in bar fließen, der Rest in Aktienpaketen. WhatsApp-Mitgründer Jan Koum wird zudem ein Pöstchen im Facebook-Verwaltungsrat ergattern.

Schauen wir genauer hin. Facebook wird die zweistellige Milliardensumme in eine Firma investieren, die gerade einmal 55 Mitarbeiter beschäftigt, über keinerlei beachtenswerte Buchwerte, Immobilien, Maschinen oder andere Sachwerte verfügt und deren zukünftige Gewinnentwicklung mit sehr vielen Fragezeichen verbunden ist. In eine Firma, die eine auch heute noch werthaltige Dienstleistung, das Verschicken von Text- und Videonachrichten, für einen jährlichen Pauschalbetrag von 99 US-Cent nahezu verschenkt. 345 Millionen Dollar ist ihm jeder einzelne WhatsApp-Mitarbeiter wert. Für die gleiche Summe hätte Mark Zuckerberg Firmen wie American Airlines, Dunkin‘ Donuts, Southwest Airlines, Motorola, den deutschen Stromgiganten RWE, die Lufthansa, Hochtief, die Beiersdorf AG oder den Autobauer MAN erwerben können.

Das einzige Argument, das in den Hauptstrommedien für dieses Investment angeführt wird, besteht in der größer werdenden Kundenschar des Messenger-Dienstes. 450 Millionen Menschen sollen die App derzeit weltweit nutzen. Doch was ist diese Zahl wirklich wert, wenn all diese Menschen nicht einmal einen ganzen Dollar pro Jahr für eine Dienstleistung zahlen, die zehn bis 20 Dollar pro Monat generieren könnte? 42 Dollar pro Kunde ließ sich Zuckerberg das Investment kosten. Diese 42 Dollar müssen erst einmal erwirtschaftet werden. Jeder bisherige Kunde müsste dabei WhatsApp für die kommenden 42 Jahre treu bleiben – Steuern, Abgaben, Provisionen, Gebühren und laufende Kosten außen vor gelassen. Oder Zuckerberg müsste diesen 450 Millionen Kunden, die allerdings wahrscheinlich schon längst alle auch bei Facebook registriert sind, eine zusätzliche Dienstleistung verkaufen, von der bislang niemand eine Ahnung zu haben scheint. Wie Zuckerberg den Kauf refinanzieren will, ist also mehr als ungewiss. Eine vernunftbasierte Investition sieht anders aus.

Der Kauf von WhatsApp durch Facebook scheint alles andere als wirtschaftlich kalkuliert zu sein. Sie ist vielmehr der bisherige Höhepunkt einer neuen Blase der „New Economy“. Wie schon in den Jahren zwischen 1998 und 2000, als AOL zum Beispiel Netscape für 4,2 Milliarden Dollar und Yahoo den Webhoster GeoCities für 3,5 Milliarden Dollar erwarb – ähnlich wie heute WhatsApp bot auch GeoCities seine Dienste kostenlos an –, wächst auch heute wieder eine von Falschgeld inflationierte Blase an den IT-Märkten. Irgendwohin muss das Geld der Investoren mit besten Kontakten zum gelddruckenden Establishment eben fließen. Vor allem der „Großvater des Silicon Valley“ Don Valentine und seine Kollegen von Sequoia Capital werden das Übernahmeprozedere um WhatsApp als große Gewinner verlassen. Ihr Anteilspaket ist heute etwa drei Milliarden Dollar wert, wie das „Wall Street Journal“ berichtete. Es hat sich durch Zuckerbergs Kaufangebot vervielfacht. Im April 2011 kaufte der IT-Investmentgigant Sequoia Capital, der nach eigenen Angaben 20 Prozent des US-amerikanischen IT-Index Nasdaq mittels seiner Beteiligungen innehat, Anteile An WhatsApp noch für acht Millionen Dollar. Im Juli 2013 investierte er weitere 50 Millionen Dollar.

Schon damals waren dies kaum darstellbare Summen, denn hinter WhatsApp steckt nicht viel mehr als eine Postkastenfirma aus Santa Clara, Kalifornien, wie der investigative Journalist Jens Blecker schon im Dezember 2013 enthüllen konnte. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen führt WhatsApp als offizielle Geschäftsadresse „3561 Homestead Road, Santa Clara , California, 95051-5161“ auf. Auf der entsprechenden Satellitenkarte sind dort, in der Nähe eines Krankenhauses und eines Einkaufszentrums, lediglich ein Dutzend von Restaurants und Cafés zu finden. Und die Firma PostalAnnex, die im Internet die diskrete Vermietung von Postfächern anpreist. Angehende WhatsApp-Programmierer dürfen sich hingegen an die Adresse eines Großraumbüros in Mountain View, Kalifornien, wenden, unter der unter anderem auch die Browser-Produzenten von Mozilla firmieren. Weitere Angaben zu postalischen Adressen der WhatsApp-Macher sucht man vergeblich. Lediglich der Ort Santa Clara wird mehrfach als Firmensitz preisgegeben.

Die IT-Blase 2.0 betrifft bei weitem nicht nur WhatsApp und andere Lieblinge der Branche. Mittlerweile werden mehr als 30 IT-Unternehmen aus den USA, aus Europa und China mit einer Milliarde Dollar oder mehr bewertet. Und nahezu wöchentlich erweitert sich dieser Kreis – dank Beteiligungsgesellschaften von Sequoia Capitals über Greylock Partners bis hin zu der CIA-Frontagentur In-Q-Tel.

Weltweit bricht sich derzeit die Geldschwemme Bahn. Der IT-Sektor ist dabei bei weitem nicht die Ausnahme. Auch auf dem Immobilienmarkt steigen wieder die Preise. Das gesamte Dollarimperium ist betroffen. Von den USA über Japan bis hin zu Europa. Der deutsche Dax erreichte am Ende des Jahres 2013 mehr als 9.500 Punkte und verzeichnete damit einen Gewinn von nahezu 26 Prozent in nur zwölf Monaten. Ökonomische Vernunft steckt nicht dahinter. Nichts anderes als die Nullzinspolitik und das auf Knopfdruck herbeigezauberte Papiergeld der Zentralbanken lässt die Blasen wachsen – und platzen. 


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