28. Februar 2014

Rente Die Trutzburg auf dem Pulverfass

An Luxus wird nicht mehr im Traum zu denken sein

Aus dem Geschichtsunterricht sind uns viele mutige Recken bekannt: Unerschrocken und aufrecht – Auge in Auge mit dem Feind. Wie der legendäre Achilles, Alexander der Große oder der Gladiator Spartacus. Von den antiken Denkmälern schauen sie uns noch heute an, als wären sie aus Fleisch und Blut. Muskelstrotzend und aufrecht – furchtlos und jederzeit zum Kampf bereit. Anderer wichtige Krieger sind uns dagegen kaum bekannt, sicherlich deswegen, weil sie ihre Heldentaten eher im Dunkeln, im Verborgenen vollbrachten: Die Mineure, die heimlichen Helden – die „hidden hereos“.

Im 17. Jahrhundert hatten sie ihre Glanzzeit. Wie die Wühlratten gruben sie Tunnel unter feindliche Befestigungsanlagen – füllten diese dann mit Tonnen von Schwarzpulver, um die verdutzten, völlig überraschten Verteidiger damit in die Luft zu sprengen; Schneisen zu schlagen für die angreifende Infanterie.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass 1683 bei der zweiten Belagerung Wiens durch die Türken die Stadt nur knapp einer solchen Zerstörung Ihre Festungsanlagen durch türkische Mineure entging. Durch Grabgeräusche aufmerksam geworden, hatten die Verteidiger ihrerseits von der Festung aus zu graben begonnen, die türkischen Mineure vertrieben und damit der Zündung einer unglaublich großen Schwarzpulver-Mine im allerletzten Augenblick verhindert. Die europäische Geschichte wäre ansonsten anders verlaufen und viele von uns würden in einem solchen Fall heute wahrscheinlich eher Kaftan und Kopftuch tragen denn Artikel schreiben.

Einfach teuflisch so ein wahnsinnig großes Pulverfass und kreuzgefährlich, wenn Menschen nicht lockerlassen, unablässig neues, trockenes Schließpulver heranzuschleppen. Vor allen Dingen dann, wenn man gar nichts von seinem Vorhandensein weiß und deshalb nicht die geringste Ahnung hat, dass und wann es hochgeht.

Und damit haben wir schon sehr konkret die Situation beschrieben, in der sich die meisten Bundesbürger befinden: im Zustand völliger Ahnungslosigkeit: sie beten einen Sozialstaat bedingungslos an wie einen neuen Diesseits-Gott, machen in der ganzen Welt Werbung mit dem vermeintlichen Erfolgsmodell und ahnen nicht im Geringsten, das sie es mit einer der gefährlichsten Minen aller Zeiten zu tun haben: Einer Knallerbse, die 1957 von Adenauer ins Fundament des Sozialstaates eingebaut worden war und seitdem zur 1.000-Tonnen-Landmine herangereift ist. Um es noch schlimmer zu machen: Millionen Menschen tragen täglich unwissentlich neuen Sprengstoff herbei und vermehren damit die Gefahr.

Das Schlimmste aber: niemand weiß, wann die Bombe hochgeht. Nur eins ist sicher: Dass sie eines Tages hochgehen wird.

Als Konrad Adenauer 1957 in der Rentenversicherung das noch heute gebrauchte Umlageverfahren statt des bis dahin üblichen „Kapitaldeckungsverfahren“ einführen wollte – das eine Versicherung eigentlich ausmacht – fehlte es schon damals nicht an Warnern. Die Kritiker begründeten ihre Ablehnung ganz klar: Wenn das neue Umlage¬verfahren, verbunden mit einer Koppelung der Rentensätze an die Lohnentwicklung, tatsächlich eingeführt würde, so bedeute dies nicht nur eine sofortige Erhöhung aller Renten um 60 Prozent, sondern auch eine immense Schuld, die die heutigen Rentner nachfolgenden Generationen aufbürdeten. Schon 1957 war das klar.

Ist  doch die Formel „die Renten steigen stets in demselben Maße wie die Löhne“, nichts anderes als eben das Ausstellen eines ungedeckten Schecks zugunsten der Rentnergeneration und zu Lasten der jeweils Jungen.

Den zukünftigen Rentner wird bereits bei Eintritt in das System – also bereits 45 Jahre vor seinem Rentenantritt – eine verbindliche Zusage gemacht, wie hoch seine Renten später sein würden. Auf die Frage, woher das Geld dann – in 45 Jahren – aber genau kommen sollte, um die Altersbezüge der heutigen Arbeiter und Angestellten zu bezahlen – auf diese Frage gab auch schon das Adenauersche Rentenkonzept von 1957 keine Antwort. In Zeiten anspringender Konjunktur, eines hohen Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung kein Problem, so die Warner von damals. Kein Problem auch deshalb, weil damals auf einen Rentner mehr als fünf Leute kamen, die – neben ihrem eigenen Einkommen – leicht auch eine Rente für ihn erwirtschaften  konnten. Heute laufen wir zügig auf ein Eins-zu-Eins-Verhältnis zu.

Was aber, wenn diese goldenen Zeiten einmal vorbei wären? Dann blieben Rentner zurück, mit vom Staat „verbrieften Ansprüchen“ – und ratlose Arbeiter und Angestellten, die nicht wüssten, wie sie dieses (vom Staat 1957 versprochene) Geld aufbringen sollten?

Adenauer soll sich diesen Argumenten wohl nicht gänzlich verschlossen haben – sie schienen ihm einleuchtend. Er fragte nämlich, wann denn frühestens eine solch prekäre Situation eintreten könne, nach versicherungsmathematischen Berechnungen? Als er darauf die Antwort bekam: „In den nächsten 25 Jahre noch nicht.“, soll er allerdings all seine Bedenken sofort aufgegeben haben.

Denken über die eigene Wahlperiode hinaus war noch niemals die Stärke eines immer nur für vier Jahre gewählten Politikers. Damit hatte er allerdings ohne jede Frage den zukünftigen Generationen einen gewaltigen Bärendienst erwiesen: Das Geld, was die Rentner 1957 – ohne eigene Leistung plötzlich und wie „aus dem Nichts“ aus dem Versicherungssystem bekamen – dieser Einführungsgewinn oder auch diese ungedeckte Verbindlichkeit – ist für die nachfolgende Generation immer eine Anfangsschuld. Ein Schuldschein, den sie erst bezahlen, auslösen müssen, bevor sie nur daran denken können, eigenes Geld, eigene Rente aus dem System zu bekommen.

Mathematiker sprechen hier von einer sogenannten;„inhärente Schuld“ was aber für die Praxis auch heißt: Die Höhe der inhärenten Schuld bleibt dabei nicht stabil, sondern ändert sich in dem Maße, wie auf die Beitragszahlungen eine „Rendite“ versprochen wird, also Politiker den Rentnern unbedingt „beweisen“ und vorrechnen möchten, dass diese bedeutend mehr aus dem System herausbekommen, als sie je eingezahlt haben. Ergo: Die einen schreiben schöne Zahlen aufs Papier – die anderen haben den Job, das Geld dafür heranzuschaffen, damit aus diesen Zahlen wirkliche Renten von morgen werden.

Heutige Politiker verweisen nun regelmäßig stolz auf die wahnsinnigen „Renditen“, die unsere Rentenversicherung dem Einzelnen vermeintlich bringt. Das „Preisschild“ allerdings halten sie sorgfältig verborgen: „Machen Sie den Preis ab – es sollte ja ein Geschenk sein.“ Nur, dass wir Beitragszahler dieses Geschenk am Ende selbst bezahlen müssen. Zwei Generationen später ersteht das Vierfache dann. Ein freies Mittagessen gibt es nun mal nicht. Niemals.

Richtig gruselig wird es, wenn man sich die Bedeutung des aus dem Lateinischen kommenden Wortes „inhärent“ – nämlich „inhaerere „ – einmal ins Deutsche übersetzen lässt: „An etwas kleben bleiben“; heute würde wir wohl sagen: „Aus dieser Nummer kommen wir jetzt nicht mehr heraus.“

Es beschreibt also in etwa das Bauchgefühl, das wir beim Unterschreiben des Darlehenvertrages über 300.000 Euro haben: Jetzt bist Du die nächsten 26 Jahre mit 1.600 Euro monatlich dabei: Aus dieser Nummer kommst Du jetzt nicht mehr raus – höchstens noch durch Privatinsolvenz. Nur, dass es in unserem Beispiel bei den 300.000 Euro plus Zinsen bleibt. In einer staatlichen Versicherung wäre nicht nur „nichts zurückgezahlt“, sondern auch noch die Schuld anschließend doppelt so hoch.

Denn „der Preis für uns“ ist relativ einfach zu berechnen: Dies sei an einem simplen Beispiel verdeutlicht: Die erste Generation von Rentnern erhalte Gesamttransfers in Höhe von 100 Geldeinheiten, die von den Beschäftigten derselben Periode finanziert werden. Diese Beitragszahler erwarten in der Folgeperiode, idealisierte 25 Jahre später, inflationsbereinigt einen Transfer in Höhe von 164 Geldeinheiten (entspricht einer jährlichen Rentensteigerung von nur zwei Prozent – also nicht einmal besonders dramatisch und unangemessen, eher bescheiden). Mathematisch ist die inhärente Schuld damit um den Faktor 1,64 gewachsen. Dieses Geld muss also dann ebenfalls von den Beschäftigten finanziert werden, die daraufhin in der dritten Periode einen Transfer in Höhe von 269 Geldeinheiten erwarten. Schon das Dreifache in der erst dritten Periode. Dementsprechend wird ein Systemwechsel desto teurer, je älter das System wird.

Wenn wir jetzt tatsächlich 1957 als den Startpunkt betrachten und uns auf das Jahr 2014 beziehen, sind wir mal gerade erst am Ende der zweiten/am Anfang der dritten „Generation nach X“. Im hypothetischen Falle einer „letzten“ Generation aber, die keine Kinder mehr hat, müsste diese Generation die Kosten ihres eigenen und des Ruhestandes der Vorgängergeneration finanzieren. Ach ja: Wünschenswert wäre es darüber hinaus auch noch, ein wenig Geld fürs tägliche Überleben übrig zu haben. An irgendwelchen Luxus wird dann nicht mehr im Traum zu denken sein.

Was genau nun genau diese „inhärente Schuld“ ist und welche Zerstörungskraft sie hat, davon wird in einer Fortsetzung zu reden sein.


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Klaus Hentschel

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