07. März 2014

Rente Die Zerstörungskraft der inhärenten Schuld

Das Umlageverfahren ist der Garant des Scheiterns

In meinem vorherigen Artikel schrieb ich darüber, wie Konrad Adenauer 1957 den Esau aus der Bibel gab.

Doch während Esau eine sehr persönliche und nur für sich selbst fatale und folgenreiche  Entscheidung traf – er verkaufte seinem Bruder Jakob sein eigenes Erstgeburtsrecht für einen Teller Linsensuppe – lag der Fall bei Adenauer ein klein wenig anders: Für einen sehr kurzfristigen Erfolg – den Wahlsieg bei den Bundestagswahlen 1957 – nahm er (wissentlich?) in Kauf, dass in nicht allzu ferner Zukunft allen Deutschen ihr Rentensystem um die Ohren fliegt; sie im Alter ohne Einkommen dastehen. Um nicht falsch verstanden zu werden: in der Gesamtschau seiner politischen Leistungen um Deutschland schneidet in meinen Augen Adenauer immer noch deutlich besser ab als alle Politiker, die ihm folgen sollten. Schlimmer geht es eben immer. Nehmen wir zu seinen Gunsten einfach einmal an, auch für Adenauer gilt ein anderes Bibelwort: „Oh Herr, verzeih‘ ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Adenauer jedenfalls gewann mit diesem genialen Schachzug die Bundestagswahlen 1957. Er machte damit Millionen Rentner in Deutschland glücklich und zu begeisterten CDU-Wählern. Weiterhin ließ er den Begriff der inhärenten Schuld aus dem Bewusstsein der Menschen tilgen. Er sprach fortan lieber von einem „Generationenvertrag“ als von genau der „braunen Salbe“, die alle wissenschaftlichen Berechnungen – die eher was für Akademiker und nichts für das einfache Volk waren - so schön übertünchte.

Tatsächlich aber war die Einführung eines Umlageverfahrens in der Rentenversicherung schon damals der Garant für deren unvermeidliches Scheitern. Um das zu verstehen, müssen wir uns einer der letzten noch verbliebenen Bastionen zuwenden, die vom Zeitgeist bisher noch nicht geschliffen worden ist: Den Naturwissenschaften – nämlich dem Rechnen mit Zahlen.

Wie kann man sich denn nun eine „inhärente Schuld“ ganz praktisch vorstellen? Unter Anwendung der vier Grundrechenarten aus der früheren Volksschule Hintertuppfingen bei München?

Kennen Sie das Märchen vom Schachbrett und dem Reiskorn? Das geht so: Es war einmal ein kluger Höfling, der seinem König ein kostbares Schachbrett schenkte. Der König war über den Zeitvertreib sehr dankbar und sprach er zu seinem Höfling: "Sage mir, wie ich dich zum Dank für dieses wunderschöne Geschenk belohnen kann.“ Nachdem der eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: „Nichts weiter will ich, edler Gebieter, als dass Ihr das Schachbrett mit Reis auffüllen möget. Legt ein Reiskorn auf das erste Feld, und dann auf jedes weitere Feld stets die doppelte Anzahl an Körnern. Also zwei Reiskörner auf das zweite Feld, vier Reiskörner auf das dritte, acht auf das vierte und so fort.“ Der König war erstaunt, dass der Höfling offensichtlich so bescheiden war. Sofort traten Diener mit einem Sack Reis herbei und schickten sich an, die Felder auf dem Schachbrett nach den Wünschen des Höflings zu füllen. Bald stellten sie fest, dass ein Sack Reis gar nicht ausreichen würde, und ließen noch mehr Säcke aus dem Getreidespeicher holen. 64 Felder hatte das Schachspiel. Schon das zehnte Feld musste für den Höfling mit 512 Körnern gefüllt werden. Beim 21. Feld waren es schon über eine Million Körner. Und beim 64. Feld stellten die Diener fest, dass es im ganzen Reich des Königs nicht genug Reiskörner gab, um es aufzufüllen. Mit seinem Wunsch wurde der Höfling zum reichsten Mann im ganzen Land, und der König wünschte, er hätte ihm nie etwas geschuldet.

So wie auch wir uns alle wünschen sollten, dass das Umlageverfahren in der Rentenversicherung und die inhärente, ungedeckte Anfangsschuld in unserem gesamten Sozialsystem nie wäre eingeführt worden, wissen wir doch, dass Versicherungsmathematiker von einer Verdoppelung der Schulden alle 25 Jahre ausgingen.

Ein Blick auf die aktuellen Zahlen soll uns zeigen, ob wir da noch im Plan liegen oder ob sich da mittlerweile schon eine ganz andere Dynamik entwickelt hat?

Lagen die Sozialausgaben des Staates (alle Ausgaben für die staatlichen Sozialversicherungen (RV, KV, PV, ALV plus 140 verschiedene „soziale“ Leistungen der über 50 staatlichen „Sozialbehörden“) im Jahr 1960 – nach Einführung des Umlageverfahrens – noch bei bescheidenen 32 Milliarden Euro, so waren 1985 dafür schon 273 Milliarden Euro fällig.

Also keine Verdopplung, wie 1957 vorausberechnet, sondern  schon das Neunfache. Wie sah es 25 weitere Jahre später aus? 2010? Sozialausgaben bei 760 Milliarden Euro. Dreimal so viel wie 25 Jahre zuvor und 24-mal so viel wie im Jahr 1960.

Es ist festzustellen: Die schon an sich angsteinflößende Rechnung von 1957 ist schon 57 Jahre – also nicht einmal 1,5 Rentnergenerationen – später nur noch Makulatur! Die Steuereinnahmen haben sich übrigens im Zeitraum von 1960 bis heute „nur“ versechzehnfacht.

Schon an dieser Stelle kann ich Sie alle nur herzlich zu einem Selbstexperiment am lebenden Organismus einladen: Einfach jeden Monat nur doppelt so viel Geld ausgeben, wie Sie verdienen und abwarten, was passieren wird.

Meine vorsichtige, gänzlich unwissenschaftliche Prognose: nach spätestens zwei Jahren wären Sie pleite. Das merken Sie dann daran, dass Ihr Konto weit über den Dispo überzogen ist und Ihnen irgendwann auch der Argloseste  nichts mehr leihen will. Weil der Staat aber höchst selbst die „Lizenzen zum Gelddrucken“ vergibt, kann der sich – im Gegensatz zu Ihnen – etwas leihen, bis der Arzt kommt.

Nur die Rechnung ist in jedem Fall an Sie als „Steuer- und Abgabenzahler“ adressiert. Und davon gibt es in Deutschland mal gerade wenig mehr als 40 Millionen – die Hälfte aller Bundesbürger. Und das hat dann zwangläufig schon 2009 bedeutet: Jeder Einzelne von denen wurde im Durchschnitt mit 2.100 Euro pro Monat für Steuern und Soziales belastet. Wenn Sie jetzt für sich selbst feststellen sollten, dass Sie erheblich weniger zahlen oder gar nichts, können Sie sicher sein, dass „ein Anderer“ den fehlenden Anteil zahlt. Später, bei der Verteilung der Einkommenssteuer, können wir sehen, dass in diesem Bereich nur ungefähr acht Millionen Bundesbürger 93 Prozent der gesamten Steuerlast tragen. Und weil diejenigen, die hohe Steuern zahlen, auch bei den Sozialabgaben in Summe den Großteil – dürfte das Bild bei den Sozialabgaben dem bei der Einkommensteuer gleichen: Acht Millionen Bundesbürger (ein Zehntel) zahlen schon heute 93 Prozent aller Kosten für die Sozialsysteme. Die restlichen 72 Millionen beteiligen sich nur sporadisch (mit sieben Prozent) oder gar nicht.

Übrigens: Seriöse Prognosen schätzen, dass um 2020 die Sozialausgaben in Deutschland die Billionengrenze überschreiten werden. Was für die acht Millionen „Geber“ bedeutet, nun circa 3.000 Euro pro Monat dafür zusammenkratzen zu müssen. Etwa ein Drittel mehr als heute! Wir sollten schon heute gemeinsam darüber nachdenken, wo jeder von uns dieses Geld wohl hernehmen wird. Also was tun? Alle Renten absenken?

Fest steht: Ärmer machen wird es uns alle gleichermaßen. Die „Geber“ wie die „Nehmer“. Ob dieser ganze teure Spaß auch ein sinnvoller ist, davon soll in meinem kommenden Artikel die Rede sein: Wo kommt das Geld eigentlich konkret her, dass der Bestandsrentner monatlich auf sein Konto überwiesen bekommt? Und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sein diesjähriger Rentenbescheid auch tatsächlich „Substanz“ hat, er die dort versprochene Rente also wirklich bekommt?

Die Frage lautet: Wie gerecht ist unser sogenannter „Generationenvertrag“ wirklich?


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Klaus Hentschel

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