10. März 2014

Fußball-WM Große Ideologie in Kultur gehüllt

Befürwortet Jennifer Lopez die Transferunion?

Ich zähle mich zu einer in Deutschland ungehörten Minderheit. Ich stehe in dem Glauben, dass man Sport lieber ausführen als im Fernsehen schauen sollte. Mit dieser Meinung stehe ich nicht selten im Abseits. Es erreichen mich erzürnte Blicke, wenn ich mich gegenüber dem Abschneiden der „eigenen“ Mannschaft uninteressiert zeige. Ist es etwa politisch unkorrekt, kein Fußballfan zu sein?

Die Mannschaft, dessen Trikot ich trage, ist eine Musikband. Hier bin ich als Produzent tätig und auf der Bühne als Bassist quasi der Mann im Hintergrund, zuständig für die Pässe aus dem tiefen Raum. Unser Stürmerstar und Frontmann ist unser Sänger. Die Flanken sind mit einem Gitarristen und einem Schlagzeuger besetzt.

Mein Desinteresse für sportliche Medienereignisse kennt eine Ausnahme: Die Fußballweltmeisterschaft. Diese beiden Interessen trafen aufeinander, als sich unsere Band Anfang des Jahres beschloss, im Wettbewerb um den offiziellen WM-Song mitzumachen. Da die meisten Menschen in unserer Nachbarschaft und die Fußballkommentatoren im Fernsehen Deutsch sprechen, sowie die nie fehlen dürfende Bierwerbung ebenfalls auf Deutsch ihre Versuchungen unternimmt, grenzt es nicht an ein Wunder, dass wir uns entschlossen, unseren Song auf Deutsch zu verfassen. Gesagt, getan. Unsere Strategie war es, mit Herz an die Sache ran zu gehen und unsere eigene Stärke auszuspielen anstatt den Gegner endlos zu studieren.  So kamen wir zu einem für uns zufrieden stellenden Ergebnis, das nebenbei den Effekt hatte, unsere Mannschaft weiter zusammen zu schweißen, wenngleich uns bewusst war, dass das uns erträumte Ergebnis durchaus in weiter Ferne lag. Ein paar Wochen später erreichte uns über die Presse das Ergebnis, der diesjährige WM-Song sei Jennifer Lopez angetragen worden.

Wenngleich meine Band auf Ihre Leistung stolz war, ärgerte mich die Ungleichheit der Chancen angesichts dieses Megastars. Wie sollen wir als Nachwuchsband aus diesem Land auf diesem Niveau mitspielen? Zwar hatten die Sportfreunde Stiller im Jahr 2006 das Glück, dass die WM im eigenen Land ausgetragen wurde, doch, bin ich mir sicher, wurde Ihr Song nicht im brasilianischen Fernsehen verwendet. Jedoch hoffte ich insgeheim, die zuständigen Veranstalter in Deutschland würden den Mut haben, einen Song mit deutschem Text zu wählen. Wenn nicht, um die deutsche Kultur hoch zu halten, so vielleicht, um der Bierwerbung einen angemessen Weg zu bereiten.

Interessant finde ich den Titel des diesjährigen WM-Songs, bei dem ich starke zweifle, dass er aus einer spontanen Fußballlaune von Frau Lopez heraus entstanden ist. Er lautet: „We are one“.

Wie jedem aufgeschlossenen politischen „Zuschauer“ klar sein dürfte, werden große Ideologien heutzutage gerne in Kultur verhüllt und so verselbstverständlicht. So muss man diese nicht auf dem politischen Spielfeld austragen, auf dem doch die – wenn auch geringe – Möglichkeit besteht, dass ein Underdog einen unerwarteten Achtungserfolg erringt.

Wofür steht also „We are one“? Wie man an den Olympischen Spielen in Sotschi sehen konnte – um das nächstliegende Argument der Tugendterroristen, die für mich nichts als Menschen sind, die ihren Job nicht verlieren wollen, gleich zu entkräften –, wird den Medien bei sportlichen Großveranstaltungen keineswegs erlaubt, den Sport in den Vordergrund zu stellen und das Politische mal für einen Augenblick beiseite zu lassen. Ich bin mir sicher, die Sportler freuen sich angesichts der Aufgabe, nicht nur gegen Zeit und Gegner, sondern auch noch für das Gute kämpfen zu dürfen.

Die westlichen Mainstream-Medien haben bewiesen, dass sie dem völkerverständigenden Element nicht vertrauen. Wie die „New York Times“ schrieb, fröhlich zitiert in der „Süddeutschen Zeitung“, wurden die Spiele veranstaltet, um einer politischen Großmacht ein sauberes Image zu geben. Es scheint sie nicht mit Unbehagen zu erfüllen, dass Ihre Leser anscheinend nicht auf den Gedanken kommen, die eigene Gesellschaft könne damit gemeint sein, denn selbstverständlich werden diese schmutzigen Tricks immer nur vom gegnerischen Team angewendet. Die „taz“ nannte die Spiele in Russland einen „Fehler“. Man fragt sich, ob diese Medien überhaupt wissen, was Spiele sind. Und wie soll man angesichts des immerwährenden Alarmismus überhaupt noch entscheiden können, welche Tagesthemen wirklich wichtig sind?

Wenn aber die Medien der „vorbildlichen Demokratien“ nicht einmal dazu in der Lage sind, Spiele Spiele sein zu lassen, wie sollen wir dann „one“ sein? So umkämpft kann der Markt doch nicht sein, dass unsere Journalisten, um dem Risiko einiger weniger verkauften Werbeflächen zu entgehen, den Einflussreichen nicht für eine Hundertstelsekunde mal das Heft aus der Hand nehmen könnten. Hätte man es nicht wenigstens besser als Hitler machen und „ideologische Sichtweisen“ wenigstens aus dem Sportteil heraus halten können?

Hitler sprach von „einem“ tausendjährigen Reich. Der Prophet Jesaja spricht von dem „einen“ Ort, von dem Weisung ausgehen soll. So ziemlich jede Religion hält sich für die wahre und einzige. Die Vereinten Nationen nennen sich freundlich „UN“. Ist das, naiv gefragt, der Grund, warum ich in meiner Grundschule endlos das Kartenspiel „UNO“ spielen durfte? Das Siegel der Vereinigten Staaten nennt als Motto: „E pluribus unum“ („Aus vielen eines“). Die Freimaurerei nennt ihren Gott „Baumeister des Universums“. Auch die Sowjetunion machte mit ihrem Namen ihre Verachtung für jedwede Grenze deutlich. Meint Jennifer Lopez gar die englische Königin Elisabeth II. in Personalunion oder das United Kingdom? Ist sie von der europäischen Duschkopfregelungen so beeindruckt, dass sie etwa die Europäische Union besingt? Hat sie heimlich Ökonomie studiert und befürwortet die Transferunion? Ist sie von Angela Merkels Politik derart überzeugt, dass sie heimlich Werbung für die Christlich Demokratische Union macht? Wen oder was besingt Frau Lopez?

Vielleicht liegt die Antwort im WM-Gral, Entschuldigung, WM-Pokal selbst. Es geht um den Weltmeister. Denkt man das Spiel allerdings zu Ende, ist ein Weltstaat zwar möglich, aber wer spielt dann gegen wen Fußball, wenn wir alle die gleiche Nation sind? Die Parallele, die auch vierjährlich abgehaltenen Bundestagswahlen als Zuschauer zwar live verfolgen aber nicht mitspielen zu dürfen, drängt sich auf. 

Die Fußballmannschaft meiner Stadt wird übrigens mittlerweile von einer Bank gesponsert. Die Arena für die heutigen Brot und Spiele nennt sich farb- und emotionslos Commerzbank-Arena. Der Name des Teams ist „Eintracht“. Na dann.


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Autor

Sebastian Püttmann

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