12. März 2014

Funktionseliten Es eitert so langsam heraus

Sie haben einen schweren Stand

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere Leser dieser Zeilen noch an den fulminanten Song „Two Tribes“ von Frankie goes to Hollywood, der Mitte der Achtziger auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges veröffentlicht wurde und in vielen europäischen Staaten in den Verkaufshitparaden auf Platz 1 stürmte. Der Songtitel bezieht sich dabei auf ein Zitat aus dem postapokalyptischen Actionfilm „Mad Max II“: „When two great warrior tribes go to war“ (Wenn zwei große Kriegerstämme in den Krieg ziehen). Ich kann mich noch genau an diese Zeit der allgemeinen Furcht vor einem Atomkrieg – die in diesem Lied und dem Videoclip ihren Ausdruck fand – erinnern und hatte mir als Jugendlicher schon die Frage gestellt, wie es denn um uns Menschen bestellt sein muss, wenn es möglich ist, dass kleine Cliquen darüber befinden können, ob unser Planet mit all seinem höherentwickelten Leben ausgelöscht wird oder nicht. Heute, 30 Jahre später, geht vielleicht nicht mehr die unmittelbare Gefahr einer atomaren Auseinandersetzung aus, obwohl sich die politische Großwetterlage – wie wir an den „Stellvertreter-Schauplätzen“ Syrien und der Ukraine sehen – schnell verschlechtern kann. Nein, die freiheitsbedrohende Machtausdehnung der wahren – und fast ausschließlich im Verborgenen wirkenden – Eliten, die sich unter anderem aus Bankern, Großindustriellen und altem Adel zusammensetzen, verläuft derzeit viel subtiler. Aus diesem Grund ist es erforderlich, zuerst etwas Licht in die Begrifflichkeiten zu bringen.

Fangen wir auf der Ebene der Funktionseliten an, auf welcher sich beispielsweise Politiker und Medienmacher wiederfinden: „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden“, bestätigte Horst Seehofer ganz offenherzig die These, dass Politiker nur willfährige Marionetten der eigentlichen Machteliten sind. So erkannte bereits US-Präsident Woodrow Wilson einige Jahre nach seiner verhängnisvollen Unterschrift unter den „Federal Reserve Act“ im Jahr 1913 – hier wurde das Zentralbanken-System der USA aus der Taufe gehoben – seinen Fehler allerdings zu spät: „Unwissentlich habe ich mein Land ruiniert. Eine große Industrienation wird kontrolliert von ihrem Kreditsystem. Dieses System ist hochkonzentriert. Das Wachstum der Nation und alle unsere Aktivitäten befinden sich in den Händen einiger weniger Menschen. Wir haben uns zu einer der am schlechtesten geführten, am meisten überwachten und beherrschten Regierungen der zivilisierten Welt entwickelt.“ Damals wie heute scheint es völlig gleichgültig zu sein, in welcher Farbe und mit welchen anfänglichen Absichten die gedungenen Figuren auf dem Schachbrett der politischen Macht daherkommen. Wirklich entschieden wird woanders; insofern ist es auch egal, wer mit wem koaliert und „regiert“, wie Joschka Fischer freimütig erklärte: „In der Verfassung ist vorgesehen, dass wir im Namen des ganzen Landes handeln – abhängig und kontrolliert von der Mehrheit im Bundestag. Wenn sich diese Mehrheiten verändern sollten, mag es eine andere Koalition geben. Aber es wird keine andere Politik der Bundesrepublik Deutschland geben. Dazu steht zu viel auf dem Spiel. Das wissen alle Beteiligten.“ Angela Merkel, von Günther Jauch befragt, ob sie Europa aufgeben würde, wenn sie das Gefühl hätte, dass sie die Menschen nicht vom europäischen Gedanken überzeugen könne, antwortete: „Nein! Nein, auf gar keinen Fall! Ich bin davon überzeugt, dass Europa gut für uns ist.“

Zusammenfassend können wir also festhalten, dass die Funktionseliten aufgrund ihrer permanenten öffentlichen Präsenz, ihres ämterbezogenen Wirkens und der turnusmäßigen Anbiederung bei verschiedenen Wahlen – die, wie wir gerade vernommen haben, überhaupt nichts Wesentliches ändern – natürlich den deutlich schwereren Stand im Vergleich zu den verborgenen Eliten haben; weswegen wohl hierzu nur die charakterlich unaufgeräumtesten Menschen fähig und daher im öffentlichen Ansehen, die letzte GfK-Umfrage lässt grüßen, auf oder unter dem Niveau der „Fachkräfte für City-Entertainment“ zu finden sind. Diese liefern wenigstens Unterhaltung vom Feinsten und richten nur bei ein paar tumben Toren, die auf ihre Hütchenspieler-Tricks hereinfallen, überschaubares Unheil an. Der kollektive Vertrauensverlust in die Funktionseliten der Politik wiegt dagegen schwer.  Aus Geltungs- und Sendungsdrang, die ja bekanntlich Hand in Hand mit der Dummheit gehen, lassen sie eine breite Öffentlichkeit an ihrer Geisteshaltung und dem, was sie wohl durchzusetzen haben, teilnehmen. So erklärte uns Jean-Claude Juncker seine EU-Politik und liefert den Grund, warum sich immer mehr Europäer gegängelt und bevormundet fühlen: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.” US-Außenminister Kerry, um ein taufrisches Beispiel zu geben, bestätigte vor ein paar Tagen den amerikanischen Hegemonialanspruch ungewöhnlich deutlich: „Wenn Russland nicht tut, was wir uns wünschen, dann haben unsere Partner absolut keine andere Wahl, als an unserer Seite zu stehen und sich an den Maßnahmen zu beteiligen, mit denen wir begonnen haben.“ Und Peer Steinbrück, gerade noch Kanzlerkandidat der SPD, führte zur berühmten „Einlagen-Garantieerklärung“ im Jahr 2008 – die einen Bankrun verhindern sollte – zwei Jahre später Erstaunliches aus: „Wir wussten, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen. Um es deutlich zu sagen: Für eine solche Zusage fehlte uns eigentlich die Legitimation. Es gab keine Rechtsgrundlage und keinen parlamentarischen Rückhalt. Ich wundere mich bis zum heutigen Tag, dass die Parlamentarier hinterher nie gefragt haben: Um Gottes willen, was habt Ihr da eigentlich gemacht?“ Joschka Fischer, der nach seiner politischen Karriere – wie viele andere auch – „butterweich“ gelandet ist und finanziell ausgesorgt hat, verriet uns kürzlich, was er denn vom Volkswillen hält und wie er notfalls zur Durchsetzung seiner Ziele die Peitsche des staatlichen Machtapparates einsetzen würde: „Ich lerne daraus, dass die These, Europa ist nicht zu verkaufen, harte Entscheidungen sind nicht zu verkaufen, schlicht und einfach Ausdruck der Schwäche der Politiker ist. Fast alle wesentlichen Entscheidungen in der Geschichte der Bundesrepublik mussten gegen breite Mehrheiten durchgefochten werden. Über die Einheit hätte man auch keine Volksabstimmung durchführen dürfen, wenn wir mal ehrlich sind.“

Und wenn wir jetzt einmal ehrlich sind, dann ist es äußerst paradox, dass ein Großteil der Bürger gerade diejenigen, die sie als Funktionseliten eben noch abgrundtief verachteten, schon beim leisesten Krisen-Lüftchen als Problemlöser auf den Sockel stellen und ganz gebannt an ihren Lippen hängen. Dabei wären wir alle häufig besser beraten, vom offiziell Gesagten – und von den Hauptstrommedien oftmals kritiklos kolportiert  – genau das Gegenteil zu imaginieren. Allerdings könnte diese Art Narrenfreiheit in Politik und Medienlandschaft bald ein jähes Ende finden. Kamen die Verfehlungen der Nomenklatura nämlich anfänglich noch eher schüchtern als Spendenaffären, Plagiatsdelikte oder einfach nur als Unfähigkeit daher, Großprojekte zu beherrschen, so eitern nun brisante – wie die Steueraffäre der „Hoheit Wowereit“ – und zutiefst verabscheuungswürdige Schandtaten – wie die des abgetauchten Edathy sowie eines hohen BKA Beamten – nach und nach heraus. Wir können uns darüber hinaus wahrscheinlich noch gar nicht richtig ausmalen, welche Einflussmöglichkeiten die Mächte, die hinter der Totalüberwachung stehen, auf die Entscheidungen und das Stimmverhalten der „Funktionseliten mit Problemhintergrund“ haben.

„An die Betreffenden: Ich habe die Akten mit der kompletten Geschichte an vielen verschiedenen Orten hinterlegt und die Geschichten werden veröffentlicht, sobald mir ein Unheil zustößt“, ließ Edathy, der Geheimakten zum NSU-Untersuchungsausschuss bei sich zu Hause lagerte, kürzlich eine breite Öffentlichkeit wissen. Und selbst wenn sich diese Facebook-Mitteilung nur als ein Hacker-Fake herausstellen sollte: Wir alle vermuten, dass die Vorgänge rund um einige Funktionseliten ihre Fortsetzung finden werden. Es steht allerdings zu befürchten, dass die bereits eingesetzte Steigerung der Abscheulichkeiten vielleicht noch Tatsachen ans Licht bringt, die unsere Vorstellungskraft auf eine harte Probe stellt.


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Udo Geißler

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