14. März 2014

Uli Hoeneß Wie im Dschungel

Atavistische Rituale im deutschen Kulturkrieg

Dossierbild

Gestern sprach das Landgericht München sein Urteil gegen den wegen Steuerhinterziehung angeklagten Fußball-Unternehmer Uli Hoeneß: Dreieinhalb Jahre Haft ohne Bewährung. Wer sich nach der Verurteilung gerne als hobbymäßiger Staatsanwalt betätigen wollte, der konnte Spiegel Online besuchen. Dort nämlich lässt man seine Leser darüber abstimmen, was sie vom Strafmaß halten: angemessen, zu hoch oder zu niedrig? Da fragt man sich natürlich, welche Strafe sich die Tausenden von Lesern wünschen, die die Antwort „zu niedrig“ anklickten: Tod durch den Strick, oder was? Wie schade, dass Spiegel Online nicht noch eine vierte Antwort ermöglichte: „Lasst die Löwen rein!“ Dies nämlich hätte die beunruhigende Stimmung, die Teile der Gesellschaft gerade erfasst, trefflich auf den Punkt gebracht.

Nun zähle ich unter den Autoren von eigentümlich frei nicht zu den Libertären und halte einen steuerfreien Staat für illusionär. Ich finde es richtig, dass Steuerhinterziehung als Straftat verfolgt wird. Es zeugt jedoch von der abgrundtiefen Verkommenheit eines Staates und des dazugehörigen Volkes, wenn einerseits Kindesmissbrauch  teilweise nur mit Bewährungsstrafen geahndet wird und Mörder nebst sonstigem Gesindel mit ein paar lausigen Jahren im Flachbildschirm-Luxusknast davonkommen, während bei Uli Hoeneß so getan wird, als handelte es sich um den Teufel persönlich. Zumal wir uns in einem Staat befinden, der seine Bürger so dreist und maßlos abzockt, dass man sich nicht darüber zu wundern braucht, wenn er in den Augen mancher die Legitimität verloren hat.

Bemerkenswert ist vor allem die mediale und gesellschaftliche Begleitmusik zu dem Urteil. Denn selbst Schwerverbrecher zogen selten solch einen medialen Hass auf sich, wie es jetzt gegen Hoeneß geschieht. Schon gar nicht würden die Medien mit vergleichbarem Hass über Alice Schwarzer oder den ehemaligen Herausgeber der linksorientierten „Zeit“, Theo Sommer, schreiben – diese hatten ebenfalls Steuern hinterzogen. Das Messen mit zweierlei Maß deutet somit darauf hin, dass es gar nicht um Hoeneß, sondern um ideologische Deutungshoheit und um das Statuieren eines Exempels geht. „Sie sind eine asoziale Type, Herr Hoeneß. Sie sind kein Opfer!“, krakeelte es in der „taz“, die sich in dieser Form wohl niemals über Alice Schwarzer oder Theo Sommer äußern würde. „Verknackt Hoeneß!“, forderte die „Bild“. Und die „B.Z.“ höhnt geradezu sadistisch nach dem Urteilsspruch: „Der Runde muss ins Eckige“. Für den Spiegel-Online-Autor Christian Rickens ist Hoeneß „asozial“, und er wirft Hoeneß unmittelbar nach dem drakonischen Urteilsspruch allen Ernstes vor: „Ulrich Hoeneß' Anwälte wollen gegen das Urteil Revision einlegen. Das ist ihr gutes Recht. Doch es hätte mehr Größe bewiesen und seiner im Gerichtssaal gezeigten Reue mehr Glaubwürdigkeit verliehen, hätte Hoeneß dieses faire Strafmaß einfach akzeptiert.“ Zitat Ende. Geht es noch sadistischer und zynischer? Spiegel Online scheint ein gruseliges Rechtsverständnis zu haben, wenn es sich nun auch noch zu der dummdreisten Annahme versteigt, dass Hoeneß oder seine Anwälte sich für das Einlegen der Revision rechtfertigen müssten. „Asozial“ – dieses Wort fällt mir zu einigen Artikeln und Journalisten in Deutschland ein. Derweil phantasiert Thomas Schmid in der „Welt“, es sei nach dem Hoeneß-Urteil „von Häme und Schadenfreude kaum etwas zu spüren“. Lebt Thomas Schmid auf demselben Planeten wie ich?

Angesichts des Ausmaßes an medialem Gegeifer ist es völlig klar, dass das überhaupt nichts mehr mit dem Erfüllen der Kritikfunktion von Presse zu tun hat. Seit Tagen und Wochen dreht sich in den Medien alles um die Steuerhinterziehung eines Fußball-Unternehmers, während die Staatsverschuldung explodiert und der Euro weiterhin im Chaos versinkt – selbst die Krimkrise gerät durch Hoeneß zwischenzeitlich wieder in den medialen Hintergrund. Die Dauerpräsenz des Themas und die sadistische Aggressivität der medialen Hoeneß-Schelte zeigen, dass es den linken Medien- und  Meinungsmonopolisten um Volkserziehung geht. Die gewohnte moralische Rollenverteilung in der deutschen Medienlandschaft soll wieder abgerufen werden: Unternehmer, Banker, Katholiken, Burschenschafter und Waffenbesitzer sind böse. Alice Schwarzer, Barack Obama, Nelson Mandela und die Rockband Die Ärzte sind gut. Kindesmissbrauch durch Katholiken ist ein mediales Dauerthema, Kindesmissbrauch durch grüne Ideologen wird nur am Rande abgehandelt und zudem  verharmlost. Gefälschte Doktorarbeiten schreiben grundsätzlich nur schwarzgelbe Politiker. Ausbeutung gibt es nur bei Aldi, keinesfalls jedoch bei linksorientierten sogenannten „Nichtregierungs-Organisationen“ oder bei „karitativen“ Organisationen. „Lobbys“ gibt es nur für bürgerlich-reaktionäre Interessen, wie etwa im Falle der „Atomlobby“ oder der „Waffenlobby“. Wenn sich eine Lobby für progressive Ziele einsetzt, so ist es dagegen keine Lobby, sondern eine „Interessengemeinschaft“. Progressive Prominente sind „unbequem“, bürgerlich-reaktionäre Prominente sind „umstritten“.

Durch diese extreme Einseitigkeit, die unentwegt mit der Lupe nach Sauereien innerhalb von  Institutionen und Vereinigungen der bürgerlichen Klasse sucht, wird ein ständiges Neid-, Wut- und Hassklima gegen bürgerlich-reaktionäre Konterrevolutionäre geschaffen, wodurch der gesellschaftliche Nährboden für immer mehr sozialdemokratische Staatseingriffe gelegt wird: In immer schnelleren Zyklen ertönt der Ruf nach staatlichem Mindestlohn, Erhöhung von Steuern für „Reiche“, härterer Bestrafung von Steuerhinterziehern, Gratisstudium für alle, Erhöhung von Hartz-IV-Sätzen und staatlich finanzierter Rente, und so weiter und so fort. Wer hingegen darauf beharrt, auf eine an Marktwirtschaft und Eigenverantwortung setzende Politik zu vertrauen, zieht in einem solchen sozialistischen Gesellschaftsklima sogleich den Vorwurf der „Kaltherzigkeit“ und der „Menschenverachtung“ auf sich.

Ziel der permanenten, bewusst aufgebauschten Kampagnen gegen Bischöfe, Unternehmer und Bundeswehroffiziere ist eine schleichende Umwertung unseres Wertesystems: Hinweg von einem bürgerlichen Wertegefüge, hin zu einem sozialistisch-queeren Wertegefüge. In einem solchen sozialistisch-queeren Wertegefüge gelten Steuerhinterziehung, „sexuelle Belästigung“ und das im Suff an eine Hauswand gemalte Hakenkreuz als die absolute Steigerung des Bösen. Dagegen wären  linksextreme Straßenblockaden, Kirchenschändung sowie das Verprügeln von (deutschen) Jugendlichen oder staatliche Hehlerei mit Bankkundendaten nach medialer Lesart nicht so schlimm und irgendwie auch respektabel. Ein bürgerliches Verbrechen hingegen ist unverzeihlich, da es einen Angriff auf das sozialistische Bewusstsein darstellt.

Der Spiegel-Online-Autor Rickens jubelt denn auch nach dem Hoeneß-Urteil: „Das ist der Schlusspunkt einer gesellschaftlichen Entwicklung: Steuerhinterziehung wird endgültig nicht mehr als Kavaliersdelikt verharmlost.“ Hier jubelt jemand im Bewusstsein des behaglichen Gefühls, auf der siegreichen Seite der Geschichte zu stehen und den Feind vernichtend geschlagen zu haben, weshalb sich Rickens auch die zuvor von mir erwähnten Entgleisungen sorglos erlauben konnte. Endlich, so scheint Rickens zu denken, hat die kontinuierliche Klassenkampf-Agitation von Spiegel Online und Co. ihre Früchte getragen – offenbar auch bei den Richtern! Endlich werden die Untaten der bürgerlich-reaktionären Elemente nicht mehr „verharmlost“. Die am Boden liegende Jagdtrophäe  kann nun vom sozialistischen Neidpöbel unserer Gesellschaft genüsslich ausgeweidet werden. Es geht zu wie im Dschungel. Auch Michael Jäger beschimpft Hoeneß im „Freitag“ als „Anti-Demokrat“ und zeigt mit einem entlarvenden Satz unmissverständlich auf, was die ganze Kampagne soll: „In einer Demokratie, die ihren Namen verdient, würde der Fall Hoeneß zum Anlass genommen, reiche Steuersünder härter zu bestrafen, die Vermögenssteuer endlich einzuführen und darüber hinaus eine Gerechtigkeitsdebatte zu beginnen.“

Derweil zeigt die ebenfalls linke „Satire“-Zeitschrift „Titanic“ eine Karikatur mit der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe, die im Gefängnis wegen des Hoeneß-Urteils voller „Vorfreude“ sei. Auf der Karikatur hält Zschäpe einen pinkfarbenen Dildo in Händen; laut einer Sprechblase denkt sie erwartungsfroh: „Uwe Hoeneß, meine Knast-Bitch… Lechz!“ Uli Hoeneß als Lustspielzeug einer mutmaßlichen NSU-Terroristin – diese bemerkenswerte Anspielung der „Titanic“-Karikatur auf sexuelle Demütigungen lässt mich interessiert aufhorchen: Offenbar impliziert das archaische Hetz- und Racheritual für manche Journalisten auch eine Komponente des sexuellen Lustgewinns. Ganz klar handelt es sich hierbei um ein atavistisches Ritual, das an Vorgänge nach gewonnenen Kriegen erinnert: Der besiegte Feind wird  nicht nur in den Staub geworfen, sondern auch seiner Männlichkeit durch öffentliche sexuelle Demütigung beraubt. Kranker Vergleich? Mag sein. Doch auch wenn die Dimensionen der Pein selbstverständlich völlig verschieden sind, so scheint mir doch das Prinzip nicht ganz unähnlich zu sein. Und die hasserfüllte Demagogie, mit der manche Medien gelegentlich gegen subversive bürgerliche Elemente hetzen, besitzt ja bisweilen durchaus Ähnlichkeit zu Kriegspropaganda. Wir befinden uns mitten in einem Kulturkrieg, und es ist leider nicht auszuschließen, dass in diesem Kulturkrieg irgendwann keine Gefangenen mehr gemacht werden.


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