14. März 2014

Finanzkrise Schulden, Schulden und noch mal Schulden

Der kalte Entzug muss kommen

Das Buch von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff „Dieses Mal ist alles anders“ (Finanzbuchverlag) hat bei seinem Erscheinen 2010 Furore gemacht. Die beiden Amerikaner stellten die These auf, dass Länder mit einer öffentlichen Verschuldung von mehr als 90 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung mit einer dauerhaften Schwächung ihres Wachstums zu rechnen haben. Diese These ist auf den ersten Blick einleuchtend. Denn wenn der Staat immer mehr für Zinszahlungen ausgeben muss, dann fehlt es bei den öffentlichen Investitionen. Schulen und Universitäten vergammeln, Straßen werden nicht repariert oder erst gar nicht gebaut. Genau dies werden Unternehmen und private Haushalte in ihre Planungen einbeziehen. Sie werden weniger investieren und konsumieren. Anschließend schwächelt das volkswirtschaftliche Wachstum. Reinhart und Rogoff untersuchten dafür die Finanzkrisen der vergangenen 800 Jahre in 66 Ländern. Blöd war nur, dass der Student Thomas Herndon im September 2012 im Rahmen einer Hausarbeit die Zahlen nachrechnete und Fehler fand, die die These von Rogoff und Reinhart zum Einstürzen brachten.

Jetzt vertreten Ökonomen wie Moritz Schularick von der Universität Bonn eine andere These. Sie glauben, dass nicht die Höhe der öffentlichen Schulden entscheidend ist, sondern die private Verschuldung viel wichtiger für die Beurteilung von kommenden Finanzkrisen und Rezessionen sei.  Schularick und seine Kollegen untersuchten die Finanzkrisen in 17 Industrienationen seit 1870 und fanden heraus, dass einer steigenden privaten Verschuldung in der Regel eine Finanzkrise folgte. Je schneller dieser Anstieg der privaten Verschuldung war, desto länger dauerten die Finanzkrise und die Wachstumsschwäche einer Volkswirtschaft.

Wahrscheinlich sind beide Thesen richtig. Denn die aktuelle Finanzkrise ist eine Verschuldungskrise von Staaten, Banken und privaten Haushalten. Nahezu alle aktuellen Überschuldungssituationen von Staaten in Europa (vielleicht mit Ausnahme Griechenlands) gehen auf den Immobiliensektor zurück. Das größte Problem befindet sich in Spanien. Dort sollen rund 1,5 Millionen Immobilien leer stehen oder unvollendet sein. Auf alle Fälle gibt es keine Käufer. Dabei wurden diese Immobilien alle von Banken finanziert. Diese mussten inzwischen auf Druck der spanischen Bankenaufsicht Wertberichtigungen für Hypothekenkredite von 87 Milliarden Euro vornehmen. Ende 2013 waren mehr als fünf Prozent der spanischen Hypothekenkredite notleidend. Für 2014 rechnet die spanische Refinanzierungsberatung AFES mit einem Anstieg auf sechs Prozent. 2007, ein Jahr vor dem Zusammenbruch des Immobiliensektors in Spanien, lag der Anteil noch bei 0,7 Prozent. Die spanische Notenbank berichtete im Februar 2014 sogar von einem neuen Höchststand an „zweifelhaften Krediten“ (Doubtful Loans) in den Bilanzen der spanischen Banken von mehr als 197 Milliarden Euro. Dies entspricht 13,6 Prozent des ausstehenden Kreditvolumens an den Privatsektor. Geht man davon aus, dass bereits 50,5 Milliarden Euro an faulen Krediten an die spanische Bad Bank SAREB ausgelagert wurden, sind also fast 250 Milliarden Euro im Feuer.

Als die Blase in Spanien 2008 platzte, reagierten die Banken mit der Refinanzierung der Kredite verbunden mit Laufzeitverlängerungen. Die Hoffnung war, man könne die Krise aussitzen. Doch die Häuserpreise sind seit 2007 um 40 Prozent gefallen, die Beleihungswerte der Immobilien sinken und die Arbeitslosigkeit beträgt inzwischen 26 Prozent. Der Wohnungsbau und das Baunebengewerbe sind völlig zum Erliegen gekommen. Die Verschuldung Spaniens stieg innerhalb weniger Jahre von 382 Milliarden Euro (2007, 36,3 Prozent des BIP) auf 958 Milliarden Euro (2013, 91,8 Prozent des BIP), ein Anstieg um 150 Prozent innerhalb von sechs (!) Jahren. Einher geht dies mit einer tiefen und andauernden Rezession. Auch in diesem Jahr ist in Spanien kein Wachstum in Sicht.

Vor der Krise stand die rapide Geld- und Kreditmengenausweitung in der Euro-Zone. Geld und Kredit waren billig, Investitionen unbegrenzt möglich.Zwischen 2000 und 2008 ist die Geldmenge (M3) im Euro-Raum pro Jahr um 10,2 Prozent gestiegen. Die EZB hat diesen Prozess gesteuert und befördert. Wie den Drogenabhängigen hat sie Unternehmen, Banken, private Haushalte und Staaten angefixt und immer mehr Geld auf den Markt geschmissen. Jetzt schreien die Junkies nach noch mehr Geld und Kredit, weil sie das süße Gift lieben. Aber eine Krise, die auf Kreditexpansion und Fehlinvestition beruht, lässt sich so nicht überwinden. Die Korrektur der perversen „Übertreibungen” hin zu normalen Zuständen wird stattfinden – besser früher als später. Zu Beginn einer Drogentherapie steht immer eins: der kalte Entzug.


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