17. März 2014

Ukraine Der nette Herr Putin

Der achte Mann hat sich disqualifiziert

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Als Arthur Neville Chamberlain im Herbst 1938 aus München kommend in London eintraf, wurde er begeistert empfangen. Er hatte in München den Frieden gerettet. Hitler durfte die Sudetendeutschen der Tschechoslowakei heim ins Reich holen. Das Völkerrecht ließ das zu, denn es handelte sich um die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts der Sudetendeutschen. Großbritannien und Frankreich waren so dem deutschen Führer Hitler entgegengekommen – um des lieben Friedens willen. Historische Vergleiche hinken immer. Also vergessen Sie diesen Ausflug in die Geschichte von 1938.

„Putin weiter auf dem Vormarsch“ hatte Anne Will ihre Sendung überschrieben. Aber das brachte ihr schon eine Rüge von Gabriele Krone–Schmalz, der langjährigen ARD-Korrespondentin und Russland-Versteherin ein. Putin ist nicht auf dem Vormarsch, er nimmt nur seine Interessen wahr, korrigierte sie ihre Kollegin. Und dann hat sie den Zuschauern erklärt, dass der Westen alles falsch gemacht hat, vor allem die Amerikaner. Die Russen fühlten sich bedroht, hintergangen, hätten einen Anspruch darauf in Sewastopol auf der Krim einen Kriegshafen zu unterhalten. Was da in Kiew geschieht sei noch lange nicht geklärt. Unser Blick sei verstellt. Die Berichte aus Kiew wären einseitig,  gegen Russland gerichtet - auch die im deutschen Fernsehen. Im Übrigen erlaube das Völkerrecht, dass sich die Russen auf der Krim zu Russland bekennen.

Das ist schon schlimm, liebe Frau Krone-Schmalz. Ihre Nachfolger in Kiew, also unsere Kollegen sind schon ganz schöne Deppen, wenn sie nicht in der Lage sind, uns das wahre Bild der Aufstände in Kiew zu vermitteln. Die können noch nicht einmal feststellen, wer da bewaffnet ist und wer auf wen schießt. Ach, wie gut wäre es, wenn Sie noch Korrespondentin in Russland wären, dann könnten Sie uns wieder so viele nette Geschichten erzählen und wir würden endlich verstehen, was da in Kiew passiert.

Anne Will hatte auch eine ukrainische Journalistin eingeladen. Nataliia Fiebrig berichtet für das ukrainische Fernsehen aus Westeuropa. Ja Nataliia, Sie sind zwar schon einige Jahre hier, aber Sie müssen da einiges gründlich missverstanden haben. Sie sagten, den Demonstranten auf dem Maidan ginge es darum, ein Teil Europas zu werden, die europäischen Werte auch in Ihrem Land erleben zu dürfen: Freiheit, unabhängige Justiz, ein Leben ohne Korruption und Angst. So wie es Europa in all seinen Konferenzen beschwört. Liebe Frau Nataliia Fiebrig, das sind die Sonntagsreden in Europa. Aber bitte, verlangen Sie doch nicht von diesen friedliebenden Europäern, dass sie sich in die inneren Angelegenheiten der Moskowiter einmischen. Eines haben Sie hoffentlich in den letzten Wochen erkannt: Für die Westeuropäer ist die Ukraine ein Teil Russlands. Nach dem Zusammenbruch des imperialen Sowjetreiches waren die meisten Europäer überrascht, dass die Ukraine mehr ist, als eine Provinz Russlands. Und warum sollen sie umdenken? Was sich in dieser unbekannten Region an politischen Intrigen, Oligarchen-Korruption und jetzt auch noch rechtsradikalen Chaos abspielt, zeigt doch nur, dass da Putins Ordnungsliebe durchaus sinnvoll wäre.

In der Sendung saßen drei Deutsche, neben Frau Krone Schmalz auch noch der Außenpolitiker und Kanzlerin-Verehrer Philipp Mißfelder und die SPD Allzweckwaffe Klaus von Dohnanyi, die sich alle als Putin-Versteher outeten. Aber je mehr sie die russische Empfindlichkeit zu erklären versuchten, um so mehr wurde deutlich, dass sie sich offensichtlich weder mit der Geschichte der Ukraine, noch mit der Geschichte der Krim auskannten.

Heute sind etwa 60 Prozent der Bewohner der Krim russischstämmig. Aber wie lange leben sie dort? Die Halbinsel gehörte den Krimtataren, bis Katharina die Große sich der Halbinsel bemächtigte und eine Besiedlung durch Russen forcierte. Die Tragik dieses Volkes aber begann erst mit der Machtübernahme Lenins. Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts verhungerten 15 Prozent der Krimtataren – unter Lenin, dessen Denkmäler immer noch in Russland stehen und die erst jetzt in einigen Teilen der Ukraine gestürzt wurden. Stalin deportierte dann die Krimtataren nach Asien, eine Exekution, bei der wieder 150.000 Menschen starben. Erst seit 1986 dürfen sie wieder in ihre alten Siedlungsgebiete und erst der neue Staat Ukraine hat ihre Sprache als dritte Amtssprache anerkannt. Die Krimtataren kamen bei den deutschen Russlandfreunden in der Sendung nicht vor. Die Angst der Krimtataren vor Russen würde das nette Bild gestört, dass Sie von Putin zeichneten.

Noch schlimmer aber war die Betonung auf den russischen Interessen, ohne auch nur im Geringsten auf die Opfer einzugehen, die die Ukraine unter dem kommunistischen Terror erleiden musste. Timothy Snyder hat in seinem Buch „Bloodlands“ fast buchhalterisch beschrieben, welche Völker unter den beiden Massenmördern Hitler und Stalin am meisten gelitten haben. Die Ukraine nimmt dabei einen tragischen ersten Platz ein. Noch vor dem zweiten Weltkrieg hat Stalin über drei Millionen Ukrainer absichtlich verhungern lassen. Zweimal zog die Front über diese fruchtbare Ebene hinweg. Erst eroberten Hitlers Schergen das Land, mordeten die Juden und beraubten die Ukrainer und dann kam wieder Stalins rote Armee, bestahl und mordete die, die sich nicht schnell genug in die Wälder flüchten konnten.

Es war auch eine ukrainische Armee, die Auschwitz befreite. Stalins perfide Strategie schonte die Russen und opferte die Ukrainer. Ja, dieses Land ist blutgetränkt, von deutschen und russischen Armeen besetzt und vernichtet, von kommunistischer und faschistischer Gewaltherrschaft vergewaltigt. Wenn wir der Ukraine etwas schuldig sind, dann doch indem wir zeigen, dass wir uns nicht nur für unsere Verbrechen entschuldigen, sondern dass wir ihnen helfen, wenn sie die Freiheit erkämpfen von Oligarchen und Putins autoritärem Russland.

Nataliia Fiebig hatte allen Grund, sich in der Sendung unwohl zu fühlen. Freiheit scheint für die deutschen Mitdiskutanten nur ein sehr relativer Begriff zu sein. Herr Mißfelder machte darauf aufmerksam, dass uns die Ukraine viel mehr kosten könnte als Griechenland und warnte vor finanziellen Opfern, die wir Deutsche bringen müssten. Die beiden anderen, Krone-Schmalz und von Dohnanyi machten ihr deutlich, dass die Ukraine ein Landstrich sei, der immer auf die Russen Rücksicht nehmen müsse. Und internationale Verträge, wie das Abkommen von Budapest, in dem Russland, die USA und Großbritannien die Unantastbarkeit der Ukraine garantierten, wenn sie ihre Atomwaffen abgibt, seien wohl nicht zu ernst zu nehmen. Wie übrigens auch der Einmarsch russischer Truppen auf der Krim ohne Hoheitsabzeichen et cetera. Alles halb so schlimm. Gott sei Dank sind sie noch nicht so weit gegangen wie der Vorsitzende der AfD–Jugend in Baden-Württemberg, der Putin toll findet, weil er gegen Gender Mainstreaming und Homoehe ist! Für Krone-Schmalz und von Dohnanyi hat er dabei völlig neue Perspektiven für eine deutsch-russische Achse eröffnet.

Glaubt Herr von Dohnanyi wirklich, dass es amerikanischer Aufstachelung bedarf, um dieses Volk, wie auch die Balten und Polen gegen Russland aufzubringen? Jene Staaten, die von den Armeen der blutrünstigen Diktatoren Hitler und Stalin geschändet wurden und dann noch Jahrzehnte das Joch der Sowjets erleiden mussten? Russland besteht bis heute darauf, dass seine Armeen als Befreier kamen. Diese Staaten haben Angst vor Russland und Gott sei Dank nicht mehr soviel Angst vor Deutschland. Aber sie haben mit Recht Angst davor, dass wir sie im Stich lassen, wenn sie um ihre Freiheit fürchten, weil wir uns dann doch lieber auf die Befindlichkeiten von Herrn Putin einlassen.

Frau Krone-Schmalz hat Recht. Wir müssen auf Putins Russland Rücksicht nehmen. Er besetzt Landstriche, wenn es ihm nützlich erscheint. Er bricht Abkommen, wie es ihm passt. Er unterstützt Diktatoren wie Syriens Assad. Er unterdrückt den Aufbau einer Zivilgesellschaft im eigenen Land. Er pflegt die Erinnerung an die Zeit der imperialen Sowjetunion. Wir werden keinen neuen Krimkrieg führen und seine Aggressionen hinnehmen müssen. Niemand will einen neuen Krieg. Akute Sanktionen sind eher von symbolischem Wert, dass haben die Besetzungen von Ossetien und Abchasien bewiesen. Aber wir sollten dringend das Bild überdenken, dass uns Korrespondenten wie Krone-Schmalz gemalt haben, vom freundlichen, berechenbaren Russland.  Donald Tusk, der polnische Ministerpräsident, hat Recht: Wir Deutschen müssen unsere langfristige Energiepolitik überdenken, um unabhängiger von einem Staat zu werden, der sich nicht an den westlichen Werten orientiert. Und ganz bestimmt ist Putin kein Gesprächspartner für die G7-Gipfel. Der achte Mann hat sich selbst disqualifiziert. Und eine Überlegung wäre sicher auch, ob wir den sowjetischen Panzer im Tiergarten in Berlin stehen lassen, der angeblich Befreiung symbolisiert, aber gleichzeitig den Beginn der nächsten Unterdrückung ermöglichte.

Ach so: Am Anfang habe ich von Neville Chamberlain erzählt. In Anne Wills Sendung war immer wieder die Rede davon, ob Angela Merkel die Staatsfrau sei, die Putin zum Einlenken bringen könnte. Hoffentlich kennt sie die Geschichte und das Schicksal des netten Herrn Chamberlain.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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