21. März 2014

Politik- und Medienmorast in Sachen Ukraine Unter dem Strich: Verquast

Wie man sich selbst auf den Leim geht

Dossierbild

Eines muss man Hans-Ulrich Gumbrecht lassen: Er stellt sich in seinem „FAZ“-Artikel „Unter dem Strich: Morast“ beileibe nicht so tumb-tolpatschig an wie die Qualitätsvernichter anderer publizistischer Eselsbrücken zur Erinnerung daran, wer in Deutschland die außenpolitischen Hosen trägt, womit natürlich nicht IM Erikas Hosenanzug gemeint ist. Als gebildeter, wortmächtiger Autor ragt er aus dem journalistischen Mittelmaß anderer großer deutscher Medienhäuser sowie dem bewusstlosen Automatikgeplapper führender DJs der politischen Leierkaste weit heraus, die nun schon seit Wochen dadurch brillieren, sich eine hochnotpeinliche Blöße nach der anderen zu geben und mit jedem neuen Vorwurf gegenüber Putins „Annexion der Krim“ dem Kreml-Chef nicht etwa den argumentativen Boden unter den Füßen wegzuziehen, sondern diesen noch kräftig zu düngen und ihm eine Steilvorlage nach der anderen auf dem Platintablett zu liefern. „Völkerrechtswidrig“ – haha, erzählt das mal einem Iraker oder Libyer. Witzbolde.

Darauf nimmt auch Gumbrecht Bezug, indem er zu Recht den im Interesse des jeweils herrschenden Hegemons äußerst dehnbaren Begriff des „Völkerrechts“ als das entlarvt, was er ist: hohles Wortgeklingel. Wie oft haben auch deutsche Politiker im Verlauf der Diskussionen um die Ukraine mit dieser mittlerweile völlig sinnentleerten Wortkeule, die ebenso beliebig inflationiert und damit wertlos wurde wie „Populismus“, „Euro-Skepsis“, „Anti-Europäer“ oder dasjenige ungedeckte Ponzipapier, das zur aktuellen Weltlage zum wiederholten Male entscheidend beitrug, Putin den Führerscheitel zu ziehen versucht, sich damit aber angesichts ihrer regelmäßigen Unterstützung für schwerste Verbrechen im Namen von „Sicherheit“, „Frieden“ und „Demokratie“ oder eben des „Völkerrechts“ höchstens selber k.o. geschlagen? Eigentlich eine einfache und durch Fakten gestützte Erkenntnis, um die viele deutsche Presstituierte aber immer noch wilde Voodootänze aufführen und eine glühende Hasspredigt nach der anderen in ihre Putinpuppe stechen, um sich mit traurigen Realitäten nicht konfrontieren zu müssen. Forderte doch auch der „Stern“ unlängst, „endlich“ den Schuldigen zu bestrafen, also natürlich Obatin. Pardon, ich meinte Pubama. Nein, Verzeihung ... Pubush? Egal, mein Punkt dürfte deutlich geworden sein. Es gibt einen wunderbaren Dialog in Wolfgang Petersens Romanverfilmung „Das Boot“: Unterhalten sich einige Besatzungsmitglieder darüber, von wem eine ihnen wohlbekannte Prostituierte eigentlich schwanger geworden sei. Witzelt einer: „Halt mal deinen nackten Arsch an eine Kreissäge und sag‘ dann, welcher Zacken dich geschnitten hat!“ Dasselbe gilt für Machtmenschen wie Obatin und Pubama, Hollerkel und Merkande und so weiter. Schließlich drehen sie gerade alle am Rad.

Gumbrecht geht da schon etwas smarter vor, gewitzigter,  indem er sich zunächst, was unter Behochschulten keine Seltenheit ist, wenn ihnen die Argumente ausgehen und sie sich in der Defensive sehen, hinter einem professurmeierisch bewehrten Stachelwortverhau verschanzt, an dem die qua allerlei angestrengt akademischer Abstraktionen eigentlich ganz banaler Sachzusammenhänge, die sich natürlich auch einfacher erklären ließen, hätte man nichts zu verbergen, verzweifelt herbeigeschriebene Unterlegenheit des gemeinen, dummen Volkes sich doch bitte ordentlich pieksen möge, damit der Pöbel seinen Platz lernt und endlich merkt, dass er einer so hohen Geistigkeit im Namen des Staates nichts entgegenzusetzen habe. „Gibt es etwas zu lernen aus dieser Entwicklung für die politische Klasse und für die Medien-Intellektuellen in Deutschland?“, fragt Gumbrecht scheinheilig, indem er sowohl der Politik aus auch den Medien eine Lernfähigkeit zutraut, die sich in den letzten Jahren leider regelmäßig als Ente erwies. Hätte man nach den Dauerlügen zum Syrien-Konflikt ja vielleicht noch diesbezügliche Hoffnung haben können, wurde sie durch die Berichtbestattung zur „Krim-Krise“ endgültig begraben. „Nicht zu übersehen ist, dass der über Jahrzehnte zur Beförderung eigener politischer Zwecke akkumulierte Bodensatz nun nicht ohne weiteres plötzlich saniert und durch klassische politische Grundwerte ersetzt werden kann. Diese Einsicht steigert sich zum wirklichen Dilemma in einer Gegenwart, welcher zugleich der Glaube an die praktische Kraft des Prinzips ‚Volkssouveränität‘ verloren geht. In diesem Sinn ist außenpolitisch einfach nicht deutlich genug, welche Teile der Gesellschaft und welche Interessen man in der Ukraine unterstützen soll, während innenpolitisch der beschriebene Meinungs-Morast jeden Rekurs auf den Willen der deutschen Mehrheit verbietet. Sind wir so tatsächlich – unter dem Strich – in einer post-politischen Welt angekommen? Oder musste Politik schon immer mit solchen Widersprüchen leben – und in solchem Morast waten?“

Einerseits geht also der Glaube an die „praktische Kraft“ des „Prinzips ‚Volkssouveränität‘“ verloren, andererseits lässt Wladimir Gumbrecht, der Hans-Ulrich Putin vorwirft, Volkes Meinung nur in politisch ausgefuchster Weise zu manipulieren und instrumentalisieren, ansonsten sei sie ihm völlig egal, keinen Zweifel daran, was er selber von selbiger hält, sobald sie gegen seine politischen Ansichten verstößt: „... während innenpolitisch der beschriebene Meinungsmorast jeden Rekurs auf den Willen der deutschen Mehrheit verbietet“. Soso. Wenn eine „deutsche Mehrheit“ also nicht die Meinung  des Herrn Literaturprofessors teilt, kann sie von der politischen Klasse getrost ignoriert werden, mehr noch: dann verbietet sich jede Berücksichtigung solches „Meinungs-Morastes“, eines Sumpfes übrigens, der entgegen Gumbrechts Suggestion ja beileibe nicht nur einer unheilbaren Stumpfsinnigkeit des Mobs geschuldet wäre, sondern zu großen Teilen genau denjenigen Herrschaften, die er amüsanterweise mit „Medien-Intellektuellen“ verwechselt und die heutzutage aufzutreiben es schon ganzer Spürhundstaffeln mit hoch ausgeprägtem Geruchssinn fürs Sublime bedarf.

Stattdessen befleißigt sich der Großteil des intellektuellen Prekariats in den Vermassungsmedien in Sachen Ukraine und Krim einer Form von Demagogie und Volksaufwiegelung, die man hierzulande doch eigentlich längst überwunden glaubte. Oder gelten nun sogar schon Leute, die Angriffskriege und Massenmord schönschreiben, relativieren oder gar leugnen, indem sie erst gar nicht darüber berichten oder ihnen nicht genehme Berichte darüber als „verschwörungstheoretisch“ zur Seite blöken, als „Intellektuelle“? Bitte nicht! Zweitens: Politik musste nicht schon immer mit solchen Widersprüchen leben, sondern erzeugt diese meistens erst, um dann von ihnen leben zu können. Herr Gumbrecht hat von diesem Prinzip vielleicht schon mal gehört: nennt sich „Teile und herrsche“. Drittens: Die deutsche Politik ist in den letzten Jahren durch genug Morast gewatet. Dazu war gar kein Volk nötig, das überdies auch nie gefragt wurde, ob es sich an geopolitischem Schlammcatchen beteiligen will, um kurz darauf Flüchtlingsströme aufnehmen zu „müssen“, die vielleicht vermeidbar gewesen wären, hätte (auch) der deutsche Journalismus seine Kernaufgabe wahrgenommen. Viertens: Ob wir wohl in einem post-politischen Zeitalter angekommen sind? Na hoffentlich! Es wird auch Zeit!

Danach wird – dies dürfte sich wohl von selbst verstehen – natürlich die hoffnungslos runtergenudelte „Anti-Amerikanismus“-Schallplatte aufgelegt. Zwar schreibt Gumbrecht selber – für verlagspolitisch verordnete Persilschein-Infantilismen und Märchenbuch-Analysen des Weltgeschehens à la Springer, die vermutlich selbst einen von Washington begonnenen Atomkrieg noch als isolationistischen Ausrutscher bezeichnen würden, ist er wie gesagt viel zu intelligent –, dass man auf amerikanischer Seite schwere Fehler begangen habe. Aber auch nur, um es gleich im Anschluss auf die obligatorische amateurpsychologische Weise inklusive der gewohnten, geschickterweise natürlich nie wirklich verifizierbaren Unterstellungen in Richtung „Volksseele“ zu relativieren: „Wer sich dabei für eine Version psycho-freudianischer Logik entscheidet, wird zu der These gelangen, dass eine breite narzisstische Kränkung zum Nährboden des allgemeinen Anti-Amerikanismus in Deutschland geworden ist. Was man den Vereinigten Staaten als von der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ererbtes Über-Ich nicht vergeben will, sind die immer neuen Wellen begeisterter Assimilation von Lebens-, Stil- und Technologieformen, die in Amerika erfunden wurden.“ Hört dieser Plumpaquatsch eigentlich nie auf? Meine Güte, schreiben Sie das nächste Mal doch bitte einfach: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Und wer das nicht zugeben will, ist sich dessen nur nicht bewusst.“ Billig.

Da ich – im Gegensatz zu Herrn Gumbrecht – nicht in sämtliche deutschen Köpfe schauen kann und deshalb auch seinem kollektivistischen Sprachgebrauch nicht anheim fallen möchte, der einem ganzen Volk unterstellt, von kollektiv unbewussten Motiven getrieben zu sein, die erschöpfend an die Oberfläche zu reflektieren  es der intellektuellen Brillanz eines Gumbrecht oder gedanklich verwandter Aufklärer bedürfe (in der Psychologie nennt man das übrigens „selbsterfüllende Prophezeiung“), kann ich hier natürlich nur für mich selbst sprechen: Ich habe nicht das geringste gegen Amerikaner. Ich habe nichts gegen technologische Innovationen, wissenschaftlichen Entdecker- und Erfindergeist Marke USA, nichts gegen gute, unterhaltsame Hollywood-Filme, nichts gegen Designermode aus Kalifornien, iPads und Desktop-Computer, Soul-, Blues- und Jazzmusik oder Rock’n‘Roll, Jeans und Jellybeans, Star Wars und Starbucks, amerikanische Literatur und Philosophie, kurz und gut, ich habe überhaupt nichts gegen das Land und seine Kultur.

Ich habe nur etwas gegen Regierungen (und zwar alle, nicht nur die amerikanische), die Völker mit Dreck bewerfen, um sich dann über den daraus entstehenden „Meinungs-Morast“ zu beklagen. Ich bin Pro-Amerikaner, aber Anti-Etatist – nicht umgekehrt.

Und wo wir schon bei „Meinungs-Morast“ sind, schnell noch eine kleine Randbemerkung zu eben erwähnten Qualitätsgaranten, die unlängst – wieder einmal – so mächtig ins Abwassersystem griffen, dass es aus den Zeitungsseiten spritzte. Ich musste es mehrmals lesen, um begreifen zu können, welch abyssales Niveau mittlerweile erreicht ist. In einem Artikel auf Welt Online vom 20. März hieß es wortwörtlich: „Sicherlich, in der Regierung in Kiew sitzen zweifelhafte Gestalten, das ist auch dem Chaos der letzten Monate geschuldet und dem Bedürfnis, möglichst viele gesellschaftliche Gruppen mitzunehmen. Es ist unverständlich, dass Günter Verheugen (SPD) dieses Problem und nicht viel drängendere Fragen brandmarkt und damit – ob er es will oder nicht – dem Aggressor Putin in die Hände spielt.“

Sicher, na gut, wir geben zu, dass, also, im Chaos der letzten Monate auch ein paar, äh, unschöne extremistische Randgruppen nach langen Diskussionen in Strickkurs-Stuhlkreisen bei Haschkeksen und Pfefferminztee aus Liebe zum Pluralismus, nujo, „mitgenommen“ wurden. So beschönigt, verharmlost und verniedlicht man bei der „Welt“ also Machtergreifungen brauner Elemente. „Mitgenommen“ – ganz so, als hole man seine Kleinen aus dem Kindergarten oder vom Spielplatz ab. Und jetzt stellen wir uns einmal gemeinsam vor, eine rechtsextremistische Partei hätte es in den Bundestag geschafft. Gäbe es Geschrei? Iwo. Denn warum solche Problemchen mitnehmen, wo es doch regelmäßig viel größere zu kaschieren gilt.

Link:

Hans-Ulrich Gumbrecht in der „FAZ“: „Unter dem Strich: Morast“


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