24. März 2014

Erwiderung Herr Mokwa verklärt die Welt

Wie man als Scheinlibertärer die Zivilisation aufs Spiel setzt

Dossierbild

Die gedankliche Konfusion, um nicht zu sagen politische Schizophrenie, die unter manchen sogenannten (oder selbsternannten) Liberalen und Libertären herrscht, ist bisweilen belustigend, manchmal aber auch schlicht ärgerlich. Denn sie ist der Grund dafür, warum der Libertarismus von seinen Kritikern als „inkonsequent“, „widersprüchlich“, „realitätsfern“ oder Ähnliches, kurz, als politisch untauglich bezeichnet wird. Das von Peter Mokwa am 23. März auf Facebook veröffentlichte Pamphlet gegen Oliver Janich ist beides: in seiner Argumentationsführung sowohl belustigend als auch stellenweise schon ärgerlich. Es steckt voller gravierender Mängel in puncto Logik und entbehrt auch nicht der hierzulande üblichen Geschichtsvergessenheit hinsichtlich diverser außenpolitischer Amokläufe „guter Freunde“, vor allem aber begeht Mokwa darin selber eben jene Fehler, die er Janich so vollmundig und unter häufiger Verwendung von Begriffen wie „Idiotie“, „Infantilismus“ oder „Primitivismus“ vorwirft.

Es gibt eine Passage in Mokwas Kommentar, die exemplarisch für die Widersprüche steht, die sich fast durch den gesamten Text ziehen und beim Leser ein Gefühl des intellektuellen Hungers hinterlassen, eine Leerstelle, die Mokwa zu füllen vorgibt, dabei um die Kernfragen aber nur herumschreibt. Er scheint nicht den intellektuellen Mut zu besitzen, aus den von ihm selbst angeführten Missständen die folgerichtigen Schlüsse zu ziehen. Anlass zu seinem heftigen Angriff war ein Artikel Janichs zur „Krim-Krise“, der auf der Webseite des KOPP-Verlags erschien. Den Mokwa natürlich sogleich mit den erwartbaren, heutzutage schon obligatorischen und, auch das recht amüsant, mit Blick auf die vermeintliche Seriosität unserer Leidmedien kräftig rückfeuernden Vorwürfen überzieht: Es handele sich um ein Sammelbecken für – jetzt wird‘s mal wieder originell – „Verschwörungstheoretiker“, Esoteriker, Ufo-Jünger und andere Spinner. Wie schrecklich!

Da kann man ja nur von Glück reden, dass die Kriegshetzer, Auftragslügner, Demagogen, Relativierer, Beschöniger und Beschwichtiger, Massenmordleugner, Angriffskriegs-Groupies, Korporatisten-Jünger, Claqueure und Propagandisten und so weiter und so fort so manches „renommierten“ Blättchens so normal sind und ganz rational, zivilisiert, schlüssig und überzeugend argumentieren. Passenderweise erschien am selben Tag eine weitere Folge der Seriensensation „GZPZ“ („Gute Zeiten, Putins Zeiten“) im Schlafschaf-Streichelzoo und geistigen Laufstall für geopolitischen Simplizismus, Welt Online, der die heuer grassierende, grundsolide Normalität der Presse, ihre politische Ausgewogenheit sowie ihr intellektuelles Tiefschürfertum mal wieder perfekt pointierte: „Wladimir Putin strebt eine Weltordnung an, in der Macht wieder etwas gilt.“ Danke! Endlich wird man mal anständig und seriös aufgeklärt! Und ich Idiot wunderte mich schon, warum trotz des jahrelangen transatlantischen Däumchendrehens, friedfertigen Taubenzüchtens und pazifistischen Vor-sich-hin-Dösens, trotz dieser von der NATO mühsam errichteten machtvakuösen Kuschellaube völkerrechtlich vorbildlichen Miteinanders, die schöne Utopie einer herrschaftsfreien Weltgemeinschaft noch immer nicht verwirklicht werden konnte. Nun aber weiß ich, dass es der kleine Rotzlöffel und Quertreiber aus Moskau ist, der ständig sein Beinchen am Mammutbaum des globalen Friedens hebt und doch tatsächlich nach Macht strebt (nach Macht!), während die politischen Eliten auf westlicher Seite, eine Gruppe harmloser Ayurveda-Anbeter, Oma-über-die-Straße-Führer, buddhistischer Mönche, vorbildlicher Mülltrenner, Katzen-aus-Bäumen-Retter und großherziger Blutspender, Wörter wie „Herrschaftsabsichten“ noch nicht mal buchstabieren könnten. Kopf -> Tisch.

Nun aber zu besagtem Exzerpt: „Zurück zur demokratischen ‚Gaunerbande‘, die, wie bekannt, in der Realität behaftet ist mit den institutionellen Merkmalen des Privateigentums, der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit, der Gewaltenteilung, die mit einem Wort eine ziemlich offene und freie Gesellschaft ist, in der die Menschen in Wohlstand leben. Dass diese Gesellschaften von Staaten beherrscht werden, die man durchaus als Gaunerbanden beschreiben kann, ist unstrittig. Dass diese Gesellschaften massive degenerative Symptome aufweisen, ist ebenso unstrittig. Und dass die Demokratien von Interessengruppen und ihren politischen Klassen missbraucht und ausgebeutet werden können – und immer missbraucht und ausgebeutet wurden – wusste man schon immer.“

Statt daraus nun aber entsprechende Schlüsse zu ziehen,  schießt sich Mokwa im Anschluss nicht nur ins eigene Knie, sondern amputiert sich die argumentativen Beine gleich selber mit einer Kettensäge: „All dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass die ‚Gauner‘ nur innerhalb eines bestimmten institutionalisierten Rahmens, innerhalb eines bestimmten Systems agieren können, das sie zwar durch ihre Gaunereien fortgesetzt unterminieren und ruinieren. Das System zwingt sie aber nicht nur, sich wie Gauner zu verhalten, das heißt, sich Vorteile und Privilegien durch Betrug, Täuschung, Erschleichung, Manipulation und so weiter zu verschaffen. Das System zwingt sie auch, dieses System im Notfall zu verteidigen (‚Eigennutzkalkül der handelnden Personen‘), oder es unter günstigen Umständen expandieren zu lassen.“

Das kann man wohl laut sagen. Genau das haben sie tatsächlich getan, überdies in den letzten 13 Jahren im Turbomodus. Sie haben nicht nur betrogen, Wähler pausenlos belogen, brandgefährliche Schuldenberge aufgehäuft, das Geld „ihrer“ Bürger zunehmend entwertet, sie haben dadurch den „institutionalisierten Rahmen“ nicht nur kräftig angesägt und die Grundlagen für Freiheit und zivilisiertes Miteinander schön mürbe gemacht, sondern dieses System auch gleich noch mittels massenmörderischer Gewalt, „legitimiert“ durch erstunkene und erlogene „Gründe“, expandieren lassen, mit einem lauten Knall sozusagen, unter ohrenbetäubendem Kriegsdonner, viel Blutvergießen und flächendeckender Bei- und Schützenhilfe deutscher Massenmedien.

Herr Mokwa scheint vor der klaren Benennung der absehbaren Folgen zurückzuschrecken. Statt also zu schreiben: „... das sie durch ihre Gaunereien fortgesetzt unterminieren und ruinieren und, sollten sie so weitermachen wie bisher, mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit in Flammen aufgehen lassen werden“, werden die Gauner auch noch in Schutz genommen unter Hinweis auf „Notfälle“, die, wie wir heute wissen – das kann niemand mehr leugnen, auch Herr Mokwa nicht – eben nicht von außen kamen, sondern hausgemacht sind. Oder möchten wir jetzt allen Ernstes behaupten, das Kreditbetrugs-Geldsystem mit seinem eingebauten Countdown zu wirtschaftlichem Ruin, zu fortschreitender Substanzvernichtung und zur Knechtschaft, die atemberaubenden Schuldenberge Amerikas, angehäuft nicht zuletzt durch mehrere Angriffskriege auf Lügenbasis, wären von „außen“ – höchstwahrscheinlich von Russland, ach, Putin persönlich! – in den Westen getragen worden? Glauben wir immer noch diesen infantilen Unsinn, zur „Verteidigung“ und zum „Schutze“ unserer „Sicherheit“ hätte ein Land wie Libyen ins Chaos gebombt, zerstört und Abertausende in den Tod geschickt werden müssen? Das, geehrter Herr Mokwa, ist eines von vielen abschreckenden Resultaten der von Ihnen protegierten Politik der Gauner.

Mokwa weiter: „Es ist ein System, das zum erheblichen Teil immer noch auf dem Privateigentum beruht, in dem immer noch die Freiheits- und Menschenrechte gelten und in denen der allergrößte Teil des Reichtums in Marktverhältnissen erwirtschaftet wird. Deshalb, des liberalen Erbes und der liberalen Errungenschaften wegen, sind die demokratischen Systeme erfolgreicher und attraktiver  als alle anderen. Die degenerierteste marktwirtschaftliche Demokratie ist immer noch besser als die erfolgreichste Diktatur.“

Eben. Es beruht – noch! – auf Privateigentum, das angesichts politischer Uneinsichtigkeit und ideologischer Verbohrtheiten (siehe Euro-„Rettung“) allerdings zunehmend in Gefahr gerät. Es ist ja gerade die auch von Janich kritisierte politische „Gaunerei“, die die Grundlagen unseres Wohlstandes riskiert und in Gefahr bringt. Was nützt mir also der wohlfeile und banale Hinweis, dass selbst „die degenerierteste marktwirtschaftliche Demokratie“ immer noch besser als die erfolgreichste Diktatur sei, wenn die schleichende Zerstörung eben dieses marktwirtschaftlichen Fundaments durchaus zu sozialen und politischen Zuständen führen könnte, die – wie aus der deutschen Geschichte ja wohlbekannt ist – schlimmstenfalls wieder in eine Diktatur münden? Was ist das bitte für eine Logik? Oder glaubt Herr Mokwa, eine solche Entwicklung sei völlig unmöglich und undenkbar? Wollen wir doch mal sehen, wie friedlich und menschenrechtlich einwandfrei die Regierungen innerhalb der EU oder auch die amerikanische agieren werden, wollen wir sehen, wie gefestigt unsere zivilisatorischen Werte wirklich sind, sollte eines nicht mehr allzu fernen Tages ein Kassensturz nötig sein. Wenn die Herrschaften Gauner den Bürgern irgendwie werden erklären müssen, dass ihre Renten, Spareinlagen und Vermögen leider per Bail-In konfisziert werden „müssen“, sonst kollabiere die größte Abzockmasche der Geschichte. Oder ihre Ersparnisse von einer Hyperinflation kurzerhand in sprichwörtliche Asche verwandelt werden. Oder, noch schlimmer, für den Fall, dass die Mächtigen von ihrem eigenen Versagen wieder einmal durch Kriegsgetöse abzulenken versuchen, ihr Hab und Gut in buchstäbliche. Kurz, Herr Mokwa scheint davon auszugehen, der derzeitige Status quo sei, ungeachtet aller degenerativen Symptome, aller deutlich zu beobachtenden Verfallserscheinungen, beliebig verlängerbar beziehungsweise aufrechtzuerhalten – das könnte sich allerdings als schmerzhafte Illusion erweisen. Die degenerierteste marktwirtschaftliche Demokratie hat durchaus das Potenzial zum totalitären Sumpf. Und was die Entwicklungen auf dem Maidan betrifft, sollte man ebenfalls etwas vorsichtiger sein: Der Anteil sowohl westlicher als auch östlicher Einflussnahme auf den Konflikt ist noch lange nicht hundertprozentig geklärt. Von einer reinen „Bürgerbewegung“ zu sprechen, wäre verfrüht.

Niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass wir im Vergleich zu vielen anderen Ländern der Erde immer noch in einem regelrechten Paradies leben. Wir genießen einen Wohlstand und persönliche Rechte und Freiheiten, nach denen man sich woanders die Finger leckt. Es geht einem Kritiker des herrschenden Systems wie Herrn Janich ganz sicher nicht darum, diese Errungenschaften komplett schlechtzureden und so zu tun, als wäre Deutschland ein zweites Nordkorea. Es geht ihm – wie vielen anderen Kritikern auch – nicht um „Nestbeschmutzung“, nicht um „Subversion“, wie Herr Mokwa ihm allen Ernstes unter Verweis auf kommunistische Umtriebe und „narzisstischen Stalinismus“ (!) unterstellt, sondern um eine Warnung vor den möglichen Folgen einer Politik und vor allem eines Geldsystems, dessen Scheitern sich bereits ankündigt und höchstens von Stockblinden trotz der lichterloh brennenden Zeichen an der Wand noch immer nicht wahrgenommen wird. Man braucht doch nun wirklich kein Genie zu sein, um ganz klar erkennen zu können, dass die in den letzten Jahren lauter werdenden Kriegstrommeln selbstverständlich mit den Problemen des herrschenden Geldsystems korrelieren. Es sei deshalb noch einmal eine der treffendsten Äußerungen Ron Pauls zitiert: “Es ist kein Zufall, dass das Jahrhundert des totalen Krieges auch das Jahrhundert des Zentralbankwesens war.“ Nein, Zufall ist das definitiv nicht. Aber darüber spricht man in Deutschland ja nicht gerne. Es sind ja „krude Verschwörungstheorien“. Na dann bitte, dann lauft eben auch weiter ins offene Messer. Wer nicht hören und nichts dazulernen will, wird wohl leider fühlen müssen.

Solange Liberale und Libertäre beziehungsweise solche, die sich dafür halten, nicht bereit sind, unangenehmen oder gar gefährlichen politischen Entwicklungen der „eigenen Seite“ ins Auge zu sehen, sondern diese auch noch schönschreiben und, wie es sich derzeit ja wieder mächtig zusammenzubrauen scheint, sämtliche Verfehlungen auf ein überlebensgroßes Feindbild projizieren (wohin das führen kann, wissen wir ebenfalls aus der Geschichte), dürfen sie sich nicht wundern, wenn man sie nicht ernstnimmt. Wenn ein angeblicher Liberaler den Leuten erzählt, Putins Vorgehen auf der Krim sei die größte Schweinerei seit Hitlers Einmarsch in Polen, während korporatistische Überfälle auf andere Länder im Interesse der größten Öl- und Rüstungskonzerne sowie einer hochfinanziellen Machtclique, die dadurch das Einzugsgebiet ihres Währungs- und Schuldensystems zu erweitern trachtet, gerechtfertigt, verharmlost oder gleich ganz geleugnet werden, kann man sich ja nur mit Grausen abwenden. Wenn ein Norbert Röttgen, Mitglied einer Partei, die sich den Erhalt christlicher Werte auf die Fahne geschrieben hat, von einem „Zivilisationsbruch Putins“ spricht, seine Partei sich aber gleichzeitig an eher weniger christlichen Kriegen beteiligt, möchte ich mir nicht nur sämtliche Finger, sondern dazu noch sämtliche Zehen in den Hals stecken. Wäre ich ein tief gläubiger Mensch, müsste ich solchen Leuten bescheinigen, den Namen Jesu in den Schmutz zu treten und zu besudeln. Wenn ausgerechnet einem Ron Paul unterstellt wird, ein „Putin-Versteher“ zu sein, während diejenigen, die ihn derzeit so heftig attackieren, nicht das Geringste auszusetzen haben an hegemonialem Massenmord zum Zwecke der Errichtung „unipolarer“ Machtverhältnisse, ist das ungefähr so liberal oder libertär wie Dick Cheney auf Ecstasy.

Statt diese doch eigentlich klar und deutlich erkennbaren Probleme offen beim Namen zu nennen, scheinen manche Liberale und (Schein-) Libertäre es vorzuziehen, sich der gerade grassierenden, bis zum geistigen Parkinson hysterisch überdrehten, schwerstparanoiden Stimmungsmache des Kalten Kriegs 2.0 hinzugeben. Passt auf, welchen Weg ihr da beschreitet. Er könnte euch ins Verderben führen.

Link:

Peter Mokwa, „Herr Janich erklärt die Welt“


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