07. April 2014

Veganismus Massenhysterie

Was in Akif Pirinccis Buch fehlt

„Immer mehr Menschen wählen DKP!“ verkündete der Vorsitzende Herbert Mies in den 1970ern regelmäßig, hinsichtlich der Zukunft seiner Volkspartei. „Immer mehr Menschen wollen fleischlos glücklich sein“, schreibt „stern TV“, die Fernsehprogrammbeilage des Magazins, über eine Sendung zum Thema Veganismus. Beide Aussagen beziehen ihren Charme nicht etwa aus der Tatsache, dass sie die Realität leugnen. Sondern daraus, dass ihre Urheber Realität nicht einmal buchstabieren können. Wenn etwas fehlt in Akif Pirinccis Bestseller über das sinnbefreite Deutschland (Untertitel: „Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“) dann ist es das anschwellende Gegacker um den Veganismus. Beim Veganismus handelt es sich um das psychopathologische Worst-Case-Szenario des Vegetariertums.

Da knabbern pappsatte Wohlstandsverwahrloste in westlichen Schlaraffenländern plötzlich nur mehr das, was ihnen die Natur freiwillig überlässt. Eine Nuss, die sich selber nonchalant vom Baum plumpsen lässt, mag als Futter gerade noch durchgehen. Doch schon Milch, die man dem Euter der bedauernswerten Sieglinde gewaltsam entrissen hat, ist ein No-Drink. Von dieser Position aus ist es nicht mehr weit bis zum finalen Stadium des Öko-Gagaismus, dem Liegeradeln.

Vegan ist in. Allerdings nur in den Medien. Die sollten sich gelegentlich fragen, wer außer dem Internet noch daran schuld sein könnte, dass ihre Auflagen und Reichweiten unaufhörlich sinken. Einem aus Zuschauergebühren alimentierten Sender wie ZDFneo kann es natürlich wurscht sein, ob seine Sendung über Veggiewürstchen, Soja-Tofubrei und den „Starkoch der Veganerszene Attila Hildmann“ mehr als drei oder vier Leute anschauen. Die letzthin schwer gebeutelten Printmedien müssten eigentlich anders ticken.

Einem jungen Mann, der für stern.de einen tapferen, schier endlosen Selbstversuch in Sachen vegan unternommen hat, kamen beim Besuch der Lebensmittelmesse Internorga jedenfalls schon mal Bedenken: „Vegan soll ja Trend sein, sagt zumindest die Gastronomie-Trendforscherin Hanni Rützler. Am Eingang werde ich sehr freundlich begrüßt und habe Glück: Denn kurz vor mir war auch schon jemand da, der sich nach veganem Essen erkundigt hatte. So konnte der Mann mir gleich eine Liste aller Stände in die Hand drücken, die für mich in Frage kommen. Auf der Messe gibt es über 1.200 Stände. Ohne seine Hilfe hätte ich die veganen Futterposten nie gefunden. Denn: Es waren genau zwei. Zwei von 1.200 unter dem Schlagwort ‚vegan’. Das kann man wohl nicht Trend nennen.“

So ähnlich sieht es auch Wikipedia: „Nach der Nationalen Verzehrstudie II von 2008 ernährten sich in Deutschland ca. 0,1 Prozent der Bevölkerung vegan, insgesamt zirka 80.000 Menschen. Der Vegetarierbund Deutschlands (VEBU) schätzte im Jahr 2012 die Zahl der in Deutschland lebenden Veganer auf 600.000. Eine Studie der Universitäten Göttingen und Hohenheim zum Fleischkonsum in Deutschland kam 2013 zu dem Ergebnis, dass der Anteil vegan lebender Menschen in Deutschland unter 0,5 Prozent und damit vermutlich unter 400.000 liege.

Man darf getrost davon ausgehen, dass die Zahl 0,1 Prozent der Sache am nächsten kommt. Denn Andersartiges, Sonderbares, Abweichlerisches stellt sich in Untersuchungen in Relation zum Stinknormalen meist um einiges vergrößert dar. Schon deshalb, weil es die Medien gibt, welche dem vermeintlichen Zeitgeist unbarmherzig die Sporen geben, sobald sie ihn einmal ausgeguckt haben. Dass „immer mehr Menschen“ etwas tun oder lassen, lieben oder hassen, gehört seit Ewigkeiten zu den Standardsprüchen, mit denen Ressortleiter in Themenkonferenzen ihre Stücke ins Blatt zu bringen versuchen.

In einem Printmedium, für das ich lange gearbeitet habe, pflegten wir in solchen Fällen zu witzeln: „Ein Fall ist eine Serie, zwei Fälle sind ein Trend, drei Fälle eine Massenhysterie.“ Leider sind die goldenen Zeiten vorbei, da Locken auf der Glatze drehen noch half.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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