09. April 2014

Moldawien Transnistria Libre!

Warum sollten die Menschen von Transnistrien dazu gezwungen werden, das lateinische Alphabet zu benutzen?

Die gute Nachricht ist, dass sich US-Außenminister John Kerry mit dem russischen Außenminister Sergey Lawrow in Paris trifft – die schlechte Nachricht ist, dass die Verhandlungen im Sande verlaufen werden, wenn die USA darauf bestehen, ihre Schwarz-Weiß-Geschichte aufrechtzuerhalten, die Russland als den „Aggressor“ darstellt und die Ukraine als das schuldlose hilflose Opfer.

Interessant an diesem diplomatischen Zusammentreffen ist die Art der russischen Vorschläge: Ein föderales System für die Ukraine, das der östlichen und südlichen Ukraine größere Autonomie einräumt, Anerkennung von Russisch als eine der offiziellen Sprachen, und – dies verwirrt westliche Beobachter besonders – Garantien für die russisch sprechende Bevölkerung Transnistriens.

Transnistrien?

Wer die brennende transnistrische Frage recherchieren möchte, gerät von Anfang an in Schwierigkeiten, weil neben anderen ungelösten Aspekten, die diesen eigenartigen schmalen Landstrich umgeben, der an Moldawien und die ethnisch russische Südukraine grenzt, darin besteht, wie man ihn nennen soll: Es gibt mindestens drei oder vier verschiedene Namen für diesen kuriosen Landstrich, der sich am östlichen Ufer des Flusses Dnister entlangschlängelt. Die Region erklärte 1992 ihre Unabhängigkeit, deren unmittelbarer Anstoß der sowjetische Zusammenbruch war, der sich mit einem Drang Moldawiens zu einer Union mit Rumänien zeitlich überschnitt.

Das Vakuum füllend, das einst von rumänischen Kommunisten besetzt war, gewann eine pan-rumänische Bewegung, die durch virulenten Nationalismus motiviert war, schnell Einfluss. Die Pan-Rumänen forderten eine einzige offizielle Sprache – Rumänisch – und das Ende der politischen Autonomie für geographisch konzentrierte ethnische Minderheiten. Die moldawische Regierung erklärte, dass von nun an die gesamten amtlichen Geschäfte – einschließlich der Unterricht in vom Staat unterstützen Schulen – in der einzigen offiziellen Sprache durchgeführt würde, das heißt mit lateinischem Alphabet. Damit wurden die alten sowjetischen Gesetze rückgängig gemacht, die das lateinische Alphabet verboten und deklariert hatten, dass sämtliche amtlichen Texte in Kyrillisch sein mussten. Dieses ethnisch-sprachliche Tauziehen bringt die post-sowjetische Geschichte der ganzen Region so ziemlich auf den Punkt.

Der moldawische Spracherlass war der erste Anstoß der transnistrischen Rebellion, aber der wahre Grund war die Angst, Moldawien würde sich bald mit Rumänien verbinden, um den alten Traum der rumänischen Ultra-Nationalisten zu verwirklichen: Die Erschaffung „Großrumäniens“. Transnistrien war im Gegensatz zum Rest Moldawiens niemals ein Teil Rumäniens und die russische und ukrainische Mehrheit – um die 60 Prozent – hatten kein Verlangen, Teil des „Großrumänien“-Projektes zu sein. Kämpfe brachen aus und mit Unterstützung der Russen führte Transnistrien 1990 eine Volksbefragung durch, in der 96 Prozent für die Unabhängigkeit stimmten – so wie in Südossetien, Abchasien und nun auf der Krim. Igor Smirnow wurde zum Präsidenten gewählt.

Die moldawische Antwort war, Angriffe auf die rebellische Republik zu starten, die schnell zurückgeschlagen wurden: Dennoch entführten die Moldawier Smirnow und andere Köpfe der Separatisten auf ukrainischem Boden und sperrten sie in der moldawischen Hauptstadt ein. Smirnow und die anderen wurden erst freigelassen, als Transnistrien die Eisenbahnlinie blockierte, auf der lebenswichtige Lieferungen aus dem Osten transportiert wurden.

Zu diesem Zeitpunkt griff Boris Jelzin ein, indem er eine Vereinbarung mit den Rumänen unterschrieb, die Transnistrien die Autonomie sowie das Recht der Selbstbestimmung garantierte, falls Moldawien sich dafür entscheiden würde, sich mit Rumänien zu vereinigen. Das Vereinigungsprojekt trat jedoch in den Hintergrund, als die Ultra-Nationalisten für ein „Großrumänien“ Einfluss in Moldawien – und auch in Rumänien – aufgrund der sich rapide verschlechternden wirtschaftlichen Situation in der Region verloren. Die grandiosen Pläne der Großrumänen verblassten, als Moldawien in völlige Not schlitterte und die Aussicht auf einen Zusammenschluss mit dem extrem armen Rumänien weniger attraktiv schien: In einer Volksbefragung lehnte die große Mehrheit die Union mit Rumänien ab.

Dies trug jedoch nichts dazu bei, die Transnistrier zu beruhigen, die davon ausgingen, dass, wenn der Preis stimmte, Jelzin und die Russen sie verraten würden. In Transnistrien befindet sich der Großteil dessen, was zuvor Moldawiens Leichtindustrie und Energieanlagen gewesen waren, die die Zentralregierung dringend in ihre Hände bekommen wollte. Trotz der von der neuen Regierung gegebenen Garantien über „besondere“ Autonomie in der moldawischen Verfassung bestanden die Transnistrier darauf, mit den Moldawiern wie von Staat zu Staat zu verhandeln. Zum Henker mit moldawischen Verfassung, sagten sie – da diese geändert werden könne, sollten die Rechtsnationalen zurück an die Macht kommen – und bestanden auf einen Vertrag. Dies lehnten die Moldawier standhaft ab – und der Konflikt wurde seitdem „eingefroren“.

Wie in nahezu allen dieser post-sowjetischen „eingefrorenen Konflikte“ verbinden sich Geschichte, Volkszugehörigkeit, Sprache und Wirtschaft zu einem Mosaik extremer Komplexität – die nicht in das zweigeteilte Denken aus dem Kalten Krieg passt. Hat jemand wirklich eine einfache und gerechte Lösung der transnistrischen Frage, verstrickt wie sie ist in einer turbulenten Geschichte von blutigen Kriegen, Pogromen und Fehden, die im 14. Jahrhundert ihren Ursprung haben? In sämtlichen dieser Konflikte – von der Krim bis Abchasien – verwischen die eindeutigen Rollen von Angreifer und Verteidiger und sämtliche Anstrengungen, eine Geschichte zu konstruieren, die die russisch Sprechenden verurteilt und die Moldawier (oder Ukrainer, Polen und so weiter) freispricht, scheitern an den felsigen Untiefen der Geschichte und moralischer Zweideutigkeit.

Jetzt aber ist da John Kerry, der, während ich dies schreibe, mit Lawrow in Paris sitzt, und sich erdreistet, neben anderen Dingen das Schicksal von Transnistrien zu entscheiden. Als könnten wir jemals genug über diesen unglaublich komplizierten Teil der Welt wissen, um überhaupt ein qualifiziertes Urteil zu fällen.

Lawrow besteht nun auf einem „föderalen“, das heißt dezentralisierten System, das einen hohen Grad von Autonomie für die südliche und östliche Ukraine garantiert. Der Kreml verlangt außerdem ein Ende der Bemühungen, Ukrainisch zur einzigen offiziellen Sprache zu machen, sowie eine Aufforderung an die Putschisten, die rechten Milizen im Zaum zu halten, die in Kiew die Aufgaben der Polizei übernommen haben.

Weder Washington noch Moskau geht es irgendetwas an, die internen politischen Angelegenheiten der Ukraine zu bestimmen. Dennoch ist es Washington mit seinem Einsatz von „Soft Power“ gegen die demokratisch gewählte Regierung von Viktor Janukowitsch, das die Schuld daran trägt, diese Art von Einmischung durch Moskau provoziert zu haben. Der Putsch in Kiew wurde vom Westen gekauft und bezahlt, der Geld und wer weiß was sonst noch in die ukrainische Opposition geschleust hat – wodurch ultranationalistische Kräfte wie Svoboda und Rechter Sektor und ihre gewalttätigen Provokationen entfesselt wurden. Die ukrainische „Krise“ ist gänzlich ein Werk Washingtons und seiner „Demokratie-Förderungs“-Strategie zur Verwirklichung von Regimewechsel in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Darüber hinaus stehen die russischen Vorschläge eindeutig im Einklang mit libertären Prinzipien – und ja, dies ist wirklich schockierend für jene, die immer noch denken, dass der nationale politische Charakter einer Nation ihre Außenpolitik bestimmt und festlegt. Dennoch ist die unbestreitbare Wahrheit dieser Angelegenheit, dass das von Lawrow bevorzugte dezentralisierte föderale System die Freiheit örtlicher Gemeinden maximiert und die Macht der von Oligarchen gesteuerten Behörden in Kiew, die Provinzen auszuplündern, minimiert. Konservative in den USA, die die Rechte der Bundesstaaten als Bollwerk gegen eine anmaßende Bundesregierung hochhalten, sollten zweimal nachdenken, bevor sie den Vorschlag von Lawrow verurteilen.

Wie wir im Falle Transnistriens gesehen haben, ist die Frage der Sprache ein bedeutendes Problem in Südosteuropa und die libertäre Lösung – die Garantie sprachlicher Freiheit für ethnische Minderheiten – wird in den russichen Vorschlägen genau benannt. In Amerika werden Stimmzettel und andere amtlichen Dokumente in mehreren Sprachen geschrieben: Warum wird dieser multikulturelle Ansatz plötzlich aufgegeben, sobald Russland und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion betroffen sind?

Unterstützung für diese zwei wichtigen Prinzipien – Denzentralismus und Vielsprachigkeit – ist es, was echte Libertäre ukrainischer Abstammung von jenen ukrainischen Nationalisten unterscheidet, die mit Svoboda und dem Rechten Sektor einen pathologischen Hass auf alle russischen Dinge teilen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die US-Regierung diese Prinzipien zusammen mit Russland den Menschen dieser Region auferlegen sollte. Lasst die Ukrainer mit den Menschen der Krim verhandeln und wenn sie die Russen einbeziehen wollen ist das ihre Angelegenheit. Andererseits ist es nicht unsere Angelegenheit, in dieses Geplänkel einzugreifen.

Warum nur sollten die lange leidenden Menschen von Transnistrien – die unter den Rumänen, den Nazis, den Sowjets und den Moldawiern gelebt haben – dazu gezwungen werden, moldawisch zu lesen, zu schreiben und zu sprechen? Warum müssen sie das lateinische Alphabet statt kyrillischer Buchstaben benutzen? Ist die Entscheidung dieser brennenden Frage wirklich eine lebensnotwendige Angelegenheit der Vereinigten Staaten? Ist sie es wert, den Beginn eines neuen kalten Krieges mit der Atommacht Russland zu riskieren?

Dies ist das Gestrüpp, durch das wir stapfen, wann immer wir in die internen Angelegenheiten anderer Nationen eingreifen und es ist kaum irgendwo unentwirrbarer als in Ländern wie Transnistrien, Ukraine und Russlands „nahem Ausland“. Die Gefahr ist hier, dass wir uns in dieser Wildnis von konkurrierenden Volkszugehörigkeiten verlaufen und an einem Stolperdraht hängen bleiben, der zu einem größeren Konflikt führt, für den wir – und die Welt – unvorbereitet sind. Der einzige vernünftige Kurs, den es für die USA einzuschlagen gilt, ist umzukehren – bevor es zu spät ist.

Information:

Justin Raimondo ist US-amerikanischer Journalist, Gründer und Chefredakteur von Antiwar.com. Dieser Artikel erschien zuerst am 31.3.2014 in englischer Sprache auf Antiwar.com unter dem Titel Transnistria Libre! Übersetzung von Robert Grözinger.


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