11. April 2014

Urs Widmer Sein Geheimnis

Wo bleibt das Positive in der deutschen Literatur?

Manchmal brauche ich ein bisschen länger. Andere haben womöglich ihre Nachrufe schon in der Schublade und warten nur noch auf die Todesmeldung. Ich nicht. Meine kleine Trauerpostkarte kommt also ein wenig verspätet. Ich bin geknickt und – ehrlich gesagt – fasse ich es immer noch nicht. Bei Urs Widmer habe ich überhaupt nicht damit gerechnet, dass er jemals stirbt.

Das klingt jetzt so, als sähe ich in ihm den ewig jungen Schriftsteller, der gerade angefangen hat zu schreiben und als hätte ich ein Verhältnis zu ihm wie zu den Eltern, von denen man auch irgendwie annimmt, dass sie niemals sterben. So ist es auch. Es kommt noch etwas hinzu. Ich kenne sein Geheimnis.

Ich habe tatsächlich seine frühen Sachen gelesen, alle. Ich habe gesammelt, was ich kriegen konnte. Er war wirklich ein junger Autor, weil er nicht so schrieb wie einer, der schon mit der Welt fertig ist. Im Gegenteil! Er hatte eine „unschuldige“, eine „naive“, eine „einfache“ Art. Ihm konnte ich mich getrost anvertrauen, ihn wollte ich gerne auf seiner „Forschungsreise“ (so der Titel eines seiner Bücher) begleiten. Er war ein neugieriger, für Überraschungen offener Begleiter bei einer Reise, die gerade erst losging.

Er gehörte zu meinen ernsthaften Vorbildern aus dem richtigen Leben. Ich habe mir oft im Stillen gesagt: So will ich einmal werden, wenn ich groß bin. Nach den „gelben Männern“ habe ich gleich die „lila Kühe“ geschrieben – es kommt mir heute jedenfalls so vor. Wenn ich in seinen Bücher las, war es immer auch ein Aperitif zum Schreiben. Er hat einem Lust und Laune gemacht. Lust auf Literatur. Lust auf das Leben. Lust auf mehr. Er gehörte zu den wenigen Autoren, die man nicht nur bewundert, sondern gern hat.

Im Club Voltaire habe ich Anfang der achtziger Jahre kleine Konzerte von Folksängern und Liedermachern organisiert. Die Lesung, die ich mit Urs Widmer plante, war einer der ersten – möglicherweise sogar die erste – Veranstaltung ohne Musik und ohne Politik drumherum. Ich hatte dazu Geld besorgt vom Deutsch-Amerikanischen-Institut, die den als links geltenden Club Voltaire nicht direkt unterstützen konnten, aber einen Zuschuss gewähren wollten, wenn es so aussah, als wäre er für Gitarrenkurse. Ich kam mir ungeheuer schlau vor und dachte, dass ich nun die Irrwege der Politik durchschaut hätte. So lief das also. Ich hatte jedenfalls Geld besorgt und ein Zimmer im Hotel Hospiz in der Altstadt reserviert. Dann habe ich in einer Nachtaktion zusammen mit einer Freundin, die mich verwundert und auch ein wenig mitleidig dabei beobachtete, den Bühnenbereich mit Plakaten neu tapeziert. Extra für ihn.

Am Tag der Lesung sprach mich ein freundlicher Schweizer auf der Straße an (Tübingen ist nun mal klein) und fragte, wo dieses merkwürdige Hospiz wäre, das er für irgendeine christliche Einrichtung hielt. Da war er also. Es war die erste Begegnung. Die letzte war bei den zehnten Literatur-Tagen in Lauf an der Pegnitz. Adolf Muschg war gekommen, Inge und Walter Jens, Eva Menasse, Thomas Brussig, Norbert Blüm, Stoppok ... und eben auch Urs Widmer, der jedenfalls in meinen Augen nicht etwa „immer noch der Alte“, sondern „immer noch der Junge“ geblieben war. Als wir uns in der Hotelbar zunächst ein wenig über unsere Kinder unterhalten hatten, verriet er mir sein Geheimnis: Er hatte Mick Jagger berührt. Er war allerdings nicht sicher, ob es wirklich Mick Jagger oder ein anderer von den Rolling Stones war.

Nicht dass er bei einem ihrer Konzerte gewesen wäre. Sie kamen zu ihm. Er lebte damals in Frankfurt und saß noch spät in einer Pizzeria, die gerade dicht machte, als die Rolling Stones kamen. Eigentlich hätte die Pizzeria leer sein sollen, aber wenn da noch einer drin saß, dann saß halt noch einer drin. In Berlin kann einem so etwas auch passieren. Mit Politikern.

Urs Widmer wollte kein Autogramm. Ich bin auch nicht sicher, ob er überhaupt in der Lage gewesen wäre, einen Song der Rolling Stones von einem anderen zu unterscheiden. Für ihn waren das nicht Musiker, die er bewunderte, sondern Fabelwesen, moderne Heilige mit magischen Kräften. Also hat er beim Herausgehen darauf geachtet, sie zu berühren. Wie beim Handauflegen. Nur dass in dem Fall die Wirkung nicht von einem Wunderheiler auf einen Kranken, sondern von Mick Jagger (oder von dem, den er für Mick Jagger hielt) auf ihn übergehen sollte.

Es ist natürlich nicht so, dass Urs Widmer wirklich an so ein Mirakel geglaubt hätte und meinte, damit wäre er ein geheilter, ein besserer – womöglich unsterblicher – Mensch geworden. Doch er mochte es auch nicht ausschließen, er wollte einfach mal ausprobieren, ob man mit den Göttern oder Halbgöttern nicht doch irgendwie in Kontakt treten und mit ihnen verhandeln könnte. Wenn nicht, dann wäre es auch nicht so schlimm. Er hat es sowieso nur aus Spaß gemacht. Den Rolling Stones hat es jedenfalls nicht weh getan.

Es hat gewirkt. Die Wirkung zeigte sich allein schon in dem selbstironischen Lächeln, mit denen er solche Geschichten erzählt. So hat er auch seine Bücher geschrieben. Sie lachen – besser gesagt: sie schmunzeln – einen an. In ihnen ruht eine stille Heiterkeit, eine Gelassenheit, die es sonst in der neuen Literatur nicht (oder fast gar nicht) gibt (zumal in der deutschen nicht). Da herrscht aufgesetzte Ernsthaftigkeit und Düsternis, da sind humorferne Finsterlinge an Werkt, die angestrengt versuchen, sich im Negativen zu übertreffen.

Wo bleibt das Positive? Das hatte man schon Erich Kästner gefragt. Weiß der Teufel, wo es bleibt, hatte der geantwortet und uns damit auf die falsche Spur geschickt: Der Teufel weiß es nämlich auch nicht, und selbst wenn er es wüsste, würde er es uns nicht verraten. Extra nicht. Nur um uns zu ärgern.

Wo müssten wir denn nach dem Positiven suchen?

In der Haltung, die ein Autor einnimmt.

Klar, es gibt Unglück. Urs Widmer, der das auch weiß, schreibt davon, wie er das „Gefängnis“ seines „Daseins“ verfluchte; ja, er „fühlte zwei drei Male jene Schreie der Sinne, die das Flüstern des Herzens und des Hirns übertönen.“ Davon weiß er also auch ein Klagelied zu singen, und er war, genau so wie wir das aus unserem Leben kennen, „zuweilen auch nur schlechter Laune.“ Doch er hat nicht darin gebadet. Er schreibt, dass diese schlechte Laune „das einzige ist, was ich mir übelnehme, denn die schlechte Laune ist der Todfeind der Poesie.“ Bei ihm triumphiert die Poesie. Die Kraft dazu stammt vielleicht sogar von den Rolling Stones. Vielleicht auch nicht. Ich glaube eher nicht, ich glaube, er hatte einen ungewöhnlich großen Vorrat an Bordmitteln. Er hätte seinerseits die Rolling Stones zu ein paar guten Liedzeilen und einem weniger verbissenen Auftreten inspirieren können.

Das Motto, das er der Erzählung „Liebesnacht“ vorangestellt hat, stammt von Maurice Ravel. Es hätte auch von ihm selber sein können. Es ist sein Geheimnis: „Ich glaube fest, dass die Freude viel fruchtbarer als das Leiden ist.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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