17. April 2014

Konditionierung Das Leben ist ein Weißes Album

Über den Alltag eines heutigen Medienkonsumenten

Das „White Album“, eine Doppel-LP von 1968, ist eine der späten Studioproduktionen der Beatles. Zurecht gerühmt, obwohl sie einen selbst für die damalige Denke ungewöhnlich idiotischen Songtext enthält („Back in the USSR“). Leute meiner Generation und Sozialisation haben das Weiße Album sicher viele Dutzend Mal abgenudelt, vor allem die erste der beiden Scheiben. Weshalb ihnen die Reihenfolge der Stücke unauslöschlich im Gedächtnis haftet. Also, nach dem Ausklingen von „The Continuing Story of Bungalow Bill“ ertönt ein scharfer Ruf, dann das Riff zu George Harrisons grandiosem „While My Guitar Gently Weeps“. Auf „I’m so tired“ folgt „Blackbird“, und zum Schluss kommt „Julia“. Immer noch, wenn ich „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ höre, und sei es in der Fahrstuhlmusikversion, erwartet ein Rezeptor in meinem Gehirn, dass es mit „Wild Honey Pie“ weitergeht. Man nennt das, glaube ich, Konditionierung.

Auch der Alltag eines heutigen Medienkonsumenten ist ein Weißes Album. Auf Track 1 folgt Track 2, und so fort. Beispiel? Eine Studie wird veröffentlicht, finanziert von irgendeinem Sozialverband, der Friedrich-Ebert-Stiftung oder der SED-Nachfolgepartei. Die Studie spielt die gute alte Platte von der „Schere zwischen Arm und Reich“, welche „immer weiter auseinandergeht“. Man darf sicher sein: Noch am selben Abend darf Ulrich Schneider, Deutschlands oberster Sozialindustrieller, in den „Tagesthemen“ seinen Standard-Rap vortragen: „Starke-Schultern-müssen-mehr-tragen-als-schwache-Schultern“.

Die israelische Luftwaffe tötet eine Reihe von Hamas-Terroristen, die Raketenanschläge vorbereitet haben? Im ZDF wird uns Claus Kleber alsbald mit schiefbesorgter Miene aufklären, dass die Israelis sich keinen Gefallen tun, wenn sie Konflikte immer nur militärisch lösen wollen.

In der Autobranche ist eine Sauerei passiert? Alle Kanäle und sämtliche Gazetten spielen dazu ein Liedchen aus dem Repertoire von Ferdinand Dudenhöffer, „PS-Professor“ an der Uni Duisburg-Essen. Der steht auf der Interviewpartner-Liste jeder besseren Redaktion ganz oben, als Peter Scholl-Latour für Töfftöff-Themen.

Auf dem Land wird ein schickes neues Restaurant eröffnet? Garantiert kann man am nächsten Tag im Lokalblatt lesen, dass es da „frische Speisen aus regionalen Produkten“ gibt, welche aus kontrolliertem, nachhaltigem Anbau stammen. Ferner wird glutamatfrei gekocht, und auch ein paar vegane Snacks stehen auf der Karte. Ein Barfußpfad regt die Sinne an. Für Barrierefreiheit ist gesorgt. Radler willkommen!

Immer mehr Deutsche können die hohen Strompreise nicht mehr aufbringen („Energiearmut“)? Sofort schallt es aus diversen Redaktionsstuben: Hat aber rein gar nichts mit der Öko-Umlage zu tun! Schuld ist allein die Profitsucht der Stromkonzerne! Hilfsweise die Umlagebefreiung für manche Industriebetriebe.

Die „Tatort“-Ermittler Thiel und Boerne haben einen Langzeitarbeitslosen als Hammermörder entlarvt? Natürlich stellt sich am Ende heraus, dass der eigentliche Schurke ein korrupter Politiker mit Drähten nach ganz oben ist. Dessen eiskalte Immo-Deals haben den verarmten Täter, der selber Opfer ist (nämlich des Kapitalismus), zum Äußersten getrieben.

Städte und Gemeinden schlagen Alarm, weil die Kosten für südosteuropäische Armutszuwanderer ihre Budgets auffressen? Der „Deutschlandfunk“ und geistesverwandte Anstalten werden unverzüglich einen Migrationsbeauftragten an die Strippe holen. Der erklärt, da sei überhaupt kein Problem. Aus Bulgarien und Rumänien kämen mehrheitlich gut ausgebildete Fachkräfte, welche wir dringend benötigten.

Wird Russland uns im Zuge der Ukraine-Krise womöglich den Gashahn zudrehen, fragen Leitartikler? Eine Steilvorlage für die unvermeidliche Grünstrom-Lobbyistin Claudia Kemfert, die mit der Nummer durch die Medienszene tingelt: „Die Energiewende wird uns unabhängiger machen von Energielieferungen aus dem Ausland.“

Und abends kommt noch die Meldung rein, dass in der Antarktis ein Pinguin tot umgefallen ist? Am nächsten Morgen wird Mojib Latif im „moma“ von ARD und ZDF enthüllen, dass daran der menschengemachte Klimawandel die Schuld trägt.

Das Ganze läuft in Endlosschleife und ist erfreulich vorhersehbar. Ähnlich der Stadt Metzingen hat es, um mit Robert Gernhardt zu sprechen, „so was Verlässliches“. Ein geschulter Medienkonsument weiß immer, was er gleich zu hören kriegt. Wie beim Weißen Album. Wem aber das tägliche Konzert aus naiver Beschwichtigung, gekonnter Tatsachenverdrehung, moralischer Aufplusterung, Weltuntergangsgeschwafel, Solidaritätserpressung und Zeitgeistgeplapper doch mal auf die Nerven geht, der sollte zur Erholung die alte, geniale Beatles-Scheibe auflegen. La-la, how the life goes on.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Wolfgang Röhl

Über Wolfgang Röhl

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige