05. Mai 2014

Ideologie Wenn zwei sich streiten

Der politische Widerstand zersplittert und atomisiert sich, bevor er an Substanz gewinnen könnte

Der Ton wird schärfer, die Fronten verhärten sich und die Gräben werden tiefer. Dabei verschwinden die Konturen und die Streitkultur hat den intellektuell tiefer gelegten Sumpf erreicht. Es fällt vielen immer schwerer, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden und so stochern alle im Nebel und prügeln blind auf imaginäre Gegner ein. Mit diesem Brett vor dem Kopf verlieren die von oben herab genannten „Wutbürger“ das Ziel vor Augen und stolpern über die eigenen Füße. Aktionismus als Selbstbefriedigung im Hamsterlaufrad. Auf dem Rummelplatz der Besserwisser und Kleingeister geht es zu wie im alten Rom, nur dass hier zu den Spielen kein Brot, sondern „Likes“ gereicht werden. „Jeder gegen jeden und alle vor sich hin“ heißt der neue Volkssport. Disziplinen wie „Beleidigen“, „Pöbeln“, „Bashing“ und „Anpinkeln“ erfreuen sich bei Teilnehmern und beim Publikum in den multimedialen Meckerecken einer immer größer werdenden Beliebtheit.

Neo-Liberale gegen Libertäre, Nationalkonservative gegen Identitäre gegen Patrioten, Putinisten gegen Obamaisten, Freie gegen Freiheitliche gegen Freiheit, AfD gegen AfD (von links nach rechts), Veganer gegen Vegetarier, Atheisten gegen Lutheraner gegen Katholiken, Montagsdemonstranten gegen Sonntagsprediger, Euroskeptiker gegen Islamaufklärer – es ist recht eng geworden im Hühnerstall der Streithähne.

Jeder Hanswurst gibt seinen Senf dazu, kommentiert, blogt und postet, mit Klarnamen oder anonym, als wäre er auf der Flucht. Jeder bildet sein eigenes Grüppchen und kocht sein eigenes Süppchen. Die vielgepriesene Meinungsfreiheit verkommt im World Wide Web zum Spucknapf, der mehrmals täglich über Facebook und WordPress ausgegossen wird. Gift und Galle gibt’s zum Nachtisch.

Und das ist gut so. Für diejenigen, gegen die es eigentlich gehen sollte.

Der politische Widerstand zersplittert und atomisiert sich, bevor er an Substanz gewinnen könnte. Wut und Protest bleiben wie die Fliegen im Netz der Spinner kleben, oder landen als ungelesene Mail im Spam-Filter der Targets. Der Brummkreisel dreht sich und fällt um, ohne sich einen Schritt vorwärts bewegt zu haben. Das Internet als Ventil, wo jeder seinen Dampf ablassen kann und die Luft raus ist, bevor der Hauch einer Chance zur politischen Veränderung über das Land weht.

Der uralte Spruch „Wenn zwei sich streiten…“ hat wieder Hochkonjunktur. „Teile und herrsche“ war noch nie so wertvoll und effizient wie heute. Und wenn sich alle Schreihälse ausgetobt haben, wird das Lätzchen umgebunden und das nächste Gesetz, die nächste Steuererhöhung als Babybrei serviert.

Sie schlucken alles, noch völlig außer Atem, schließlich benötigt ohnmächtige Wut neue Nahrung.

Wie wär’s denn, wenn die vermeintlichen Gegner zur Schlacht auf dem Tempelhofer Feld antreten und unter dem Gejohle der regierenden Politiker auf der Ehrentribüne sich gegenseitig die Meinung geigen?

Daumen hoch, Daumen runter, der Gewinner stünde fest, so oder so.

Wenn sich die zornigen „Kesselflicker“ nicht endlich mal zusammenreißen, tief Luft holen, nicht überall Konkurrenz wittern und sich auf den wahren Gegner konzentrieren, dann ist Widerstand wahrlich zwecklos.

Ja, ich meine auch Sie, Herr Böhm.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Journalistenwatch.


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