06. Mai 2014

Akif Pirinçci Mein Kampf

Oder: Und immer an die Leser denken!

Hitlers „Mein Kampf“ immer noch weit oben auf der Amazon-Bestsellerliste! Deutschland muss von Sinnen sein. So ist das wohl zu verstehen, wenn der Literaturkritiker der „Zeit“ einem Buch attestiert, in der gleichen Liga wie Adolf Hitler zu spielen. Muss man sich wieder Sorgen um Deutschland machen?

Muss man natürlich nicht, höchstens um die Literaturkritik. Denn wer mit solchen Kalibern schießt, will offenbar nicht nur dem Autor, sondern auch seinen Lesern ans Zeug. Also: „den“ Deutschen, gern auch „Bio-Deutsche“ genannt.

Akif Pirinçcis wütendes Pamphlet „Deutschland von Sinnen“ muss man vorm Vergleich mit „Mein Kampf“ nicht in Schutz nehmen, es ist im übrigen erheblich kürzer und weit amüsanter. Dem Autor selbst ist es egal, ob man ihn „einen Nazi schimpft oder eine Klobürste“. Aber kann man seinen Lesern unterstellen, sich für rechte Führerworte zu begeistern?

„Zeit“-Leser fanden das nicht. Die „Nazikeule“ bestärkt offenbar all jene, die sich schon lange nicht mehr verstanden fühlen, was der Grund für Pirinçcis Erfolg sein mag: nicht wenige haben, wie sein Autor, die bevormundende Verachtung satt, die ihnen entgegenschallt. Es könnte sich um Zeitgenossen handeln, die man zu Toleranz gar nicht groß anhalten muss, die sich aber im Gegenzug nicht mehr und nicht weniger wünschen, als dass auch ihrem stinknormalen Leben in diesem Land mit Respekt begegnet wird, selbst wenn sie als bloß heterosexuelle Deutsche nicht bunt und exotisch genug sind.

Sollte die meinungshabende Klasse daran völlig unschuldig sein? Unter dem ironischen Label „Das wird man doch noch sagen dürfen“ wird genau das bestritten: dass etwas auch gesagt werden darf, ja soll, das nicht mit dem übereinstimmt, worauf sich die fortschrittlich-metropolitane Geisteselite verständigt hat. Die Lehrer der Nation geben sich beleidigt, wenn das dumme Volk anderen Rockschößen hinterherläuft.

Dabei müsste ihnen der überraschende Erfolg von Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ gezeigt haben, dass das Verhältnis zwischen den „Medien“ und ihren Rezipienten gründlich gestört ist. Die „Qualitätsmedien“ haben sich schon im Fall Sarrazin nicht als Gatekeeper bewährt, denn das Buch verkaufte sich nicht deshalb glänzend, weil, wie man dort mutmaßte, Sarrazin den „dumpfen“ rechten Bodensatz in Deutschland bediene. Die Käufer seines Buchs trauten vielmehr den rituellen Bannsprüchen der Meinungshäuptlinge nicht und wollten sich selbst ein Bild machen, mutig angesichts des spröden Stoffs.

Wäre das nicht eine Gelegenheit zur Selbstbefragung gewesen, ob man womöglich den Kontakt zu seinen Lesern und Zuschauern verloren hat, die Argumente und keine Verdikte hören wollen und die womöglich schon mehr als einmal die Erfahrung gemacht haben, dass man in Funk, Presse und Fernsehen die Fakten auch mal ein wenig schminkt, damit sie zum gewünschten Ergebnis passen?

Ein Anlass wäre Sarrazins jüngstes Buch über den „Tugendterror“ gewesen, als dessen Opfer er sich sehen darf. Denn eines stimmt in seiner von Selbstmitleid verständlicherweise nicht ganz freien Anklage: es wird nicht mehr gestritten, es werden mit der sauren Miene magenkranker Religionsführer Bannflüche ausgesprochen. Man will den Feind erlegen, zur Not auch hinterrücks, nicht sich offenen Visiers mit ihm schlagen. Souveräner Umgang sieht anders aus.

Anders hätte man übrigens auch mit Sibylle Lewitscharoff umgehen können, die man geradezu zum öffentlichen Widerruf zwingen wollte. Sie sprach in ihrer umstrittenen Rede von Kindern, die einer künstlichen Befruchtung entstammen, als „Halbwesen“, als „zweifelhafte Geschöpfe“. Das ist den so Gezeugten gegenüber sicher nicht sehr freundlich, die sich aber meines Wissens nicht beschwert haben. Andererseits hat genau das die Menschheit immer schon beschäftigt, wer oder was bei der Zeugung mittut, von Dr. Frankenstein bis zum Heiligen Geist. Wer, wenn nicht eine Schriftstellerin, darf sich darüber Gedanken machen? Und wieso soll man in einem Land, in dem man sich vor allem fürchtet, vor Genmais, geheimnisvollen Strahlen und dem Atom, ausgerechnet vor Manipulationen am Menschen selbst keine Angst haben dürfen? Ich teile diese Furcht übrigens nicht, aber ich bitte dringend darum, sie debattieren zu dürfen. Sichtweisen werden nicht dadurch interessant, dass alle sie teilen.

Und nun ein neuerlicher Sturm im Wasserglas. Diesmal ist es ein eingebürgerter Türke, der aus der Rolle fällt, die ihm in deutschen Talkshows normalerweise zufällt: die des Beschwerdeführers über die ihn ausgrenzenden „Bio“-Deutschen. Akif Pirinçcis Buch „Deutschland von Sinnen“ ist das Gegenteil, nämlich eine Liebeserklärung an das Land, das seine Eltern und ihn 1968 aufgenommen haben, eine Kampfansage an einen aggressiven Islam, der das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken nachhaltig zerstört hat, und eine Tirade gegen einen Staat, der alles glaubt bezuschussen zu müssen, was sich als unterdrückte Minderheit aufführt.

„Deutschland, Du kraftvoller Stier! Du bist die Macht, die ganz Europa trägt! Du bist das schönste aller schönen Länder!“ So geht’s los – und so geht das natürlich gar nicht. Finden Menschen, die, wenn sie nicht gleich antideutsch empfinden, an Deutschland nur mit ironischer Distanzierung und in Gänsefüßchen denken mögen. Hinzu kommt die hemmungslose Abneigung des Autors gegen Rotgrün, den Feminismus und „Gender Mainstreaming“, den aggressiven Islam, die Polit- und Medienkaste, kurz: gegen den ganzen linksliberalen Mainstream. „Deutschland von Sinnen“ ist die wütende Suada eines unglücklich Liebenden, übrigens etwas, worauf Schriftsteller ein natürliches Anrecht haben, nicht nur, wenn sie in die Richtung kotzen, die man in der kritischen Zunft für die richtige hält.

Der Vergleich mit Hitlers „Mein Kampf“ ist bei den 680 „Zeit“-Lesern nicht gut angekommen, die das kommentiert haben. Löblich, dass die Redaktion sich daraufhin um Kommunikation mit ihren Kritikern bemüht hat. Für das Fazit allerdings hätte man sich die Mühe sparen können: es seien doch wohl alles Ewiggestrige, die mit der modernen Zeit nicht richtig mitgekommen sind. Wer solch intellektuellen Hochmut pflegt, muss sich nicht wundern, wenn die Zeiten für „Qualitätsjournalismus“ hart geworden sind. Wer seine Leser verachtet, kann nicht erwarten, dass sie ihm treu bleiben.

Dabei gibt es durchaus eine Lehre zu ziehen aus dem Erfolg gerade dieses Buchs, rotzig, pöbelnd, ungerecht und unkorrekt: Dass es viele gibt, die an die bunte Schrebergartenidylle der Konsensdemokratie unter einer ewig lächelnden Kanzlerin nicht mehr glauben. Wäre doch auch mal ein Thema.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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