12. Mai 2014

Wochenrückblick Staatsgöttliche Nabelschau

„Da könnt ihr mal wieder sehen, ...“

Als der Autor dieser Zeilen den vorliegenden Kommentar am 8. Mai zu schreiben begann, fand sich auch folgender Satz darin: „Soll es irgendjemanden wundern, dass ein Travestie-Künstler den Eurovision Song Contest gewann? Ist die Travestie doch der denkbar passendste künstlerische Spiegel der Zeit.“ Dummerweise war ich zu voreilig und hatte etwas verwechselt: Conchita Wurst, so der Künstlername des Sängers, galt zu diesem Zeitpunkt lediglich als Favorit. Der/die/das Gewinner/Gewinnera/Gewinnerx stand noch gar nicht fest. Peinlich. Also legte ich den Kommentar erstmal auf Eis, denn der Satz gefiel mir so gut, dass ich mir die Option, ihn im Falle eines Sieges des 26-jährigen Österreichers doch noch verwenden zu können, offenhalten wollte, und wartete das Ergebnis ab. Hat der gerade „Sieg des Österreichers“ geschrieben? Unerträglich.

Jetzt bin ich, verzeihen Sie mir den Anflug von Selbstbeweihräucherung, schon ein bisschen stolz auf mein „Näschen“. Meine Voreiligkeit – oder Vorahnung – erwies sich als richtig. Thomas Neuwirth, so der bürgerliche Name, gewann den Wettbewerb tatsächlich. Und ich bleibe dabei: In diesem Fall spiegelte die Kunst wohl wirklich das Leben. Denn es stimmt ja – wohin man auch schaut, überall Travestie: Hardcore-Etatisten und -Interventionisten mit aufgemalten liberalen und libertären Dreitagebärten, die gar nicht schnell genug nach dem starken Staatsmann, knallharten staatlichen Sanktionen oder gar Krieg schreien können, wenn ihnen dank unermüdlicher journalistiger PR-Arbeit die Russenmuffe geht; „Sozial“-Demokraten, die den kleinen Mann an Eurokraten verraten; mit Recycling-Symbolen beklebte, voll klimatisierte preußische Pickelhauben aus grünem Prekariat; eine „Linke“, die sich als große Alternative zum Status quo inszeniert, obwohl sie für eine starke Zentralbank und ein staatliches Geldmonopol eintritt (dolle Wurst!); Presstituierte, die auf grotesk hohen Stöckelschuhen aus Propagandaplastik wie aufgezogene Duracell-Häschen in Armee-Tarnkleidung in Reih und Glied militärisch seriös über die Weltbühne staksen und dabei herrlich unabhängig von jedweder Harmonielehre singen; als Ökonomen verkleidete Zombies, die wie ferngesteuert zum Geldbrunnen wanken und reihenweise reinfallen ...

Mein Gott Mann, jetzt halt doch mal die Luft an, werden Sie sagen, aber die Aufzählung ist leider noch lange nicht fertig, die politische Rocky Horror Picture Show unserer Tage geht munter weiter.

So machte Michelle Obamarx mit einem rührenden Pappschild Werbung für die AFRICOM-Strategie. Das ist kein Vermarktungskonzept für Brause, sondern ein Anti-Aspirant, das besonders wirksam gegen rohstoffhungrige Chinesen sein soll. Sie appellierte mit Knuddelmich-Dackelblick an die Emotionen scheindemokratisch Veräppelter  und setzte sich für arme, kleine nigerianische Mädchen ein, während ihr Göttergatte armen, kleinen Mädchen in anderen Ländern per Drohne den Reis aus der Schüssel bombt. Ist das noch Travestie oder schon pervers, zynisch und eiseskalt? Auf jeden Fall weckt es Erinnerungen an die berühmte Formulierung vom „kältesten aller Ungeheuer“. „Bringt unsere Mädchen nach Hause!“, „Bring back our girls!“, war auf dem PR-strategisch an einen berühmten Song aus der Feder Bob Dylans angelehnten Stück Kartonage zu lesen. Wenn das mal nicht wieder nach hinten losgeht, trug das Original Dylans doch den hinsichtlich der Stimmungslage vieler Amerikaner goldrichtigen und topaktuellen Titel „Subterranean Homesick Blues“. Tatsächlich schiebt die dortige Realwirtschaft den Blues, die Menschen haben Heimweh, da sie ihr Land dank jahrzehntelanger politischer Travestien nicht mehr wiedererkennen, und die Politik Washingtons ist heute, im Inneren wie im Ausland, fast nur noch unterirdisch.

Von den Würstchen des deutschen Ex-Journalismus war ja schon oft genug die Rede. Deshalb nur ein kleiner Ausschnitt aus einem Artikel vom hiesigen Pressestrich. Warten Sie einen Moment, ich muss nur schnell in die Küche und Hundekuchen holen. Brave Pressepudel, kommt, holt das Stöckchen: „Bei der Punktevergabe wurde fast jede Wertung für Russland von Buhrufen in der Halle begleitet. Die Sympathien für das Riesenreich sind in Zeiten des Ukraine-Konflikts offensichtlich begrenzt“, blödelte man zum Ergebnis des Gesangs-Wettstreix auf n-tv. Der Zwergstaat der Edlen und Wahren mit vielen hundert mickrigen Zuckerwatteständen weltweit sollte jetzt aber wirklich mal mehr Geld in die Rüstung stecken, findet auch NATO-Generalsekretär Anders Fog of War Rasmussen, sonst müsse man sich ja bald schämen für die militärische Unterlegenheit. Da lässt Putin eine Panzerdivision nach der anderen über den Globus knattern, und „wir“? Auch das eine grandiose Travestie, gewissermaßen.

Peinlich nur, dass der Konflikt in der Ukraine sich regelmäßig doch nicht als reinrussische Propagandawurst erweist. Die „Deutschen Wirtschafts-Nachrichten“ in einem Artikel vom 11. Mai: „Die ukrainischen Truppen erhalten Unterstützung von 400 Söldnern des US-Militärdienstleisters Academi – früher Blackwater. Darüber hat der BND die Bundesregierung bereits Ende April informiert. In den USA stehen ehemalige Blackwater-Angestellte wegen der Tötung irakischer Zivilisten vor Gericht.“ Oh wei. Und wegen solcher unangenehmen Informationen muss ganz Deutschland auch unbedingt durchseucht sein von kremlnahen Netzwerken, genau deshalb werden wir spätestens nächsten Monat einen FSB-Agenten als Kanzler haben, Russisch wird zur Amtssprache, zu irgendwie südländisch aussehenden  Problemkindern an Schulen gesellen sich schwuppdiwuppdich russische, und in jedem Kreppl schlummert, auf ihre tödliche Freisetzung wartend, autoritäre Kreml-Marmelade. Ihrer Verbreitung kann durch eine freiheitsliebende Brüsseler Verordnung über den maximal zulässigen Autoritätsgehalt von Marmeladen jedoch schnell und unkompliziert Einhalt geboten werden.

Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund, beileibe nicht. Manchmal blitzen selbst aus dem Riesenhaufen Zeitdung diese kleinen, goldgelben Körnchen Ehrlichkeit hervor, wenn auch sicher eher ungewollt. Aus dem Einleitungstext eines Artikels der „Welt“, man lese und staune herzlich wenig: „Die zunehmend erbitterte Sanktionsschlacht um das Schicksal der Ukraine drückt Russland schon jetzt in eine Rezession, erschüttert angrenzende Volkswirtschaften und droht, die wackelige Erholung der Euro-Zone zunichte zu machen.“ Sicher. Und wer trägt die Verantwortung? Ei freilich, der Wladi. Was musste der Kerl auch unbedingt in Hitlers Fußstapfen treten und damit den Guten Reaktionen aufnötigen, die die bisher ohnehin nur in der Phantasie von Politikern, ihren Hofschreibern und überrascht blinzelnden Experten existierende „Erholung“ der Rubel-Zone zunichte zu machen drohen. Denn ihre größten, dringlichsten Probleme sind noch lange nicht gelöst. Da könnte es sich durchaus noch als praktisch erweisen, im Fall der Fälle einen Emanuel Goldstein zur Hand zu haben, der dem Wirtschaftswunder EUzeaniens heimtückisch in die Suppe spuckt. Ganz zu schweigen von der Fata Morgana der „Recovery“ in den USA, die bisher ebenfalls nur auf Telepromptern existiert.

Auch sollen Beamte von CIA und FBI die Marionettenregierung in Kiew beraten. Sollte das stimmen, kann man getrost davon ausgehen, dass ihre russischen Pendants nicht weit sind. Es wird, wie die Meldungen über allerlei Grausamkeiten der letzten Tage gezeigt haben, mit harten Bandagen gekämpft, mit ziemlicher Sicherheit auf beiden Seiten. Wer darunter, der Situation in Syrien durchaus nicht ganz unähnlich, wieder mal zu leiden hat? Die dortigen Menschen. Und deshalb, liebe Staatsflüsterer und Gewaltmonopol-Versteher aller Couleur, verschont mich bitte in Zukunft mit euren saublöden Vergleichen und Aufrechnereien, wessen imperialistische Gelüste nun „moralisch besser“ und denen des „anderen“ vorzuziehen seien. Die Antwort lautet: niemandes. Erspart mir eure Heucheleien, ihr so genannten „Superstars“ der „alternativen Medienszene“, eure imbezile Idolatrie starker Führerfiguren, die sich einem Putin an den Hals wirft und damit, ob's euch schmeckt oder nicht, derjenigen infantilen Idiotie, die einen Obama für den Messias hält und in Tränen ausbricht, wenn er von Bildschirmen abliest, de facto in nichts nachsteht. Alternative my ass. Manche von euch sind einfach nur Mainstream auf Russisch. Tut mir leid, hier stehe ich vor der Faust des Staatsgottes und kann nicht anders: Je länger ich als Zeitzeuge den Folgen seines himmlischen Wirkens beiwohnen darf, desto sympathischer werden mir die Ideen des so verpönten Anarchismus und der Privatrechtsgesellschaft. Keine Lust mehr, mich wie ein Ping-Pong-Ball zwischen Reich A und Reich B hin- und herschlagen zu lassen. Sind wir hier im Kasperletheater?

Und damit schließt sich der Kreis des Wochenwahns. Wohin der alberne Glaube an „bessere“ Staaten führen kann, wurde nämlich auch beim Eurovision-Schnulzencontest deutlich. Da wurden junge russische Teilnehmer, die, soweit bekannt, nicht von Putin gezeugt wurden, für „ihre“ Regierung in Kollektivhaftung genommen und nach Herzenslust ausgebuht. Und eine russische Bewerberin für einen Lehramtsposten an einem Nachhilfeinstitut in Lausanne wurde abgelehnt mit folgender Begründung: „Vielen Dank für Ihr Vertrauen, aber unsere Philosophie erlaubt uns nicht, Lehrer einzustellen, die aus einem Land kommen, das provoziert, einen Bürgerkrieg anzettelt und dessen Präsident lügt und das Gesetz missachtet. Wir wünschen Ihnen viel Glück.“ Ob man sowas überhaupt noch kommentieren kann? Falls ja, vielleicht mit Helge Schneider: „Da könnt ihr mal wieder sehen, was die Schwiegermütter für 'ne dumme Sau ist.“ Ach, am besten mit Albert Einstein: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“


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