15. Mai 2014

Bonn bei Sinnen Akif Pirinçci las aus seinem neuen Buch

Ein persönlicher Bericht

Beginnen möchte ich mit dem Schluss. Als sich die rund 200 Zuhörer beiderlei Geschlechts – rund 97 Prozent Männer im Alter von 16 bis 71,3 Jahren (ich war wieder mal der Älteste), Durchschnittsalter geschätzt 36,8 Jahre, also sehr erfreulich –  friedlich und freundlich und alle sichtlich mit sich und der Veranstaltung zufrieden, in drei Himmelsrichtungen verzogen hatten, ich gerade auch meinen blauen Plastik-Einkaufskorb mit Inhalt, den ich dreieinhalb Stunden zuvor bravourös an der Sicherheitskontrolle vorbei in den Vortragssaal geschleust hatte, wieder in meinen roten Reise- und Schlafwagen zurückgestellt hatte, etwas unglücklich darüber, wie viele gute Gelegenheiten, mit dem verehrten Autor „ins Geschäft“ zu kommen, ich nun verpasst hatte – perdu, aus und vorbei – sah ich, dass der Herr Pirinçci gerade dabei war, sich von ein paar Leuten zu verabschieden, um in ein Taxi zu steigen. Klar, der Mann hat keinen Führerschein, wie soll er sonst nach Hause kommen. Ich erkannte blitzschnell, dass dies die letzte Gelegenheit sein würde, entnahm eines meiner diversen Mitbringsel aus dem Einkaufskorb, nämlich eine volle Literflasche edelsten roten Weines (eigenhändig hergestellt von einem Sangesbruder, einem waschechten Winzer am Tuniberg  im sonnenverwöhnten Breisgau), rannte über die Straße und übergab mein Präsent mit den Worten: „Es mag Ihnen ja wie Wasser-in-den-Rhein-schütten vorkommen, trotzdem möchte ich Ihnen diese Flasche Rotwein verehren, ein Mitbringsel aus Freiburg.“ Gleichzeitig steckte ich ihm eine eigens für diese Veranstaltung fabrizierte Visitenkarte in die Hand.

Meine Freunde kennen ja schon lange meinen Spruch: Man lernt Menschen, wie sie wirklich sind, nur in außergewöhnlichen Situationen kennen. Ob zum Beispiel ein Politiker einen guten oder einen schlechten Charakter hat, ob er zum Beispiel ein Psychopath ist (das ist einer, der an der Stelle, wo normale (gesunde) Menschen ein Gewissen haben, ein großes schwarzes Loch hat), das erfährt die Menschheit, und selbst seine nächsten Angehörigen nur, wenn dieser Politiker in eine außergewöhnliche Situation gerät. Nun sind 99,9 Prozent aller Menschen Tag und Nacht darum bemüht, ja nie, nie, nie in eine außergewöhnliche Situation zu geraten. Restlos alles was ist, ist durch dieses Bemühen entstanden.

Außergewöhnliche Situationen bewusst herzustellen ist eine Kunst. Eine hohe Kunst. Und Akif  Pirinçci ist so ein Künstler. Für ihn trifft die Bezeichnung Künstler in höchstem Maße zu. 99,9 Prozent aller studierten, graduierten und zertifizierten Künstler spreche ich dagegen die Berufsbezeichnung „Künstler“ ab. Künstler kommt nämlich von „Künder“. Verkünder von etwas eigenem, neuem, ungewohnten. Einer Schöpfung. Pirinçci hat mit seinen Katzenkrimis eine eigene, eine neue Literaturgattung geschaffen. Er hat damit Erfolg auf dem Büchermarkt gehabt. Und haben die selbsternannten Literaturpäpste ihm ein Denkmal gesetzt? Hat man ihm einen Nobelpreis verliehen? Hat man Ehren-Doktorhüte auf sein edles Haupt gestapelt?

Und jetzt hat er mit „Deutschland von Sinnen“ ein zweites neues Genre geschaffen, welches man aus Fassungslosigkeit und Unverständnis in die Kategorie Sachbücher, Abteilung Politik, eingereiht hat.  Dabei ist es ein Wutbuch. Ein Aufruf. Gegen Politik. Gegen den Staat. Gegen den ganzen steuerfinanzierten Affenzirkus, der um Frauen, Homosexuelle und Einwanderer gemacht wird.

Dass dies Buch in Wahrheit eine Liebeserklärung ist an Deutschland wird zwar gelegentlich erwähnt, aber sogleich wieder vergessen. Und dass sowohl der Anfang als auch das Ende des Buches Pirinçci als „deutschen“ Dichter und Denker, als Poet und als Visionär ausweisen, ist offenbar weder von den namhaften Rezensenten, noch in der Podiumsdiskussion erkannt, geschweige denn, gewürdigt worden. Sich selbst als einen Irren zu bezeichnen, der gleich wieder in die Gummizelle zurück muss, weil die Wärter schließlich auch mal Feierabend haben wollen, ist eine Pointe par excellence. Damit hat er die gesamten linksverdrehten, gehirngewaschenen und verdummgrünten Meinungsmacher und Machthaber fürs erste entwaffnet.

Nun höre ich schon jemanden fragen, ob ich denn nicht zuerst meinen Bericht abliefern und meine Lobeshymne für den Schluss aufheben könnte. Ich will´s versuchen.

Der Gesichtsausdruck des Herrn  Pirinçci, als ich ihm die Flasche Rotwein überreichte, wechselte blitzschnell von überrascht zu freudig und dankbar lächelnd. Er reichte mir die Hand und sagte: „Vielen Dank!“ Dabei sah er in meine Augen und ich verstand, dass er mein Bruder im Geiste ist. Geahnt hatte ich das schon lange, aber jetzt weiß ich es.

Der Rest ist schnell gesagt. Vorlesen kann er befriedigend. Ich könnte es besser. Hätte für eine Deutschland-Tournee ein paar hübsche Ideen. Die ausgewählte Passage in seinem Buch, wo er den früheren deutschen Intellektuellen in den Himmel hebt, den heutigen dagegen in die finsterste Hölle stößt, exemplarisch vollzogen an Sibylle Berg (die Frau kann einem schon fast leid tun), war geeignet, den Hauptschuldigen am Niedergang der deutschen Intelligenzija an den Pranger zu stellen, und ihn zum waidgerechten Abschuss freizugeben. Ich spreche von den Hauptstrom-Medien und den öffentlich-rechthaberischen Einheits-Meinungs-Anstalten im Fernsehen und Hörfunk.

Dass dies auch von Sarrazin mit dem neuen Buch „Der neue Tugendterror“ so gesehen wird, kam beiläufig, für mich zu knapp, zur Sprache. Ich vermute, Pirinçci mag Sarrazin deswegen nicht sonderlich, weil er sich nicht von seiner Partei, der SPD, löst. Er ist dadurch gefesselt. Unfrei. Nie würde  Pirinçci sich sowas antun: eine Parteienbindung. Er geht aus Verachtung der Parteien auch wohl grundsätzlich nicht wählen. Genau wie ich.

Dass er auf der Bühne ein schönes großes Glas Rotwein stehen hat und hin und wieder daran nippelt, finde ich dramaturgisch gut und originell, so wie auch seine gelegentlichen Hinweise auf seine allabendliche Trinkerei. Das macht ihn sicher nicht nur mir sympathisch.

Dass er das Rauchen auf der Bühne weggelassen hat, finde ich dagegen schade. Aber vielleicht würde über einen Rauchmelder die Sprinkleranlage anspringen, dann wäre schnell Schluss mit lustig. Obwohl, bei Helmut Schmidt  geht es. Wo ein Wille ist…

Seine Antworten auf die Fragen des Moderators Carlos A. Gebauer waren nie langatmig, vernebelnd, oder gar nichtssagend, wie wir das von Politikern gewohnt sind, sondern im Gegenteil: kurz, einfach, klar und unmissverständlich. Dazu persönlich und leidenschaftlich. Dass ich die meisten Aussagen schon von seinem Buch her kannte, störte mich nicht. Wichtige Sätze können gar nicht oft genug wiederholt werden. Zum Beispiel: Der Staat raubt uns nicht nur weit mehr als die Hälfte unseres ehrlich verdienten Einkommens in Form von Steuern und Abgaben aller Art – im Mittelalter begnügte er sich noch mit 10 Prozent –  nein, er stiehlt uns sogar das fürs Alter und für magere Jahre Ersparte, schamlos, bis zum letzten Hosenknopf. Für mich ist es die größte Katastrophe, dass unsere Leistungsträger, die Unternehmer und Selbständigen aller Art total und damit hoffnungslos gehirngewaschen sind (Wer ist John Galt?).

Als der „kleine Akif“, wie er sich selbst gelegentlich nennt, gerade mal Sendepause hatte, weil einer der drei anderen redete, bemerkte ich, wie sein Blick über das Publikum schweifte. Ich sitze ja immer ziemlich weit vorne, um möglichst viel auch optisch mitzubekommen. Hab natürlich auch fast alles gefilmt. Seine Miene verriet mir eine unverhohlene Neugier, was das denn für Menschen sind, die sich hier eingefunden haben. Drei oder fünf Zuhörern blickte er sekundenlang direkt in die Augen. Als er in meine sah, war mir, als wenn ein kurzes Aufleuchten, ein unsichtbares Kopfnicken, das Erkennen zweier verwandter Seelen, zustande gekommen wäre. Ein schöner, ein stimmiger Eindruck für mich.

Was ich alles nicht zustande gebracht habe? Oh je, eine ganze Menge. Eine Zigarre wollte ich Herrn  Pirinçci tatsächlich verpassen dafür, dass er mit Alice Schwarzer (für mein Gefühl) zu zärtlich umgegangen ist, im Buch. Und drei Fragen wollt ich gestellt haben, die mir aber zu spät eingefallen sind: Wann haben Sie Geburtstag?  Wie heißt Ihr Stammlokal? Haben Sie meinen Brief nicht bekommen?

Gut. Damit will ich zum Schluß kommen. Gäb natürlich noch ne Menge zu berichten. Angefangen vom unverhofften, aber doch sehr angenehm empfundenen Zwinkern des rechten Auges von Herrn Gebauer, als er mich unter den 200 Zuhörern erkannte, dann die allseits unerwähnt gelassene sogenannte Alleinschuld der Deutschen an zwei Weltkriegen, bis zu dem Wunsch vieler Diskussionsteilnehmer, Herr  Pirinçci möge doch bitte, bitte noch dies und bitte auch noch das. Zum Beispiel weitere Bücher dieser Art schreiben und auf den Büchermarkt donnern, bis dem Volk ein Licht aufgeht, und es die Politiker mitsamt den kollabierenden Medienhuren auf den Mond schießt. Ohne Rückfahrkarte, versteht sich.

Was ich von dieser neudeutschen Erwartungshaltung („Mach‘ Du mal, Du bist ja so talentiert!“) halte, erzähle ich in meinem nächsten Aufsatz.


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Hartmut Amann

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