16. Mai 2014

Medienskandal Vielschichtige Zensur

Plasberg drängt Broder, über die Affäre Schulz zu schweigen

Frank Plasberg stellt aus Angst vor der SPD die Regeln des „guten Journalismus“ auf den Kopf. Er bittet einen Gast seiner Talk-Sendung „Hart aber fair“ über einen brisanten Politskandal zu schweigen, statt das Thema auszuschlachten.

Henryk Broder ist ein bekannter Journalist. Vorletzte Woche deckte er auf, dass der Spitzenkandidat der SPD bei der Europawahl, Martin Schulz aus Würselen, zu Unrecht Tagegelder kassierte. Schulz genehmigte sich nämlich als Präsident des Europaparlaments die 304 Euro Sitzungsgeld an allen 365 Tagen des Jahres, obwohl der Betrag als Aufwandsentschädigung gedacht ist, für die Tage, an denen das Parlament tagt. Er kassierte auch an Sonn- und Feiertagen, während des Urlaubs und auch in der Zeit, in der er als SPD-Politiker auf Wahlkampftour war. Pro Jahr erschwindelte er sich auf diese Art fast  110.000 Euro – steuerfrei.

Einen Tag nach der Veröffentlichung des Skandals war Henryk Broder bei Plasberg in die Sendung „Hart aber fair“ eingeladen. Das Thema: „Stehen die Euro-Gegner vor dem Triumph?“ Eigentlich eine wunderbare Gelegenheit für Plasberg, den Skandal um Schulz aufzugreifen. Denn es gibt nicht viele Sachen, die mehr Wasser auf die Mühlen aller Protestparteien treiben, als die Überheblichkeit und Dreistigkeit, mit der sich Leute wie Schulz an unseren Steuergeldern bereichern.

Jeder Journalist würde sich über eine solche Steilvorlage freuen und das Thema ausschlachten. Doch was machte Plasberg? Genau das Gegenteil. Er lud Broder kurz vor der Sendung in seine Garderobe ein und bat ihn dort, die Affäre Schulz nicht zu erwähnen. Grund: Es hatte schon Ärger mit der SPD gegeben, weil diese in der Diskussionsrunde nicht vertreten war.  Broder willigte zu. Erst nach der Sendung ging ihm auf: „Was da in einem bunkerartigen Raum des WDR passiert war, wurde mir erst nach der Sendung richtig bewusst. Aus Angst, Ärger mit einer politischen Partei zu riskieren, die offenbar der Ansicht ist, einen Abo-Platz in einer Talk-Runde zu haben, sollte ein Skandal verschwiegen werden.“

Es ist erschreckend, wie wirkungsvoll politische Parteien auf die Inhalte der politischen Talkshows durchgreifen können. In einem System, in dem die Kontrollgremien der öffentlich-rechtlichen Anstalten nach Parteiproporz bestückt werden, werden nur solche Mollusken wie Plasberg an verantwortliche Stellen gesetzt. So ist sichergestellt, dass sie beim geringsten Druck einknicken. Ein Journalist mit Rückgrat hätte es nicht getan.

Die Zensur ist vielschichtig. Am einfachsten funktioniert der Vorauswahl-Filter: Dem System nicht genehme Personen werden erst gar nicht in die Talkshows eingeladen. Schaffen sie es trotzdem, werden sie von der Regie abgewürgt, wie es jüngst Akif Pirinçci im ZDF Mittagsmagazin ergangen ist. Dem wurde nach acht Minuten das Wort genommen, obwohl der Beitrag für fünfzehn Minuten geplant war. Die Moderatorin entschuldigte sich danach bei Pirinçci. Sie habe per Funk von der Regie mehrfach die Order „abwürgen, abwürgen!“ bekommen.

Henryk Broder fasst es so zusammen: „Nun weiß ich immerhin, was ich schon lange vermutet habe. Die Talk-Runden werden nach einem Proporzschlüssel besetzt. Deswegen sieht man auch immer wieder dieselben Gesichter und hört die gleichen Sätze von Leuten, die in ihrer Meinungsbildung so frei sind wie die Moderatoren und Moderatorinnen, die einen Knopf im Ohr haben, über den sie aus der Regie ferngesteuert werden.“

Dass die Politik alle Mitteln nutzt, die Medien zu beeinflussen, ist nachvollziehbar. Warum wir alle dieses kranke System mit unseren GEZ-Beiträgen auch weiterhin finanzieren sollten, hingegen nicht.


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