16. Mai 2014

Liberalismus Menschen begeistern!

Beobachtungen eines Schülers an seinem Gymnasium

Die Schule ist in den meisten Fällen der Ort, an dem Jugendliche zum ersten Mal mit dem Thema Politik konfrontiert werden. Der Lehrplan meines Heimatbundeslandes Hessen sieht für die siebte Klasse das Thema „Politische Ordnung und Entscheidung im kommunalen Bereich und auf Länderebene“ vor. In der gymnasialen Oberstufe kommen Demokratie- und Wirtschaftstheorien sowie Parteien und deren Positionen dazu. Der Schüler entwickelt Sympathien, Antipathien oder Gleichgültigkeit gegenüber politischen Richtungen. So auch an meiner Schule. Die Meinungen gehen immer deutlicher auseinander. Soweit nichts Besonderes.

Immer deutlicher lässt sich die Gruppenbildung politisch sozialisierter Schüler erkennen: Es gibt den Kreis der „Kapitalismus-und-Amerika-sind-die-Grundpfeiler-des-Bösen“-Sozialisten, den der „Alles-ist-okay-solange-du-so-lebst-wie-ich-will“-Umweltfreunde und jenen der „Ausländer-raus“-Rechten (eine absolute Minderheit, die in den seltensten Fällen ihre Meinung öffentlich artikuliert). Diesen kleineren Gruppen steht die große Gruppe der Konservativen und Sozialdemokraten sowie die noch größere Masse der politisch Uninteressierten gegenüber. Natürlich würden sich die Gruppierungen nie so nennen, aber durch Unterrichtsgespräche und private Pausen-Plaudereien wird deutlich, wo die politischen Meinungen im Spektrum anzusiedeln sind.

Wie vertritt man als freiheitsliebender Mensch in dieser Landschaft seine Meinung? Eine eigene Gruppe hat man nicht, und mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag scheint jegliche Rechtfertigung für den Liberalismus zu fehlen. Meine Begeisterung für Selbstbestimmung des Einzelnen, weniger Staat und mehr Marktwirtschaft ist schwer weiterzugeben. Liberalismus erscheint nicht nur unattraktiv, sondern wahlweise auch asozial, rücksichtslos und gefährlich. Das hat unter anderem drei wichtige Gründe, die ich nachfolgend erläutern möchte.

Erstens wird der Staat allgemein nicht (mehr) als Richtliniengeber, sondern vielmehr als umfassender Gerechtigkeitsapparat gesehen. Freiheit wird dabei von den meisten dadurch nicht als schützenswertes Gut, sondern als Selbstverständlichkeit oder – schlimmer noch – als Freiraum für die Ungerechtigkeit dieser Welt gesehen. Dass man durch mehr staatliches Agieren nicht nur wichtige Marktkräfte blockiert, sondern auch dem Einzelnen über einen schleichenden Prozess immer mehr Eigenverantwortung entzieht, wird von den meisten übersehen. Staatliche Schönheitsoperationen, zum Beispiel am Renten- oder Steuersystem werden hingenommen, so lange als Grund „soziale Gerechtigkeit“ genannt wird. Es scheint so, als ob sich Menschen in einer vielfältigen politischen Bandbreite eine Einteilung in Gut und Böse wünschen. Die meisten retten sich auf die linke „Alles-ist-böse“-Insel, um von dort ihrem Gerechtigkeitsideal durch tausendfache Regulierungen näher zu kommen. Ein befreundeter Sympathisant der Linksjugend unterstellt mir in Debatten über die Griechenlandrettung mittlerweile Unmenschlichkeit und imperialistische Bestrebungen, weil ich diese Steuerverschwendung ablehne und als systemgefährdend und ungerecht empfinde und für die schnelle Entsorgung der politisch Andersdenkenden dient statt Argumenten immer noch die Nazi-Keule.

Zweitens werden Ängste gegenüber zu viel Freiheit entwickelt. Die NSA-Affäre und die Forderung nach Vorratsdatenspeicherung dokumentieren diesen Trend. Freiheit macht Angst, und Angst soll um jeden Preis verhindert werden, denn sie passt nicht in das bequeme, locker-leichte, unbeschwerte Lifestyle-Leben, in dem Toleranz mit Beliebigkeit verwechselt wird. Wer sich in meiner Generation dennoch als Verteidiger der Freiheit sieht, schließt sich lieber den netten Grünen oder den coolen Piraten an.

Drittens und letztens wird die Debatte von den Streitern für den Liberalismus oft wenig emotionsbesetzt, sondern eher sachlichen Argumenten geführt. In der heutigen Diskussionskultur bedeutet das einen Nachteil. Das musste ich schon einige Male spüren. Kommt man mit Lohnuntergrenzen, stöhnen die Mitschüler vor so viel langweiliger Theorie und nackten Kalkulationen. Kommt man dagegen mit einer Giraffe, die von einem angeblich kaltblütigen Zoodirektor „umgebracht“ wurde, lassen sich hysterische und wütende Gesichter herstellen. Was zählt, sind Emotionen, nicht Fakten.

Dazu kommt die häufige Oppositionsrolle, die Liberale standesgemäß einnehmen müssen, um dem wachsenden Wohlfahrtsstaat die Stirn zu bieten. Nein zu Mütterrente, Mindestlohn, Maut. Ein ständiges Dagegen macht den Kämpfer zum alles ablehnenden Meckerer, und ein solches Auftreten ist nicht sympathisch, sondern das Gegenteil.

Freigeister haben es schwer, das ist nichts Neues. Doch zu verharren und in die Rolle des beleidigten Opportunisten zu verfallen, ist der falsche Weg. Lediglich gute Argumentation kann eine (zumindest in Deutschland) totgeglaubte politische Strömung wieder auferwecken. Es muss zum Ausdruck kommen, dass man nicht reicher Erbe oder egoistischer Ökonom sein muss, um eine liberale Partei wählen zu können. Kein pseudoliberales Gefälligkeitskonstrukt anpreisen, welches nur darauf abzielt, es jedem recht zu machen, sondern das eigene freiheitliche Lebensgefühl verkünden und Menschen dafür begeistern! Schon in der Schule.


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Autor

Jannik Dross

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