02. Juni 2014

Gender Mainstreaming Konsequente Unfallkasse Rheinland-Pfalz

Weit über die olle Binnenmajuskel hinaus …

„Was ist der Unterschied zwischen einem Theoretiker, einem Praktiker und einem Sozialisten? Am Beispiel der Hasenjagd ist dies schnell erklärt. Der Praktiker schultert das Gewehr, geht in den Wald und erschießt den Hasen. Der Theoretiker unterteilt den Wald in Planquadrate, errechnet Wahrscheinlichkeiten und erlegt den Hasen auf dem Punkt. Und der Sozialist? Der nimmt die nächstbeste Katze, schlägt sie solange gegen einen Baum, bis sie zugibt, ein Hase zu sein.“

Dieser „Witz“, der aus der stalinistischen Sowjetzeit überliefert ist und uns leicht das Blut in den Adern erfrieren lässt, zeigt uns eindringlich, wie schnell es in derlei Systemen mit der Vergewaltigung des gesunden Menschenverstandes gehen kann. In Orwells „1984“ bekämpft die Gedankenpolizei alles, was nicht konform zum Weltbild ist und versucht mit allen Mitteln, das „Gute“ durchzupeitschen. Eines der zentralen Werkzeuge, um die menschlichen Massen zu kontrollieren, war die Einführung des „Neusprech“. Im Rahmen dieser „Sprachreform“ wurden  Worte und Begriffe ausgemerzt, die assoziativen Bedeutungen sollten für immer verschwinden. So wurde aus den Wörtern wie „gut“, „besser“ oder „genial“ einfach nur „gut“, „plusgut“ oder „doppelplusgut“. Worte wie „Demokratie“ oder „Freiheit“ wurden eliminiert und unter dem Begriff „Undenk“ zusammengefasst. Ein weiteres wichtiges Merkmal dieser sprachlichen Umerziehung zeigte sich darin, dass Begriffe in ihr Gegenteil verkehrt wurden, zum Beispiel „Lustlager“ für „Arbeitslager“ oder „Friedensministerium“ für „Kriegsministerium“. Ignazio Silone bemerkte in einem Gespräch ganz folgerichtig: „Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.“ Apropos Krieg: Ein perfider Neusprech-Satz neueren Datums war der des Ex-Verteidigungsministers Peter Struck, der im Dezember 2002, also noch vor den neuen verteidigungspolitischen Richtlinien vom Mai 2003 meinte, dass „die Sicherheit Deutschlands auch am Hindukusch verteidigt“ werde. Er diente zur Legitimierung des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr und sollte den verfassungsgemäßen Status der Bundeswehr als Verteidigungsarmee (Artikel 26: Verbot der Vorbereitung eines Angriffskrieges) wahren. Das Unwort des Jahres 1999 „Kollateralschaden“ oder „friendly fire“ sind weitere Beispiele für menschenverachtende Euphemismen. „Die Dinge der Welt falsch zu benennen, heißt das Unglück der Welt zu vergrößern“, meinte hierzu Albert Camus.

So wie Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird, ist die Sprache und deren mediale Verbreitung meistens eine Sache der Mächtigen. Mit Worten kann man Emotionen ausdrücken oder verfälschen, Stimmung machen oder unterdrücken, Vorgänge verharmlosen oder überhöhen, Kompliziertes vereinfachen oder Einfaches verkomplizieren. Es bedarf keiner allzu großen geistigen Leistung, um der „Neusprech-Umerziehung“, die heutzutage im linksintellektuellen Gewand von Gender Mainstreaming und der Politischen Korrektheit daherkommt, einen aktuellen Anstrich zu geben. Das „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ statt „Martinsumzug“, „Elter 1“ und „Elter 2“ statt „Mutter“ und „Vater“, „Flanierzone“ statt „Fußgängerzone“, „Grundkurs“ statt „Anfängerkurs“ oder „vertikal herausgefordert“ statt „kleinwüchsig“: Der „Kampf um ein diskriminierungsfreies Vokabular“ wird immer verrückter, wobei offenbar jedem neugeschaffenen Begriff das Böse schon wieder innewohnt. „Politisch korrekte“ Ersatzausdrücke nutzen sich schnell ab; die ursprüngliche negative Konnotation ist in ihrer Bosheit nämlich anscheinend in der Lage, sich auf die Neubildungen zu übertragen. Ein typisch deutsches Beispiel für eine solche „Euphemismuskette“ sind die schwer erziehbaren Kinder, die erst zu „verhaltensgestörten“, dann zu „verhaltensauffälligen“ und am Ende (?) zu „verhaltensoriginellen“ Kindern wurden. Diese letztgenannte Beschreibung ist, da sie lange genug zermahlen wurde, derart unscharf formuliert, eben weil die positiven Konnotationen sogar überwiegen, dass viele Schüler, Eltern und Lehrer vielerorts nicht einmal erahnen können, was ihnen alles „Aufregendes“ mit den lieben Verhaltensoriginellen noch so bevorsteht.

Gender Mainstreaming will mit stereotypen und traditionellen Zuschreibungen brechen, die in unserer hierarchischen Gesellschaft wirken. Es sollen neue Handlungsspielräume und eine „geschlechtergerechtere, vielfältigere und offene Gesellschaft ohne starre Rollenzuschreibungen an Menschen“ ermöglicht werden. Da die Kommunikation ein Wechselspiel zwischen Sender und Empfänger ist, soll diese möglichst gut funktionieren, wenn die Empfänger einer Botschaft optimal „abgeholt“ werden. Man spricht hierbei von der „Kunst der gendersensiblen Kommunikation“. Diese gelingt doppelplusgut durch die Verwendung einer neutralen oder geschlechtergerechten Sprache. Somit gibt es dann beispielsweise Lehrkörper oder Lehrpersonal oder Lehrer/innen oder Lehrerinnen/Lehrer oder LehrerInnnen (der Großbuchstabe I als Binnen-I bzw. „Binnenmajuskel“) oder Lehrer_innen oder Lehrer*innen oder Lehrx, was übrigens laut Professx für Gender Studies und skandinavistische Linguistik am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der HU Berlin Lann Hornscheid „Lehrix“ ausgesprochen wird.

Ganz entscheidend beim Gender Mainstreaming und der Politischen Korrektheit ist neben der Sprache jedoch die „richtige“ Auswahl von Bildern. Diese sollten diskriminierungsfrei sein und möglichst niemand vergessen. Die Darstellung unterschiedlicher Personengruppen bei verschiedenen – gerne auch „untypischen“ Tätigkeiten – sollte ebenfalls gewährleistet werden. Differenzierungen innerhalb der Geschlechtergruppen in Bezug auf Alter, sozialer und ethnischer Herkunft sowie Religion sind weiterhin zu berücksichtigen. Außerdem muss bei der Bildauswahl darauf geachtet werden, keine kulturellen Unterschiede zu vertiefen oder Gruppen zu überhöhen beziehungsweise abwertend darzustellen. Ich könnte mich noch ellenlang an derartigem Gender-Geschwurbel abarbeiten oder mir mit der Zunge aufs Auge hauen und zitiere daher lieber Roland Baader, der zur Gerechtigkeit (Radiointerview „Streiflichter des Lebens“) folgendes ausführte: „Was gerecht ist, welche Verteilung, … oder was auch immer, führt ins Uferlose.“

Und weil das tatsächlich so ist, haben sich die Plakatgestalter_*Innen der Unfallkasse Rheinland-Pfalz aller Fallstricke bei ihrem Werk „Clever mit dem Bus fahren“ entledigt. Statt zwischen Busfahrer und Busfahrerin – die dann vielleicht noch einen Bart haben sollte – zu unterscheiden; statt die abgebildeten Jungen und Mädchen genau abzuzählen und auf jeweils „Untypisches“ zu achten; statt zu schauen, wie groß oder klein diese Schüler_*Innen sind, ob sie lange oder kurze Haare haben, ob sie europäisch, asiatisch oder afrikanisch aussehen, ob sie picklig sind oder nur versommersprosst, ob sie Hosen oder Röcke und/oder Brillen tragen oder was auch immer die Gedankenpolizei ihnen später einmal verübeln könnte, haben sie sich schenkelklopfend und brüllend vor Lachen für die im wahrsten Sinne des Wortes „cleverste“ Variante entscheiden, welche weit über die Gender Mainstreaming Ideologie mit der ollen Binnenmajuskel hinausreicht und sogar vor Strafe schützt: Sie gingen – einem gehörnten Siegfried gleich – voll und ganz auf Nummer sicher, machten sich unangreifbar und schufen ein Plakat, welches der Leser unterhalb dieses Artikels durch Anklicken des entsprechenden Links nun öffnen sollte.

Hier tauchen wir also ein in die Neue Welt mit Neuen Menschen, die in lila, orange, grün und gelb eingetüncht sind sowie völlig gesichtslos und geschlechterfrei daherkommen. Hinter diesen neutralen und grobmotorischen Knetfiguren-Wesen, die trotz Pinguinschritten und  Astronautenschuhen ihre Zugehörigkeit zur Menschheit noch vage andeuten, verschwindet jeder Hauch von Individualität. Wir können das jetzt abkürzen: Es ist natürlich klar, dass sich von diesem Farbensalat-Plakat jeder normale Mensch kopfschüttelnd abwendet, obwohl die Ratschläge darauf durchaus sinnvoll sind. Und genau dieses Schicksal erleiden bereits viele Begriffe, die sich eben nicht mehr aus der Sprachgesellschaft von innen heraus entwickeln. Wenn etwas bis zur Unkenntlichkeit mit Säure besprüht und dann in der neuen Fassung einer breiten Masse von oben verordnet wird, kann das nicht gutgehen.

Nur ist, wie uns die Unfallkasse aufzeigt, Widerstand – vor dem Hintergrund des momentan herrschenden Zeitgeistes – anscheinend das falsche Mittel, um der hässlichen Fratze des Sozialismus den Spiegel vorzuhalten. Man muss ihn nur konsequent weiterentwickeln; eben einfach zu Ende denken. Der Rest erledigt sich von allein. Und genau hier kommt die kluge Katze aus dem eingangs erwähnten Witz ins Spiel. In einer „weiterentwickelten Fassung“ schreit diese nämlich – statt ängstlich die Qualen der Folter abzuwarten – dem verdutzten Sozialisten ins Gesicht: „Natürlich bin ich ein Hase! Siehst du das denn nicht?“ Und da dieser so viel Unverfrorenheit inmitten seiner Claqueure nicht gewohnt ist und flexibles Reagieren seinem Wesen nach auch gar nicht stattfinden kann, entkommt das kleine Fellknäuel seinem Peiniger und stellt ihn bloß. Und weil die Lösung so einfach ist, schicken sie das folgende Motto doch per E-Mail weg, kleben Sie es aufs Auto oder sprühen sie es am besten an jede Wand: „Neue Hasen braucht das Land!“

Link

Unfallkasse RLP „Clever mit dem Bus fahren“ (hängt in jedem rheinland-pfälzischen Klassenzimmer und an Haltestellen aus)


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Udo Geißler

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