03. Juni 2014

Vietnam-Krieg Quizduell mit Mehrfachnennungen

Auch die von Hanoi gesteuerten Truppen massakrierten Dorfbevölkerungen

Wir saßen im „Café Cong“, schlürften Mojitos und spielten „Quizduell“. Das Cong liegt gegenüber der Saint Joseph-Kathedrale von Hanoi an einem Platz, wo abends das Jungvolk der vietnamesischen Hauptstadt chillt. Ungeheuer was los! Die Bar selbst ist meistens nicht überfüllt, was am gehobenen Preisniveau liegt. Man hat sie auf Guerilla-Chic gestylt. Lampenschirme aus Woks, Speisekarten wie militärische Logbücher, nacktes Mauerwerk, alte Zinnkannen und Stapel von vergilbten Ho-Chi-Minh-Tagebüchern sollen die Idee nähren, in einem Unterstand des Vietcong zu hocken, der einstigen Untergrundarmee namens „Vietnamesische Kommunisten“. Die Betreiber sind alles andere als kommunistisch gepolt. Sie möchten Namen und Konzept des Cafés am liebsten urheberrechtlich schützen lassen, um das Ganze zu einer Kette auszubauen, gern auch im Ausland.

Mit dem Quizduell verhält es sich so: das ist eine App der ARD, die so funktioniert wie die Pilawa-Sendung. Man spielt gegeneinander, in unserem Fall quer über das Tischchen im Cong, von iPhone zu iPad. Wählt vorgegebene Themenpakete aus, bekommt dann Fragen mit jeweils vier Antwortmöglichkeiten geliefert. Gar nicht so einfach. Ich scheiterte unter anderem an der Frage, welcher afrikanische Staat noch nie Mitglied in einer afrikanischen Handelsorganisation war. Marokko, hätten Sie`s gewusst?

Irgendwann, in der durch Ventilatoren gemilderten Affenhitze einer Hanoier Mai-Nacht, fällt einem beim Spielen im Cong unvermeidlich ein, welche Frage unbedingt ins Quizduell gehört. Nämlich die nach der Schuld am Vietnamkrieg. Er wird auch der zweite Vietnam- beziehungsweise der zweite Indochinakrieg genannt und dauerte offiziell 20 Jahre, von 1955 bis zum Fall Saigons im Jahre 1975. Tatsächlich dauerte er viel länger. Denn nach dem Sieg der Nordvietnamesen begannen diese einen neuen Feldzug, und zwar gegen weite Teile der südvietnamesischen Bevölkerung. Foltercamps, Sklavenarbeits- und Umerziehungslager, Massenhinrichtungen, Vergewaltigungen, Raubzüge und Demütigungen führten zu einem Exodus von Millionen Südvietnamesen. Von den „Boat People“ kam geschätzt eine Viertelmillion bei der Flucht über das Meer um.

Dem Ruf Vietnams, dessen Machthaber heute in so ziemlich jeder internationalen Organisation und an jedem Konferenztisch der Welt sitzen, haben die nordvietnamesischen Verbrechen im und nach dem Krieg keineswegs geschadet. Nachhaltig geschadet hat der Vietnamkrieg dem Image der Amerikaner, deren Kriegsverbrechen – beispielsweise das Massaker in My Lai - von ihren eigenen Medien aufgedeckt und angeprangert wurden.

Also, waren die Hauptschuldigen am Vietnamkrieg a) die Nordvietnamesen? b) die Südvietnamesen? c) die Russen und die Chinesen? d) die Amerikaner? Ich wette, die meisten Deutschen würden d) anklicken. Wahrscheinlich sogar die meisten Amerikaner, sofern sie in San Francisco, Seattle, Boston oder New York City sozialisiert wurden.

Der Vietnamkrieg war Gründungsmythos und Kitt der Studentenbewegung, in den USA genauso wie in Europa. Bis heute glauben hierzulande die Veteranen der Generation Dutschke – auch deren Kinder und bald wahrscheinlich sogar die Kindeskinder –, in Vietnam habe so etwas wie ein gerechter Krieg stattgefunden, den die Amerikaner und ihre Handvoll südvietnamesischer Lakaien historisch verdientermaßen verloren hätten. Den Genossen im heutigen Zentralkomitee der vietnamesischen Einheitspartei kann man daher kaum vorwerfen, dass sie ihre Kriegs- und Vorkriegsgeschichte hemmungslos klittern.

Was zu merkwürdigen Ungleichzeitigkeiten führt.

Auch im Großraum Hanoi brummt die Wirtschaft jetzt im Overdrive, wie es in Saigon längst der Fall ist. Fast jeder Einwohner besitzt ein Moped, viele sind auf blitzende, brandneue Roller umgestiegen. Die etwas fetteren Katzen fahren Toyota, manche Lexus. Mercedes, Audi und BMW sind auf der zentralen Trang Tien-Straße ebenfalls präsent, und ein Bentley oder ein Ferrari quält sich manchmal sogar durch die verstopften Gassen der Altstadtquartiere. Exklusive Shoppingzentren sowie Läden, Bars und Restaurants für alle Geldbeutel eröffnen im Wochentakt. Und an jeder zweiten Ecke in Hanois Innenstadt wirbt ein Reisebüro, das hauptsächlich von ausländischen Touristen lebt, für Ausflüge etwa zur Halong-Bucht. Smartphones sind Standard, die Nachfrage nach Englischlehrern ist riesig – die Preise pro Unterrichtsstunde hätten sich, erfuhren wir, innerhalb kurzer Zeit verdreifacht. Falls Gretchen Dutschke ihren mal in einem Interview geäußerten Abscheu gegen die furchtbare Konsumgeilheit des neuen Vietnam halbwegs zu unterdrücken vermochte und noch immer Englisch in Hanoi unterrichtet – jetzt kann sie in dem Job gut Geld verdienen.

Ideologisch herrscht noch Kriegsverdunkelung in Hanoi. Selbstredend hat die Regierung in diesem Jahr, zum 60. Jahrestag der Schlacht von Dien Bien Phu, welche das Ende des französischen Kolonialregimes (nicht nur in Vietnam, sondern in ganz Indochina) markierte, die halbe Stadt in Spruchbänder und Plakate verpackt. Die besingen das strategische Glanzstück des im offiziellen Vietnam neben „Onkel Ho“ meistbeweihräucherten Mannes, General Vo Nguyen Giap. Was in Ordnung geht, denn beim ersten Indochinakrieg und seinem langen Vorlauf handelte es sich um einen antikolonialen Befreiungskampf, dessen Berechtigung außer Frage steht. Wer aber in einem der Museen und Heldengedenkstätten der Hauptstadt versucht, sich über den zweiten Vietnamkrieg (in Vietnam gelegentlich auch „amerikanischer Krieg“ genannt) zu informieren, gerät in eine Nebelbank aus Lügen, Desinformationen, Viertelwahrheiten und Weglassungen; so dicht, dass der Besucher bald die Lust verliert, sich fairerweise auch mal mit der nordvietnamesischen Sichtweise der Dinge zu beschäftigen.

Kommt hinzu, dass die Propagandaorgie auch noch stinklangweilig ist. Wer sich im Nationalmuseum für Geschichte unweit des prächtigen Opernhauses von Hanoi in der Abteilung Vietnamkrieg umschaut, bekommt für umgerechnet zwei Dollar überwiegend Devotionalienplunder geboten – bis hin zu einem zerschlissenen Kleidungsstück, das irgendein nordvietnamesischer Kommisskopp mal trug. Da ist nicht ein einziges Foto, nicht das kleinste Dokument, das Zweifel an der offiziellen, seit Jahrzehnten festgetackerten Geschichtsdeutung zuließe: Wir in Nordvietnam waren die Guten. Wir haben das kapitalistisch unterjochte Südvietnam befreit und das Land geeint.

Dabei handelte es sich in Wahrheit um einen schleichenden Angriffskrieg des kommunistischen Nordens gegen den Südteil des bei der Genfer Konferenz von 1954 „vorläufig“ geteilten Landes. Der Süden war in vielerlei Hinsicht korrupt und undemokratisch, genauso wie der Norden. Er wurde von Washington gestützt, während hinter dem Norden Moskau und Peking standen. Die relativierende Vorstellung vom Vietnamkrieg als einem klassischen Stellvertreterkrieg trägt dennoch nicht wirklich. Es waren ja von Anfang an die Scharfmacher des Nordens, die den Süden infiltrierten, nicht umgekehrt. Die allermeisten Südvietnamesen waren heilfroh, nicht im Nordteil des Landes leben zu müssen. Dort hatte eine Landreform nach kommunistischer Art stattgefunden, bei der 50.000 Bauern und andere, von den Franzosen „Korrumpierte“, ermordet wurden.

Der Norden schleuste peu à peu immer mehr Kämpfer und Waffen in den Süden,  zumeist über den so genannten Ho-Chi-Minh-Pfad durchs neutrale Laos. Die wahnsinnigen Flächenbombardements der Amerikaner und ihre schändlichen Entlaubungsaktionen mit dem hochgiftigen „Agent Orange“, die bis heute an Vietnamesen nachwirken, sie kamen erst viel später. Den Grundstein für die vietnamesische Tragödie hatte der Norden gelegt. Davon, wenig erstaunlich, erfährt man in Hanoi nichts.

Besonders dreist kommt die Propaganda im Hoa-Lo-Gefängnis daher. Das Museum war während der französischen Kolonialzeit ein furchtbarer Ort, in dem Rebellen (auch weibliche) gefoltert wurden. Im zweiten Vietnamkrieg saßen hier US-Kriegsgefangene ein, denen dasselbe Schicksal widerfuhr. Im berüchtigten „Hanoi Hilton“ wurde neben vielen anderen auch der republikanische US-Politiker John McCain jahrelang gequält, nachdem sein Jagdflugzeug über Hanoi abgeschossen worden war. McCain erlitt in der Haft Behinderungen, die bis heute andauern. Eine zynische Ausstellung im Gefängnis will glauben machen, dass man ihn rührend medizinisch versorgt habe. Auf anderen Fotos sind Kameraden von McCain zu sehen, die vor der Kamera ihrer Peiniger einen fidelen Gefängnisalltag simulieren mussten, inklusive Weihnachtsbaum schmücken, Billard spielen und Essen zubereiten. In Vitrinen sind Rasierutensilien, saubere Wäsche oder Packungen mit Winston-Zigaretten ausgestellt, die den Gefangenen angeblich zur Verfügung standen.

Bilder. Es waren Bilder, die den zweiten Vietnamkrieg entschieden haben. Bilder vor allem von amerikanischen Journalisten; Bilder, die jeder kennt. Sie wurden zu Ikonen der westlichen Antikriegsbewegung: Der südvietnamesische Polizist, der einen vermeintlichen Vietcong auf der Straße mit einem stummelläufigen Revolver hinrichtet. Das „Napalm-Mädchen“, das weinend auf die Kamera zuläuft, im Hintergrund der Pilz einer gewaltigen Explosion. Die widerwärtig grinsenden GI, mit Zigaretten in der Fresse vor den Leichen getöteter Feinde posierend. Der Schützenpanzer, der eine angebundene Leiche hinter sich her schleift. Der US-Soldat, der seelenruhig eine Schilfhütte in irgendeinem Dorf entzündet, das der Unterstützung von Vietcong-Kämpfern verdächtig war. Manche dieser Bilder sind in Hanoi ausgestellt, andere im „War Remnants Museum“ von Saigon. Es sind Bilder aus den Kameras westlicher Korrespondenten. Sie waren wirkungsmächtiger als die massive militärische Unterstützung der Nordvietnamesen durch Russland und China. Solche Bilder wollte irgendwann niemand mehr sehen. Sie drehten die Stimmung in den USA und bei ihren westlichen Verbündeten.

Aber wo sind die Bilder der Gräuel, die von Nordvietnams Armee und den Vietcong-Einheiten begangen wurden? Dass in diesem Krieg von beiden Seiten serienweise Verbrechen auch gegen die Zivilbevölkerung begangen wurden, steht außer Frage. Der langjährige Springer- und kurzzeitige „Stern“-Korrespondent Uwe Siemon-Netto hat in einem kürzlich erschienenen Buch über seine Zeit als Kriegsberichterstatter beschrieben, dass sich „Charlie“ (wie der Vietcong im Jargon der US-Soldaten genannt wurde) in keiner Weise anders verhielt als amerikanische und südvietnamesische Soldaten. Auch die von Hanoi gesteuerten Truppen massakrierten Dorfbevölkerungen, wenn sie nur glaubten, diese kollaborierten mit Saigon und den Amerikanern. Bloß waren sie nicht so dumm, sich bei ihren Schlächtereien auch noch fotografieren zu lassen und die Bilder an die „New York Times“ zu schicken.

Sollten aber doch ein paar Fotos dieser Art existieren, dann liegen sie in irgendeinem Giftschrank der vietnamesischen Militärs. Mag sein, dass sie irgendwann aus den Archiven der Geschichtsfälscher gehoben werden, zusammen mit anderen Dokumenten. Glasnost dauert gewöhnlich ein bisschen. Wer in dreißig Jahren oder so nach Hanoi reist, wird vielleicht mehr besichtigen können als nur ein ostasiatisches Wirtschaftswunder.

Das Quizduell zu Vietnam ginge dann anders aus. Vorausgesetzt, Mehrfachnennungen wären möglich.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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