25. Juni 2014

Ayn Rand Tochter der Freiheit und Göttin des Kapitalismus

In Deutschland weitgehend unbekannt

„My philosophy, in essence, is the concept of man as a heroic being, with his own happiness as the moral purpose of his life, with productive achievement as his noblest activity and reason as his only absolute.“

(„Meine Philosophie besteht im Wesentlichen aus der Auffassung vom Menschen als heroischem Wesen, mit seinem eigenen Glück als moralischem Ziel seines Lebens, mit produktiver Leistung als seiner edelsten Tätigkeit und Vernunft als seinem einzigen Absoluten.“)

Kapitalismus ist in Deutschland ein in der allgemeinen Wahrnehmung negativ besetzter Begriff. Nicht nur, dass sich schon sein Wortklang kalt, hart und unpersönlich ausnimmt, so meint man darüber hinaus doch stets – wie von einer leisen, diffusen und undefinierbaren Stimme geflüstert – in seiner Gegenwart auch Begrifflichkeiten wie Imperialismus, Ausbeuterei, Kriegstreiberei, Darwinismus, Recht des Stärkeren und ohnehin eigentlich das Böse schlechthin zu vernehmen. Eine Art Pawlowscher Reflex gleichsam, auf den uns Sozialisten und Kollektivisten über Jahrzehnte erfolgreich konditioniert haben. Deshalb ist der Kapitalismus selbst von seinen Anhängern begrifflich verleugnet worden. Die Unterstützer dieser auf Leben, Freiheit und Eigentum basierenden Gesellschaftsordnung (ich sage Gesellschaftsordnung, nicht lediglich Wirtschaftsordnung!) nennen sich heute nicht Kapitalisten, sondern Liberale, Libertäre, Marktwirtschaftler, bisweilen gar Anarchisten. Dementsprechend bezeichnen sie auch die von ihnen präferierte Ordnung – verkürzend – als Marktwirtschaft, freie Marktwirtschaft, „soziale“ Marktwirtschaft, „Privatrechtsgesellschaft“ oder gar Anarchie. Der Vorsitzende der FDP, Christian Lindner, geht sogar soweit, sich von der „Süddeutschen Zeitung“ zu der Aussage „Wir sind keine Kapitalisten“ hinreißen zu lassen. Gemeint hat er freilich, dass wir keine Korporatisten sind; den Kapitalismus verleugnet hat er gleichwohl.

In den Vereinigten Staaten bietet sich hingegen ein anderes Bild. Dort ist „capitalism“ ein über weite Gesellschaftsteile hinweg allgemein akzeptierter Begriff – beschreibt er doch das Ideal von 1776: „Wir erachten die folgenden Wahrheiten als ausgemacht: Dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit einigen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind und dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“ Die Akzeptanz des Kapitalismus in Amerika – jenseits von Lesezirkeln, Grand Old Party und Intellektuellenkreisen – geht aber auch und vor allem auf das Wirken einer ganz besonderen, in Deutschland weitgehend unbekannten Frau zurück: Ayn Rand.

Ayn Rand wurde am 02. Februar 1905 (nach unserem Gregorianischen Kalender) als Alissa Sinowjewna Rosenbaum, Tochter wohlhabender, deutschstämmiger Juden, in Sankt Petersburg geboren. Während ihrer Kindheit und Jugend erlebte sie mit, wie ihre Familie von den Sowjets enteignet wurde. Es folgten Flucht und Vertreibung – erst in die Ukraine, dann auf die Krim, wo Alissa mit 16 Jahren ihren Schulabschluss machte. Zurück in ihrer – mittlerweile in „Petrograd“ umbenannten – Heimatstadt studierte sie Philosophie und Geschichte und wechselte im Jahre 1924 an das Staatliche Institut der Filmkünste, um sich ihren Traum vom Drehbuchschreiben zu erfüllen. Alissa Rosenbaum hatte bereits im Alter von neun Jahren beschlossen, Schriftstellerin zu werden. In Werken von Victor Hugo und anderen fand sie – wenngleich nur hinter dem Nebel der sozialistischen Uminterpretation durch die Machthaber–  ihr Idealbild von einer Welt, in der sie leben wollte. Die Vereinigten Staaten von Amerika sollten die Entsprechung ihres Ideals in der Realität sein; sie bezeichnete die USA später als „das edelste Land in der Geschichte der Menschheit“. Als sich der jungen Frau 1925 die Möglichkeit bot, ihre Verwandten in Chicago zu besuchen, packte sie die Gelegenheit beim Schopfe. Am 17. Januar 1926, dem Tag ihrer Abreise aus der verhassten Sowjetunion, erklärte sie gegenüber ihrer Familie: „Wenn ich zurückkomme, werde ich berühmt sein.“

Berühmt wurde sie in der Tat. Doch niemals wieder sollte Alissa Rosenbaum einen Fuß auf russischen Boden setzen. Mit ihrer Ankunft in Manhattan einen Monat später änderte sie ihren Namen in „Ayn Rand“; Alissa Sinowjewna Rosenbaum hatte aufgehört zu existieren. Nichts sollte mehr an Russland, die Erlebnisse und Erfahrungen ihrer Kindheit und frühen Jugend erinnern – weder sie selbst noch sonst irgendwen. Ihr Pseudonym ließ noch nicht einmal einen Schluss auf das Geschlecht, geschweige denn Herkunft oder gesellschaftliche Zugehörigkeit zu. Lediglich zwei Dinge hatte Ayn Rand aus Russland mitgebracht: Den tiefen Hass auf jede, wie auch immer geartete Form von Kollektivismus und ihren Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Und so, nur mit ihren eigenen Ideen bewaffnet, ging sie nach Hollywood. Und wurde Drehbuchautorin.

Nachdem sie 1931 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, verkaufte sie ihr erstes eigenes Drehbuch ein Jahr später an die Produktionsfirma Universal Pictures. Sie lernte in Hollywood auch ihren späteren Ehemann Frank O’Connor kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod zusammen blieb.

1936 veröffentlichte Ayn Rand den Roman „We the Living“, in dem sie Kindheit und Jugend der jungen Russin Kira vor dem Hintergrund der allmächtigen und alles kontrollierenden Sowjetunion beschreibt.

Fortan widmete sie sich vermehrt der Schriftstellerei und entwickelte schrittweise ihre politisch-philosophischen Ansichten zu Freiheit und Kapitalismus, die sie als „Objektivismus“ bezeichnete. Diese Ideen, die Ayn Rand sukzessive verfeinerte und konsequent auf alle zur Philosophie gehörenden Bereiche und mit ihr zusammenhängenden Fachgebiete anwendete, schrieb sie nicht nur lehrbuchhaft auf. Vielmehr verpackte sie sie in Romanform und entwarf in ihren beiden Hauptwerken „The Fountainhead“ (1943) und „Atlas Shrugged“ (1957)Helden wie Howard Roark, Hank Rearden, Dagny Taggart oder John Galt, die Ayn Rands Idealbild vom Menschen darstellten: Der Mensch, wie er sein könnte und wie er sein sollte – unabhängig, stolz, selbstbewusst, freiheitsliebend, produktiv, rational, ehrlich, gerecht, sich selbst genügend, lebensbejahend, glücklich, wohlhabend, schlicht: das Gute verkörpernd. Zum ersten Mal in der Geschichte freiheitlicher Philosophie war es Ayn Rand gelungen, den Kapitalismus nicht nur wegen seiner praktischen Nützlichkeit in Wirtschaftsfragen, sondern als Grundprinzip, als freiheitliches Gesellschaftsideal, zu verteidigen.

Auf diese Weise wurde Ayn Rand zur Bestsellerautorin und zum Star der Republikanischen Partei – und das, obwohl sie einen radikalen Atheismus vertrat. Für Ayn Rand war klar: Selbstaufopferung ist in jedem Falle böse und verachtenswert, gleichgültig ob für die Gesellschaft oder für Gott. Sie schrieb: „Sie kennen keine Moralvorstellungen außer der mystischen oder der sozialen. Ihnen wurde beigebracht, dass Moral ein Verhaltenskodex ist, der einem wie eine Laune übergestülpt wird, entweder die Laune einer übernatürlichen Macht oder aber die Laune der Gesellschaft; dass Sie Gottes Zweck dienen sollen oder dem Wohlergehen Ihres Nachbarn; eine Autorität im Jenseits anzubeten oder aber eine andere hinter der Tür zur nächsten Wohnung; nicht aber, Ihrem eigenen Leben oder Wohlergehen dienlich zu sein.“

„Über Jahrhunderte hinweg wurde die Schlacht um die Moral zwischen denen ausgetragen, die behaupteten, Ihr Leben gehöre Gott und denen, die behaupteten, es gehöre Ihren Nachbarn; zwischen denen, die gepredigt haben, das Gute sei Selbstaufopferung zum Wohle von Geistern im Himmel und denen, die der Meinung waren, das Gute sei Selbstaufopferung zum Wohle der Unfähigen dieser Erde. Aber keiner kam und sagte Ihnen, dass Ihr Leben Ihnen gehört und dass das Gute darin besteht, es zu leben.“

Nicht einmal das Angebot eines republikanischen Geschäftsmannes, Ayn Rand eine Million Dollar zahlen zu wollen, wenn sie ihre Philosophie um einen Gott erweiterte, konnte sie von ihrer Auffassung abbringen. Der Objektivismus blieb atheistisch.

In der Folgezeit verfasste Ayn Rand auch Sachbücher, Artikel, Zeitungsbeiträge, hielt Vorträge und trat im Fernsehen auf. Ihrem privaten und elitären New Yorker Denkerclub, scherzhaft „The Collective“ genannt, gehörte neben weiteren einflussreichen Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Gesellschaft beispielsweise auch Alan Greenspan an, der Ayn Rands Romane einst als „Feier des Lebens und des Glücks“ lobte.

Ayn Rand blieb zeit ihres Lebens kinderlos und verstarb am 6. März 1982 in New York. Ihre Werke sind in einer Gesamtauflage von über 25 Millionen Exemplaren erschienen und zählen bis heute zu den einflussreichsten politischen Romanen der Welt.


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Autor

Karsten Gröger

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