30. Juni 2014

Sexualität Privat ist privat

Wieso die Politik ihre Finger von der Sexualität zu lassen hat

Sexualität. Das ist so ein monströses Wort, bei dem eigentlich jeder weiß, was es bedeutet, aber trotzdem nach Worten gerungen wird, wenn es ans Erklären geht. Was ist Sexualität?

Sexualität ist immer etwas zwischen zwei (manchmal auch mehr) Menschen. Und dieses „Etwas“ sind alle Verhaltensweisen, die sich auf das Geschlecht beziehen. Das bedeutet konkret, dass vom Flirtversuch über einen Kuss bis hin zum Sex alles in diesem Wort vereint wird. Sogar die Liebe zwischen zwei Menschen.

Wie komme ich jetzt darauf, dass sich die Politik in dieses privateste aller Themen einmischen möchte?

Dies ist einfach dem Umstand geschuldet, dass an meiner Universität eine Veranstaltung namens „Vögeln ist schön“ mit der Autorin des gleichnamigen Buchs, Ulrike Heider, durch das Referat für Politische Bildung (kurz: PolBil) organisiert wurde. Mich stört nicht, dass Frau Heider dieses Buch geschrieben hat oder an meiner (überhaupt einer) Universität solch eine Lesung hält. Was mich allerdings sehr besorgt, ist, dass diese Veranstaltung durch das Referat für Politische Bildung organisiert wurde.

Denn das Einzige, was dieser Vortrag mit politischer Bildung gemein hatte, ist die unglaublich einschläfernde Wirkung desselben.

Die Lesung begann mit einer kurzen Erzählung über die Ereignisse an einer hessischen Provinzschule, die in den 60er Jahren passierten und denen das Buch von Ulrike Heider quasi seinen Namen verdankt. Denn 1967 stand an einer Wand eben dieser Schule „Vögeln ist schön!“ und war eine Kampfansage an das konservativ geprägte Establishment.

Nach diesem mehr oder minder faktenarmen, historischen Rückblick ging die Autorin dazu über, von ihren persönlichen Erfahrungen aus dieser Zeit zu berichten, sprich auf tonloseste Art und Weise aus ihrem Buch vorzulesen.

Besagte Erfahrungen sammelte die junge Ulrike nach eigener Aussage bei der Beobachtung des Liebeslebens ihrer Freundinnen, in der selbsterlebten Promiskuität und in einer Dreiecksbeziehung mit einer Freundin und einem Bekannten.

Mit „Konservativen, Liberalen oder verklemmten Spießern“ hätte sie, im Gegensatz zu anderen Frauen, nie Probleme gehabt.

Interessanterweise vergisst Ulrike Heider nicht, darauf hinzuweisen, dass diese Erfahrungen nur durch den ökonomischen Wohlstand dieser Zeit gemacht werden konnten.

Nachdem sich die Autorin einige Zeit in der Kritik des Feminismus und Antifeminismus ab 1975 ergangen hatte, stellenweise unter pubertärem Gegacker der Anwesenden, die neben einer meist sozialistischen Einstellung auch Bier en masse mitgebracht hatten, las Ulrike Heider eine Stelle ihres Buches über die Kommune 2 (K2) von 1967 vor, in der antiautoritäre Erziehung praktiziert, wenn nicht gar zelebriert wurde. In dieser Kommune war unter anderem die Meinung vorherrschend, dass die kindliche Sexualität nicht nur geduldet, nein, sogar gefördert werden müsse.

Später in der Diskussion lautete Heiders Kommentar dazu: „Das war eben damals so!“ – und ernte damit breite Zustimmung bei den Anwesenden.

Die Lesung schloss die Mittsechzigerin mit dem Wunsch einer rationaleren Aufarbeitung dieser Zeit und vor allem der Geschehnisse in der K2, die heute mit heftigsten Pädophilievorwürfen gegen grüne Politiker verbunden wird.

Sofern man mit einer voyeuristischen Persönlichkeit gesegnet ist, mag dieser Vortrag durchaus interessant gewesen sein, die Erzählungen über die persönlichen Erfahrungen der Autorin gingen sehr tief.

Doch selbst dann muss man sich fragen, was genau dieser Vortrag mit politischer Bildung an einer Universität zu tun hat. Denn das Buch scheint sich wohl eher mit der gesellschaftlichen Bewegung der 68er zu beschäftigen als mit den beispielsweise tatsächlichen, realpolitischen Erfolgen einer Alice Schwarzer, die nur in einem Halbsatz erwähnt wurde.

In der nachfolgenden Diskussion schienen die Anwesenden mit der Autorin darüber einig, dass die Politik, die Gesellschaft, mit Hilfe der Sexualität geändert werden könnte. Auch wenn schleierhaft bleibt, wie das vonstattengehen sollte, wirft es doch die entgegengesetzte Frage auf: Sollte die Politik in der Lage sein, die Sexualität zu beeinflussen? Ist die Einmischung von außen nicht ein mögliches Problem, wenn man Sexualität als politisches Mittel einsetzt? Könnte dieser Plan nicht wie ein Bumerang wieder zurückkommen?

Wie oben schon definiert, ist die Sexualität etwas Privates. Die Politik in einer Demokratie spiegelt aber (idealerweise) immer den Willen des Volkes, der Öffentlichkeit, also des Gegenteils von Privatheit, wider. Diese beiden Begriffe schließen sich also von vorneherein aus.

Gibt man der Politik die Möglichkeit, sich in die Sexualität der Menschen einzumischen, erreicht man nicht größere Freiheit in der Lebensgestaltung, sondern die größte Unfreiheit, die ein Mensch sich vorstellen kann. Die Unfreiheit in den eigenen vier Wänden!

Und deshalb kann die Antwort nur lauten, dass sich die Politik aus der Sexualität der Menschen herauszuhalten hat. Oder wie es mir gegenüber mal jemand ausdrückte: „Fotzen werden privat geleckt!“

Und dieser Satz trifft den Nagel auf den Kopf. Was man oder frau im eigenen Schlafzimmer, auf der eigenen Couch oder dem Küchentisch macht, geht niemanden etwas an. Was privat ist, sollte auch privat bleiben und nicht aus ideologischen, politischen oder sonst welchen Gründen gewaltsam in das öffentliche Rampenlicht gezogen werden, sei es im positiven oder negativen Sinne. Wenn sich die Öffentlichkeit nicht einzumischen hat, dann ist jeder frei, zu lieben, wie und wen er möchte oder auch nicht zu lieben, und niemand braucht sich einer Beurteilung von außen hingeben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Töchter der Freiheit.


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