01. Juli 2014

Immobilien Verwaiste Innenstädte

Veränderungen erscheinen lästig

Zu den immer wieder auftretenden, nicht zu überhörenden Klagen über die Marktwirtschaft gehören jene, dass nicht zentral überwachte Anpassungsprozesse ästhetische Verwerfungen hervorrufen: Zwar seien Internethandel und Fachmarktzentren auf der grünen Wiese sehr praktisch, dafür stürben aber die Innenstädte aus. Vorgetragen werden solche Klagen nicht selten von Kapitalismuskritikern, die sich mit dieser Stimmungsmache (unbewusst) vor den Karren der „Immobilienkapitalisten“ spannen lassen.  Besitzer von Innenstadtgewerbeimmobilien und Parkraumbewirtschafter, in der Regel die Städte, sind selbstredend nicht begeistert über die wachsende Konkurrenz im Einzelhandel und stimmen daher in das Wehklagen ein.

Der Kostennachteil der Innenstadtläden, welche die unmittelbar Leidtragenden der Entwicklung sind, ist schnell erklärt: die teuren Mieten in den Ballungszentren, die nicht zweckspezifische Konzeption der Räumlichkeiten und Zufahrtswege (zum Beispiel mittelalterliche Stadtkerne), Ladendiebstahl, die Unterauslastung der Verkaufsmitarbeiter zu weniger geschäftigen Tageszeiten.

Internethändler hingegen betreiben ihr Geschäft unter umgekehrten Vorzeichen. Paketpacker und ‑zusteller kennen keine Langeweile am Arbeitsplatz. Die Folge: Einzelhandelsunternehmen müssen Insolvenz anmelden, Ramschläden übernehmen interimsmäßig frei werdende Flächen. Ist das große Wehklagen also berechtigt? Ja, aber nur insoweit als jeder Wandel immer den Verzicht  oder die Änderung von Gewohnheiten bedeutet und Menschen Gewohnheitstiere sind, denen oftmals jede Veränderung lästig erscheint. Unter dem Strich ist jedoch die Anpassung der Innenstadtmieten und die Umwidmung bestimmter Verkaufsflächen nicht mit dem Verwaisen der Innenstädte gleichzusetzen. Dort, wo Kaufkraft vorhanden ist und wo Menschen Zeit haben, ihre Kaufkraft bei strahlendem Sonnenschein an den (Geschäfts-) Mann zu bringen, werden sie es tun. Stagnierende Mieten für Ladenlokale in Innenstädten ändern daran nichts. Dies hat auch IKEA erkannt, und weil die Möbelhauskette ihre Strategie an Tatsachen ausrichtet und nicht an Weltuntergangsphantasien irgendwelcher Kulturpessimisten, experimentiert sie seit Neuestem mit einem Citystore in einer deutschen Innenstadt. Florierende Innenstädte können also gegen die Konkurrenz bestehen – wohlgemerkt dort, wo der staatliche Moloch den Menschen genug Kaufkraft und Zeit übrig lässt: „IKEA in Hamburg-Altona“ lautet die hoffnungsfrohe Botschaft.


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Rainer Ammon

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