02. Juli 2014

Erster Weltkrieg Zwei Schüsse vor 100 Jahren

Wir schlafwandeln wieder

Am vergangenen Samstag war es 100 Jahre her, dass ein serbischer Nationalist in Sarajevo zwei Schüsse auf Großherzog Franz Ferdinand, den offiziellen Thronfolger des Großimperiums Österreich-Ungarn, abgab. Dies führte dann nicht nur zum Tod desselben und – angeblich ungewollt durch einen Quer­schläger – auch von dessen Ehefrau, sondern auch zu einer massiven politischen Verstimmung zwi­schen der habsburgischen Machtzentrale in Wien und dem Königreich Serbien. Daraus wiederum wurde eine massive, auch von anderen Großmächten artikulierte Krise. Daraus dann eine Kriegsdro­hung seitens Österreich-Ungarns und des Deutschen Reichs. Aus der Drohung alsdann die Erklärung und der Ausbruch des Kriegs gegen Serbien. Als weitere Folge wiederum der Krieg auch mit allen anderen Großmächten. Aus diesem ein veritabler Weltkrieg mit 70 Millionen unter Waffen und 17 Millionen Toten. Und schließlich fast nahtlos gleich noch ein zweiter solcher Weltkrieg mit Einbezug auch fernerer Mächte aus dem Westen und dem Osten mit über 60 Millionen Toten, unter anderem aus industrialisierten Massenmorden ganzer Rassen und Völker. 30 Jahre hat diese globale Apoka­lypse gedauert. Und all dies wegen zwei Schüssen?

Natürlich nicht einfach deswegen. Aber bemerkenswert ist es allemal, wie schnell, ja explosionsartig sich dieser weltweite Flächenbrand ausgebreitet hat. Da muss eine akute Brandgefahr bereits vorbe­standen haben, die man irgendwie verschlafen hatte: „Schlafwandler“ waren das damals vor 100 Jahren, wie es der Historiker Christopher Clark auf den Punkt bringt.

Doch worin bloß bestand jene Brandgefahr? Eine Frage, die vor allem deshalb interessiert, weil die gleiche Gefahr vielleicht noch immer besteht und man die Vermeidung einer nächsten solchen Kata­strophe ja nicht erneut verschlafen will.

Zumindest ein Element jener Brandgefahr waren sicher die hypertrophierten Machtkonzentrationen, die aus den fehlgeschlagenen Revolutionsversuchen nur umso üppiger hervorgewachsen waren: Das administrativ professionalisierte Großrussland, der unter Preußen zusammengefasste Nationalstaat Deutschland, das globale British Empire und nicht zuletzt das zur Doppelmonarchie gebündelte Ös­terreich-Ungarn. Das waren Superballungen mit Aggressionspotentialen, wie sie die Menschheitsge­schichte bis dahin nicht gekannt hatte. Kein Wunder reichten da zwei Schüsse, und all diese Giganten – ob von den Schüssen getroffen oder nicht – gingen mit ihren Tötungsorganisationen aufeinander los. Und kamen erst wieder zur Ruhe, als alles kaputt war.

Und dann? Dann schrien zunächst einmal alle, die überlebt hatten: „Nie wieder!“ – und gingen am nächsten Tag daran, gleich wieder neue Machtballungen aufzugleisen. Und dies mit großem Erfolg. Das heutige Ergebnis sind Machtkonzentrationen, neben denen die Großreiche des 19. Jahrhun­derts wie kleine Bürgerwehren daherkommen. Und waren es damals noch mehrere einigermaßen gleich Starke, ist es heute so gut wie eine einzige Megamacht, die daran ist, die Welt mit ihrer Herrschaft zu überziehen. Ihre Armee ist so groß wie alle anderen Armeen zusammen. Ihr Überwa­chungsnetz umspannt den ganzen Globus. Widerstand regt sich höchstens noch zag­haft aus Russland.

Ich weiß ja nicht, wie die Apokalypse diesmal aussehen wird. Ich weiß nur, dass wir wieder schlaf­wandeln.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Basler Zeitung“.


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